Baustelle
Mit Mauertafeln schwieriges Konzept realisiert
Zu schwer war der gewählte Baustoff beim Neubau eines Projektes am Dresdner Neumarkt. Mit Mauertafeln aus Porenbeton stand der Realisierung nichts mehr im Wege.
Während nach dem Krieg die schweren Zerstörungen historischer Stadtteile vielfach als Chance für einen Wiederaufbau im Stil der Zeit begriffen und genutzt wurden, werden die Qualitäten historischer Stadtbilder inzwischen wieder geschätzt. Dass mussten auch die Verfechter einer konsequent modernen Bebbauung für den Dresdner Neumarkt erfahren und schließlich ein Konzept akzeptieren, das eine Bebauung mit rekonstruierten und modernen Bauwerken gleichermaßen vorsah. Die Erstellung der Bauten jedoch orientierte sich an den zeitgemäßen Erfordernissen. Bald war die Rede vom "Betonbarock", weil vorwiegend moderne Baustoffe und Bautechniken eingesetzt wurden und konventionelle Bauweisen vielfach außen vor blieben.
Unmittelbar gegenüber der Frauenkirche etwa wurde das sogenannte Quartier 1 (QF 1), das als erstes von insgesamt 8 geplanten Quartieren wieder aufgebaut wurde, weitgehend mit Betonfertigteilen erstellt. Davor kam anschließend ein Mix aus historisch nachempfundenen und modernen Fassaden. Optisch tritt dabei besonders die Fassadenbekleidung des Hauses »An der Frauenkirche Nr. 3« hervor: Die Konstruktion der vorgehängten Fassade aus Natursteinen, die wie ein Mantel den Hauskern umschwebt, gelang mit großformatigen Mauertafeln aus Porenbeton. Im Dachbereich konnten durch den Einsatz des hochwärmedämmenden Baustoffs sowohl die Anforderungen an die Wärmedämmung und als auch an den Brandschutz erfüllt werden.
Mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche sollte auch der Neumarkt wieder zu einem attraktiven und lebendigen Teil des Dresdener Stadtzentrums werden. Das einstige Herz der Barockstadt, das sich bis zu seiner fast vollständigen Zerstörung im Februar 1945 als ein geschlossenes Ensemble des bürgerlichen Barocks präsentierte, fristete jahrzehntelang ein trübes Dasein als Parkplatz. Die nach dem verheerenden Bombenangriff verbliebenen Reste waren nach 1945 abgetragenen und in das weitgehend intakt gebliebene Kellersystem verfüllt worden. Jetzt aber sind Dresdner Bürger und Touristen wieder zum Flanieren und Verweilen eingeladen. Ladenpassagen, Straßen-Cafés und Restaurants mit Außenterrassen sowie Freiflächen für kulturelle Darbietungen sollen dem Ort den alten Charme zurückbringen und für das notwendige Flair sorgen. Wohnten allerdings bis 1945 einfache Bürger in den Häusern rund um die Frauenkirche, so entstehen hier jetzt Luxuswohnungen, repräsentative Büros und Geschäfte.
Über Jahre hinweg war in Dresden die Bebauung des Neumarkts Anlass für höchst kontroverse Diskussionen. Dabei wurden nicht nur Fragen und Ansprüche an die Architektur im Allgemeinen aufgeworfen, sondern auch philosophische Aspekte zur Rekonstruktion vollständig zerstörter Gebäude sowie der Umgang mit der Architektur der Gegenwart thematisiert. Als Kompromiss entstand schließlich die Idee der sogenannten Leitbauten. Er sah einen Wiederaufbau jener Gebäude vor, die gut dokumentiert waren und die kunsthistorisch und städtebaulich als besonders wertvoll eingestuft wurden. Sie sollten durch Neubauten ergänzt werden, die sich nach strengen gestalterischen Regeln zurückhaltend und harmonisch ins Bild einfügen.
Insgesamt wurde das Gebiet rund um den Neumarkt in 8 Quartiere eingeteilt. Grundlage dafür war die frühere städtebauliche Struktur; das Bebauungskonzept entspricht weitgehend den historischen und durch archäologische Grabungen gesicherten Baukanten unmittelbar vor der Zerstörung der Stadt. Einer Tiefgarage weichen musste allerdings das gigantische, noch gut erhaltene Kellersystem sowie Reste von Vorgängerbauten aus dem 12. Jahrhundert. Nur wenige Mauern blieben als Dokumente vergangener Zeiten erhalten und wurden in die neue Bebauung integriert.
Der zuerst realisierte Teil des Konzeptes ist das Quartier 1, das sich zwischen Frauenkirche und Töpferstraße erstreckt. Ursprünglich bestand es aus 18 voneinander unabhängigen Einheiten. Da die Wiederherstellung dieser Kleinteiligkeit aber wirtschaftlich kaum zu vertreten war und um eine bessere Nutzung der Immobilien gewährleisten zu können, wurden jeweils zwei Parzellen zusammengefasst, so dass schließlich insgesamt 9 eigenständige Gebäude mit gemeinsamer Bodenplatte entstanden sind.
Mit seinem Entwurf, den Stahlbetonkern des Hauses »An der Frauenkirche 3« mit einer vorgehängten Fassade aus grünem Dolomit und rötlichem Muschelkalk zu verkleiden, die als geschlossenes Element über das gesamte Dach hinweggeht und das Haus auf der Vorder- und Rückseite gleichsam wie ein steinerner Mantel umschwebt, konnte das Dresdener Architekturbüro Wörner und Partner den ersten Preis im Architektenwettbewerb davon tragen. Die Realisierung des Konzeptes allerdings erwies sich als technologisch schwierig. Die ursprüngliche Idee, den Mantel als massiv gemauerte Steinkonstruktion mit 28 cm dicken Steinen auszuführen, die lediglich im oberen Bereich befestigt ist und ohne weitere Verankerungen von oben frei nach unten hängt, war technisch kaum machbar und musste schließlich aus Kostengründen ganz verworfen werden. Die beabsichtigte massive Wirkung wird jedoch auch durch den schließlich gefundenen Kompromiss mit 2,5 cm dicken Platten, die am Rand umgekantet sind, erreicht.
Als zusätzliches Problem bei der Realisierung der ursprünglichen Planung stellte sich das treppenförmig ausgebildete Dach heraus. Wegen der als schwierig geltenden Abdichtung der Stufen und der allgemeinen Verletzlichkeit von Wärmedämmverbundsystemen konnten eventuelle Schäden langfristig nicht sicher ausgeschlossen werden. Um sie zu beheben hätte im Extremfall der gesamte Mantel abgebaut werden müssen.
Das schließlich realisierte Konzept sah vor, die senkrechten Flächen des Stufendaches mit einer Vorsatzschale aus Porenbeton-Mauerwerk zu versehen. Die verbliebene waagerechte Fläche wurde mit Füllsteinen ebenfalls aus Porenbeton geschlossen, auf denen dann die Dachabdichtung aufgebaut wurde.
Mit Porenbeton konnte bei dieser Lösung eine ausreichende Wärmedämmung sichergestellt werden. Der Baustoff bietet auf Grund seiner feinporigen Struktur mit einem Lambda-Wert von 0,08 w/mK den besten Dämmwert für Massivbaustoffe. Schon bei einer Wanddicke von 36,5 cm bestehen so optimale Voraussetzungen für eine energiesparende Gebäudehülle entsprechend den Vorschriften der Energie-Einsparverordnung (EnEV), ohne dass eine zusätzliche kostenaufwändige Wärmedämmung notwendig ist. Im vorliegenden Fall wurde die Konstruktion mit einer doppelten Lage aus Ytong-Mauertafeln ausgeführt, die bereits fertig zur Baustelle geliefert werden.
Ytong Mauertafeln sind vorgefertigte Mauerwerkselemente aus Porenbeton, die in Bezug auf Länge oder Giebelschrägschnitt entsprechend der individuellen Planung exakt nach Maß gefertigt werden. Dabei werden die einzelnen Elemente im Werk wie herkömmlich senkrecht im klassischen Mauerverband entsprechend den Richtlinien der DIN 1053-1 gemauert. Die industrielle Vorfertigung sowie die hohe Maßgenauigkeit des Baustoffs, der im Dünnbettmörtelverfahren zusammengefügt wird, und eine EDV-unterstützte Fertigungsplanung ermöglichen plan ebene Wandflächen und garantieren den Folgegewerken die Einhaltung der vorgegebenen Maße. Gleichzeitig verhindert die wetterunabhängige Produktion und Zwischenlagerung im Werk witterungsbedingten Stillstand auf der Baustelle und sichert die termingerechte Bereitstellung des Materials.
Eingesetzt wurden Mauertafeln der Steinfestigkeitsklasse PP 4 in den Stärken 17,5 und 24 cm. Dabei wurden auf der Fläche mit einer Länge von insgesamt 9 Metern jeweils zwei Elemente nebeneinandergesetzt die dickere Tafel innen, die schmalere außen. Grundsätzlich sind Mauertafeln in 4 verschiedenen Wandstärken (17,5 cm, 24 cm, 30 cm und36,5 cm) sowie in Höhen zwischen 75 cm bis maximal 3 m erhältlich. Die Längenproduktion richtet sich nach den Vorgaben aus der Grundrissgestaltung, wobei Längen von 1,25 m bis maximal 6 m hergestellt werden können. Für Pass-Stücke und Pfeiler sind auch kürzere Abmessungen möglich.
Zeitliche und logistische Gründe sprachen beim Bau des Hauses »An der Frauenkirche 3« für den Einsatz von Mauertafeln. Als sich herausstellte, dass das Objekt nicht so wie zunächst geplant realisiert werden konnte, stand der Übergabetermin bereits kurz bevor. Schnell war klar, dass der Bau im vorgesehenen Zeitrahmen nur mit Fertigteil-Konstruktionen beendet werden konnte. Lösungen in traditioneller Mauerwerksbauweise schieden daher von vorneherein aus. Die Verarbeitung wäre zu langwierig gewesen. Außerdem war das Gerüst bereits abgebaut, ein Kran stand nicht mehr zur Verfügung. Das notwendige Material hätte also nur mit zusätzlichem großem Aufwand aufs Dach transportiert werden können. Hinzu kam, dass auf dem Dach nur eine begrenzte Fläche für die Lagerung von Steinpaletten zur Verfügung stand. Da die Pflasterarbeiten auf dem Platz vor der Frauenkirche gerade in vollem Gange waren, konnten auch vor dem Gebäude keine Baustoffe gelagert werden.
Mit den Mauertafeln konnte der Zeitplan dennoch eingehalten werden auch ohne dass die Kosten, wie bei kurzfristigen Umplanungen häufig der Fall, aus dem Ruder liefen. Die Elemente wurden montagefertig und termingerecht entsprechend dem Bauablauf und Tagesbedarf morgens zur Baustelle geliefert. Da sich in dem unmittelbar gegenüber der Frauenkirche gelegenen Baustellenbereich täglich die Warteschlangen der Kirchen-Besucher bildeten, stand für die Anlieferung und Entladung der Mauertafeln sowie für den Aufbau des Autokranes lediglich ein Zeitfenster von 7.00 bis 9.00 Uhr zur Verfügung. Pünktliche Anlieferung, zuverlässige Einhaltung der Sondergenehmigungen für das Befahren des Neumarkts, exakt abgestimmte Montageabläufe und gute Koordination zwischen Bauleitung, Spedition und Xella-Disposition waren entscheidend für das Gelingen des Objektes.
Die Verarbeitung erfolgte - sehr zur Kurzweil der Wartenden - per Mobilkran direkt vom LKW aus. Dabei wurden die Elemente gemäß dem Versetzplan höhen- und flutgerecht ins Mörtelbett gesetzt, ausgerichtet, gesichert und in den Stoßfugen mit Mörtel verfüllt. Im unmittelbaren Anschluss wurden dann die Stahlprofile zur Befestigung der Fassadenbekleidung montiert. Insgesamt war die Montage von 32 Mauertafeln inklusive der Unterkonstruktion für den Steinmantel in zwei Tagen beendet. Eine sensible Montageausführung speziell auf der Rückseite des Gebäudes verhinderte Schäden am bereits fertig gestellten glasüberdachten Innenhof.








