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Artikel und Hintergründe zum Thema

Baugewerbe Magazin EXKLUSIV

Stefan Ufertinger,

Respektvolle Kommunikation

Respektvolle Kommunikation setzt eine entsprechende Haltung voraus. Daher beginnt es immer beim Individuum.

Stefan Ufertinger, Sachverständiger und Kommunikationscoach © Site Communications

Folgerichtig beschäftigt sich der innerste Kreis des Respekt-Modells mit dem "Ich". Sechs Lernfelder bilden die Voraussetzung für eine respektvolle Kommunikation. Das erste Lernfeld stellt gleich eine harte Nuss dar. Es geht um unsere Wahrnehmung.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Wir Menschen nehmen jede Sekunde unzählige Informationseinheiten an Sinneseindrücken wahr. Diese werden in unserem Gehirn verarbeitet. Daraus wird dann unsere subjektive Realität. Und subjektiv ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen. Unser Gehirn wendet bei diesem Verarbeitungsprozess energiesparende Mechanismen an, die oftmals zu einer verzerrten Wahrnehmung führen. Ein Erklärungsmodell bezieht sich dabei auf drei dieser Mechanismen: Tilgen, Verzerren und Generalisieren.

Die Menge an einströmenden Informationseinheiten ist für unser Bewusstsein nicht verarbeitbar. Daher werden nur jene Informationen ausgewählt, welche für das jeweilige Individuum neu, wichtig oder bedeutungshaft sind. Der Rest wird getilgt. Auf der unbewussten Ebene werden jedoch alle Reize verarbeitet und von unserem Gehirn genutzt. Was für den Einzelnen neu, wichtig und bedeutungshaft ist, ist eine höchst subjektive Angelegenheit, und somit ist das, was wir bewusst wahrnehmen, sehr individuell.

Dass wir eine verzerrte Welt wahrnehmen, ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Publikationen deutlich herausgearbeitet worden. Die wohl bekannteste dieser Art hat der kürzlich verstorbene Nobelpreisträger Daniel Kahneman verfasst. In seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" beschreibt er eine Vielzahl von Verzerrungen und Fehlern in unserem Denken. Ein bekannter, häufiger und äußerst folgereicher Fehler ist der sogenannte "confirmation bias". Dieser besagt, dass wir Informationen, die unserem Weltbild entsprechen, eher Glauben schenken als diesem widersprechende Informationen.

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Zudem denkt unser Gehirn in Schubladen. Dies ist wichtig, um die Menge an Informationen energiesparend bewältigen zu können. Es führt jedoch dazu, dass wir Situationen oft wenig differenziert betrachten. Alle Ausländer sind dann plötzlich böse und jede alte Dame hilfsbereit.

Dialoge scheitern häufig an falscher Wahrnehmung

Kommunikation ist eine laufende Reaktion auf die Informationen, die man erhält. Diese Informationen müssen wahrgenommen und verarbeitet werden. Werden diese fehlinterpretiert, folgt eine Reaktion, die nicht mit der gesendeten Information zusammenpasst. Dies führt sehr häufig dazu, dass die Kommunikation scheitert.

Das Problem in einer komplexen Welt

In der heutigen VUKA-Welt sind differenzierte und rationale Entscheidungen gefragt. Leider ist uns das in komplexen Situationen nicht in die Wiege gelegt. Wie eingangs erwähnt, werden die zur Entscheidungsfindung notwendigen Informationen getilgt, verzerrt und generalisiert. Sobald also zu viele, sich widersprechende und verändernde Daten die Grundlage bilden, ist es kaum möglich, besonnen und wohlüberlegt zu agieren. Vielfach reagieren wir affektiv auf Basis unserer Empfindungen, also irrational.

Wie kommen wir zu mehr Rationalität?

Kommunikation ist eine laufende Reaktion auf die Informationen, die man erhält. © Site Communications

Ein erster Schritt ist die Erkenntnis, dass wir alle in unserer eigenen Wirklichkeit leben. Paul Watzlawick, der bekannte Wiener Kommunikationsforscher, war ein Anhänger des radikalen Konstruktivismus. Dieser besagt, dass sich unser Gehirn die eigene Realität aus den Sinneswahrnehmungen konstruiert. Diese Erkenntnis ist also nicht neu, müsste uns nur viel häufiger gegenwärtig sein.

Zum anderen hilft die Auseinandersetzung mit den kognitiven Verzerrungen. Ist mir bewusst, welche Täuschungen und Fehler es gibt, kann ich immer wieder reflektieren, ob ich nicht gerade in einem solchen verstrickt bin. Bewusstheit ist der entscheidende Faktor. Sich immer wieder selbst zu hinterfragen, seine Wahrnehmung kritisch zu überdenken und sich selbst und seine Meinung nicht zu ernst zu nehmen, kann in der Kommunikation wahre Wunder wirken.

Über Site Communications

Stefan Ufertinger ist seit 2021 allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Verdingungswesen, Leiter Bauwirtschaft bei Afry, Lean Construction Manager. Daneben berät er Bauunternehmen in Sachen Kommunikation auf der Baustelle. Seine Vision ist ein Kulturwandel auf dem Bau. Durch die gezielte Weiterentwicklung der einzelnen Projektbeteiligten hat es sich Ufertinger zur Aufgabe gemacht, die gesamte Baubranche von innen nach außen zu "gesunden". "Sozusagen vom Kleinen zum großen Ganzen. Dadurch belebe ich die Begeisterung für das Bauwesen wieder. Dieser neue Spirit führt zu einer Projektabwicklung mit Freude und Leichtigkeit, sowie Ressourcen-, Kosten- und Zeitersparnis. Die Baubranche gewinnt dadurch wieder an Attraktivität und wird zum Konjunktur- und Innovationsmotor", sagt Stefan Ufertinger. Denn er habe selbst früh erfahren, wie fordernd die Arbeit auf der Baustelle sein könne.

Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 06_2024.

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