Internationaler Holzbau: China
Sportzentrum mit lebendigen Strukturen
Einfach – Fehlanzeige. Eine geplante Tai-Chi-Halle in Shenyang, China, zeigt, welche Formen und Dimensionen im Holzbau möglich sind.
Wenn Vincent Callebaut den Zeichenstift in die Hand nimmt, entstehen meistens fantastische Gebäude. Geschwungene Formen, kaum fassbare Räume und Konstruktionen, die man erst auf den dritten oder vierten Blick wirklich erfasst. Hinzu kommen komplexe Überlegungen zu technischen Lösungen, Lüftung und Kühlung. Das Holz als Baustoff ist in den meisten Entwürfen fester Bestandteil, denn Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit sind ebenfalls Gedanken, die in seinen Plänen immer mitschwingen.
Nun hat er es wieder getan. Ein "schnödes" Sportzentrum – eine Tai-Chi-Halle in China – was woanders mit einem einfachen, praktischen, quadratischen Zweckbau gelöst worden wäre, gerät in seinen Entwurfswelten zu einem Raumwunder, das man lieber heute als morgen selbst erforschen würde.
Einführung und konzeptionelle Idee
Von Weitem wird es dem Betrachter wie ein gläsernes Schneckenhaus vorkommen, wenn es einmal fertig gebaut sein wird. "Biomimetisch" nennt der Architekt seinen Entwurf, der lebendige Strukturen, deren Prinzipien und ihren Aufbau nachahmen soll. 2028 soll es soweit sein: In Shenyang in der nordostchinesischen Provinz Liaoning, am Ufer des Hunhe-Flusses soll der Sportpark entstehen. Das Projekt umfasst nicht nur das Gebäude, sondern auch einen aufwendig gestalteten Außenraum mit Wasserflächen, Park und Brücken. Nicht umsonst trägt das Projekt den Untertitel "The Eco-Parametric Tai-Chi-Chuan Palace".
Der Architekt konzipierte es als nachhaltiges Sport- und Erholungszentrum, das der traditionellen chinesischen Kampfkunst Tai-Chi gewidmet ist. Namensgebend ist das chinesische Symbol Taijitu, oft in der westlichen Welt als Zeichen von Yin und Yang verstanden. Im Entwurf wird dieses Symbol nicht nur metaphorisch aufgenommen, sondern auch in eine schneckenhausähnliche Struktur transformiert, die eine doppelte Spiralschale bildet. Damit thematisiert Vincent Callebaut in diesem Projekt auf philosophischer Ebene die Harmonie zwischen Natur und Mensch, Energiefluss und Ausgeglichenheit.
Unterschiedliche Nutzungen
Das Gebäude setzt nicht nur auf den aktiven Sport, sondern vereint viele Nutzungen unter seinem gebogenen Dach. Ablesen lässt sich dies in dem vielfältigen Raumprogramm: Es umfasst eine große Sporthalle mit einem Multi-Sport Feld, ein Tai-Chi-Museum, ein Restaurant, einen Tearoom sowie einen botanischen Garten als integraler Bestandteil des Ensembles. Dafür bietet der Bau auf einer Nettofläche von 4750 m² reichlich Platz. Die Spannweite der zentralen Holzhallenschale wird beträchtlich sein, wobei innen keine technischen Hindernisse den Raum "frei" lassen sollen. Der insgesamt rund 100 Meter breite Bau wird mit möglichst wenig Stützen oder sichtbaren Tragkonstruktionen auskommen müssen.
Das Gebäude soll LEED Platinum-Standard erreichen und als "Sustainable Wellbeing Center" zertifiziert werden. wie immer in seinen Projekten strebt Vincent Callebaut eine niedrige Kohlenstoffbilanz, Energieautonomie und einen minimalen ökologischen Fußabdruck an. Angesichts dieser Zielsetzungen versucht der Entwurf, technische, konstruktive und ökologische Belange von Beginn an mit Anlehnungen an die Konstruktionsprinzipien der Natur zu verschränken, was man ansatzweise als "eco-parametrische" Planung betrachten kann.
Programmatischer Rahmen und Raumnutzung
Das zentrale Element ist die große Holzhallenschale, in der der Sportbetrieb – insbesondere Tai-Chi, aber auch andere Disziplinen – stattfinden soll. Die breite Spannweite erlaubt eine relativ freie Innenraumgestaltung ohne tragende Unterbrechungen. Um diesen Kern herum sind zusätzlicher Programmflächen angeordnet: das Tai-Chi-Museum, das sich der Geschichte, Theorie und Praxis dieser chinesischen Kunst widmen soll; gastronomische Einrichtungen wie Restaurant und Teeraum zur Verköstigung und Erholung; sowie ein botanischer Garten, der als grüne Fuge fungiert und die Verbindung zwischen Architektur und Landschaft stärkt. Der botanische Teil zieht sich auch als radiales Grünzugmuster in das Zentrum der Spiralstruktur hinein. Der Entwurf sieht außerdem vor, dass in der zentralen Spiralkernzone ein Zen-Garten entsteht, der Raum für Meditation, Bewegungspraxis im Freien und Reflexion bietet. Die Vegetation wird nicht nur ornamental gedacht, sondern auch als essbare Landschaft, durch Permakultur und Waldgärten, und ökologisches System, z. B. durch Wasserrecycling und Pflanzkläranlagen angelegt.
Die parametrisierbare Gestaltung baut auf eine Konzentrik der Gartenflächen, die eine Spiegelwirkung gegenüber der Spiralform erzeugt. In Kombination mit Wasserspiegeln und Teichflächen wird eine Spiegelung der Architektur in den Gewässern angestrebt – ein gestalterischer Bezug zur Yin-Yang-Symbolik, der es dem Betrachter gleichzeitig kaum möglich macht, zwischen echter Konstruktion und Spiegelung zu unterscheiden.













