Stadtentwicklung
Modellprojekt: Holz für die Menschen
Im finnischen Espoo entsteht ein neues architektonisches Wahrzeichen: das Espoo House. Wieder einmal konnte ein Entwurf des dänischen Architekturbüros Cobe überzeugen.
In Zusammenarbeit mit der finnischen Lundén Architecture Company entstand so ein vielschichtiges Gebäude, das sich bewusst den Menschen öffnet.
Espoo ist die zweitgrößte Stadt Finnlands. Und doch steht sie im Schatten des viel bekannteren, benachbarten Helsinki. Die boomende Metropole verschaffte auch Espoo in den vergangenen Dekaden einen gehörigen Bevölkerungszuwachs. Seit den achtziger Jahren hat sie sich auf rund 300 000 Menschen nahezu verdoppelt. Das stellt Ansprüche an die Stadtentwicklung. Als integrativer Bestandteil eines städtebaulichen Masterplans für das Zentrum Espoon Keskus steht das Projekt sinnbildlich für die Transformation einer zerschnittenen Stadtlandschaft hin zu einem vernetzten, lebendigen Stadtzentrum. Besonders bemerkenswert: die konsequente Umsetzung in Holz als primärem Baustoff. Die 24 000 Quadratmeter große Hybridstruktur vereint öffentliche Verwaltung, Arbeitsplätze und Bürgerbeteiligung unter einem Dach. Auch die Form der Gebäudehülle zeigt, dass es sich hier um ein zentrales Stadtelement handelt. Im Gegensatz zur gewachsenen Infrastruktur, die an den Bedürfnissen des Autoverkehrs ausgerichtet ist und eine Architektur der großen Blöcke geschaffen hat, fällt das Espoo House mit seinem geschwungenen Dach und den tiefen Blickachsen ins Gebäude sofort in den Blick.
Holz als Gestaltungselement
Das Espoo House wird als Hybridbau primär in Massivholz errichtet. Die tragende Struktur besteht aus einem Stützen-Balken-System aus Brettschichtholz mit regelmäßigen Achsmaßen. Diese Rasterung wurde bewusst gewählt, um Materialeffizienz, hohe Nutzungsflexibilität und wirtschaftliche Spannweiten zu kombinieren. Verschiedene Modellrechnungen ergaben ein besonders günstiges Verhältnis von Materialverbrauch der Deckenträger zur Raumhöhe bei einem Achsmaß von 6 x 6 Meter. Im Vergleich zu einer Rasterung von 8 x 8 Meter, die eine Deckenstärke von 125 cm erfordert hätte, lässt sich so eine Deckenstärke von 95 cm realisieren, was der lichten Geschosshöhe zugutekommt, die nun 305 cm beträgt. Die Deckenelemente bestehen aus Brettsperrholz (CLT), ergänzt durch eine mit Holz verkleidete Fassade, die den natürlichen Charakter des Gebäudes auch nach außen sichtbar macht. Die Entscheidung für Holz ist nicht allein ästhetisch motiviert, sondern steht im Zeichen nachhaltigen Bauens: Darüber hinaus steht der Baustoff auch sinnbildlich für die lange Holzbautradition des Landes. Im Vergleich zu einem Massivbau spart die Konstruktion als Holzhybrid rund 20% CO2 ein.
Funktionale und strukturelle Flexibilität
Ein zentrales Argument für die Wahl der Holzbauweise liegt in der hohen Anpassungsfähigkeit des Systems. Die sichtbare Holzkonstruktion erlaubt vielfältige Grundrissvariationen auf den einzelnen Etagen, wodurch sich Räume für unterschiedliche Nutzungsarten – von Verwaltungsbüros bis zu öffentlichen Veranstaltungsflächen – einfach konfigurieren lassen. Das offene Tragwerk unterstützt zudem ein hohes Maß an Tageslichteintrag, insbesondere im zentralen Atrium, das sich geschossübergreifend als vertikale Kommunikationsachse durch das Gebäude zieht.
Diese Adaptionsfähigkeit verlängert nicht nur die Lebensdauer des Gebäudes, sondern schafft auch die Grundlage für ein zukunftsfähiges Nutzungskonzept – ein sehr wichtiges Argument für Kommunen, die auf langfristige Investitionen im Bestand setzen.
Urbanes Wohnzimmer für Espoo
Das Espoo House verfolgt einen integrativen, bürgernahen Ansatz: Als "Haus für das Volk" soll es ein Ort der Begegnung zwischen Verwaltung und Bürgerschaft sein. Die Erdgeschoss-ebene ist als offene Erweiterung des öffentlichen Stadtraums konzipiert, durchlässig gestaltet und funktional flexibel nutzbar. Öffentliche Nutzungen ziehen sich in vertikaler Richtung durch das Gebäude bis hin zum obersten Geschoss, das mit einer multifunktionalen Halle und einem großen bepflanzten Inhouse-Garten für Veranstaltungen ausgestattet ist.
Diese Offenheit spiegelt sich auch in der Formensprache des Gebäudes wider. Mehrere versetzt angeordnete Volumen mit unterschiedlichen Höhen orientieren sich an der umliegenden Bebauung. Die markante Dachlandschaft verleiht dem Ensemble Wiedererkennbarkeit, ohne die Maßstäblichkeit der Nachbarschaft zu dominieren.
Modellprojekt für Holzarchitektur
Mit dem Espoo House positionieren sich die Architekturbüros Cobe und Lundén Architecture Company an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, sozialer Integration und zeitgemäßer Holzbauweise. Die Bauweise steht exemplarisch für ein neues Selbstverständnis öffentlicher Gebäude: ressourcenschonend, funktional wandlungsfähig und gestalterisch hochwertig.
Dan Stubbergaard, Gründer von Cobe, betont: "Espoo House wird nicht das klassische, formale Rathaus sein, sondern ein menschliches, soziales und taktiles Haus für die Gemeinschaft – ein urbanes Wohnzimmer für Espoo." Die Umsetzung dieser Vision beginnt ab 2026, die Eröffnung ist für 2029 geplant.
In Zeiten wachsender urbaner Verdichtung und ökologischer Herausforderungen liefert das Espoo House wichtige Impulse für den Holzbau im öffentlichen Raum. Das Projekt wird in der Diskussion sicherlich als wegweisendes Beispiel für großmaßstäbliches, materialeffizientes Bauen mit dem Rohstoff Holz gelten – nicht nur in Skandinavien, sondern international.













