Flottenmanagement
Proemion - Telematik neu gedacht
Baugewerbe (BGW):
Wie kam es zu der Idee, Telematik neu zu denken?
Philipp Maul:
Proemion war ursprünglich nur ein Tochterunternehmen von RM Michaelides & Elektronik aus Fulda. 1987 war das Unternehmen einer der Pioniere in der Herstellung von Controller-Area-Network-Systemen (CAN-Bus). Ein CAN-Bus dient der Datenübertragung ohne aufwendige Verkabelungen. Das Ziel der Gründung von Proemion war es, den Kunden eine All-in-one-Lösung bieten zu können.
BGW:
Wie unterscheidet sich der Service von Proemion nun aber im Vergleich zu anderen Telematik-Anbietern?
Maul:
Telematik beschränkt sich in den meisten Fällen auf die Endkunden. Deren Fokus liegt auf Flottenmanagement. Sprich, die gefahrenen Kilometer und die Betriebsstunden sind für sie interessant. Wir denken das Thema von der Herstellerseite (OEM) aus. Für diese Unternehmen spielen noch viele weitere Informationen eine wichtige Rolle. Nicht nur für den Kundenservice, sondern auch für die Produktion.
BGW:
Welche Möglichkeiten ergeben sich für die Hersteller genau?
Maul:
Die Herstellerfirma kann dank des CAN-Busses in der Maschine zum Beispiel genau sehen, wie lange eine Baumaschine bei dem Kunden im Einsatz war. Die Standzeiten erfasst das System natürlich auch. Diese Daten sind auch für die Hersteller interessant. Etwa zur Beantwortung der Frage: Kann der Kunde die jeweilige Baumaschine überhaupt effizient und richtig nutzen oder ist eine andere Maschine vielleicht besser geeignet? Die Auswertung der gesammelten Informationen kann weitreichende Folgen haben. Gut möglich, dass die Produktion optimiert werden muss. Etwa bei der Wahl der verwendeten Materialien. Verbesserungen sparen an dieser Stelle echtes Geld. Oder bei der Ausstattung der Fahrzeuge. Den Bedürfnissen der Endkunden kann so besser Rechnung getragen werden. Am Ende verlässt dann ein noch effizienteres Gerät die Produktionshalle. So fließen die Bedürfnisse der Kunden direkt in den Herstellungsprozess mit ein. Erhalten die Nutzer eine verbesserte Qualität, bleiben sie natürlich lieber bei diesem Hersteller. Dank der Telematik-Lösung von Proemion kann der Hersteller auch sich selbst schützen. Ein Stichwort ist Gewährleistung. Stellt der Kunde einen Anspruch auf Gewährleistung, obwohl er die Wartungsintervalle nicht eingehalten hat, kann das Herstellerunternehmen dies ablehnen.
BGW:
Gibt es noch weitere Vorteile für die Hersteller?
Maul:
Das eigene Serviceangebot kann ausgebaut werden. So können Fehlercodes E-Mails auslösen, die ihrerseits bestimmte Schritte des technischen Services anstoßen. Der Hersteller muss also den Kundenservice nicht aus der Hand geben. Auf diesem Weg kann der Hersteller direkt auf Probleme reagieren. Zumal Proemion eine tiefe Interaktion mit der Hardware ermöglicht. Dadurch erhöhen wir den Informationsgehalt für den Hersteller. Sogar die Auswirkungen des Wetters können erfasst werden. Dazu ist das System mit anderen Tools kompatibel, zum Beispiel mit SAP.
BGW:
Der CAN-Bus in den Maschinen bietet also eine Variante der Telematik, die dem Hersteller hilft. Aber ist das nicht sehr aufwendig?
Maul:
Ein gewisser Aufwand ist natürlich erforderlich. Die Implementierung ist nicht einfach nur ein Side Project, das einfach mal so nebenbei umgesetzt wird. Das ist natürlich mit Kosten verbunden, vor allem mit einem gewissen Zeitaufwand, da OEMs in der Regel mit sehr individuellen Bedürfnissen an uns herantreten, auf die wir entsprechend individuell eingehen müssen. Die Vorteile für den Hersteller rechtfertigen dies aber. Der Einbau des CAN-Busses muss schon in der Produktion erfolgen. Nur so ist die umfassende Interaktion möglich. Von Seiten des Herstellerunternehmens ist ein großes Engagement gefragt. Beispielsweise muss Personal abgestellt werden, um die Implementation zielgerichtet und effizient umzusetzen. Dazu noch Field-Application-Manager und Spezialisten für das Vertriebs-Team und natürlich technisch versierte Ansprechpartner. Das klingt natürlich erstmal nach einem großen Investment. Aber: Die Laufzeit liegt bei 10 bis 15 Jahren. Es handelt sich also um eine langfristige Entscheidung, die hilft, das eigene Unternehmen zu fördern. Science-Fiction ist die Bandbreite an Möglichkeiten schon lange nicht mehr. Diese ganzen wichtigen Informationen und Optimierungen, die sind heute schon verfügbar. Die Telematik generiert für den Hersteller eine Fülle von Vorteilen, die nicht nur die Kundenbindung festigen, sondern auch Zeit und Geld sparen.
BGW:
Welche Hürden sehen Sie für diese Art der Telematik zurzeit?
Maul:
Die große Frage ist: "Wo soll es hingehen?" Was ist der Status quo und welche Entwicklungen könnte das Unternehmen verpassen? Einige sind sich mit Sicherheit auch unsicher, ob sie die Möglichkeiten haben, die Umstellung überhaupt anzugehen. Die Übertragung der alten Daten in das neue System erfordert natürlich ein intensives und stabiles Change-Management.
BGW:
Proemion setzt auf digitale Lösungen, welche Vorurteile begegnen Ihnen dabei?
Maul:
Es gibt natürlich Vorbehalte. Zumal das Thema Digitalisierung natürlich auch ein sehr breites Feld ist. Wo fängt Digitalisierung an, wo hört sie auf? Fest steht, dass die Digitalisierung noch stark ausbaufähig ist. Uns begegnet oft eine gewisse Angst. Gerade im Umgang mit den gesammelten Daten. Wer sieht die Daten? Wo werden sie gespeichert? Was passiert damit? Das sind handfeste Sorgen, die wir unseren Kunden nehmen können. Die Daten werden in Deutschland gespeichert. Auch die Sorge, dass beispielsweise einem Baggerfahrer ein Nachteil entsteht, weil die Maschine bei seiner Fahrt kaputtgegangen ist, können wir abnehmen. Da gibt es zum einen strenge Verschwiegenheitsklauseln, aber vor allem geht es geht es darum, die Maschine selbst durch Digitalisierung besser zu machen – nicht primär darum, menschliches Verhalten mit der Maschinenleistung zu verknüpfen.
Das Interview erschien zuerst in Ausgabe 06_23.











