Baugewerbe EXKLUSIV

Patrick Seidler,

Weniger Betriebe, mehr Dynamik – Wie der Nachfolgedruck neue Strukturen schafft

Die Bauwirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Veränderung, die nicht durch konjunkturelle Zyklen ausgelöst wird, sondern durch eine strukturelle Realität:

Patrick Seidler, Managing Partner S&B Strategy © S&B Strategy

Die Generation der Unternehmer, die das Baugewerbe über Jahrzehnte geprägt hat, erreicht das Übergabealter. Rund die Hälfte aller Baubetriebe in Deutschland steht laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung bis 2035 zur Übergabe an. Das entspricht mehr als 160.000 Unternehmen. Gleichzeitig sinkt die Zahl potenzieller Nachfolger. In vielen Fällen gibt es keine familiäre Lösung, und auch die Suche nach externen Kandidaten gestaltet sich zunehmend schwierig.

Es ist ein stiller, aber mächtiger Treiber des Wandels. Denn während einzelne Betriebe um ihre Nachfolge ringen, entsteht im Gesamtsystem ein Vakuum, das die Kräfteverhältnisse verschiebt. Die Frage, wie die Branche auf diesen demografischen Druck reagiert, wird darüber entscheiden, wie belastbar und leistungsfähig die Bauwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten sein wird.

Die unterschätzte Dimension der Nachfolgekrise

Die Nachfolgeproblematik ist keineswegs ein Randphänomen. Die KfW berichtet, dass 79 Prozent der KMU-Inhaber Schwierigkeiten sehen, geeignete Nachfolger zu finden. Im Baugewerbe verschärft sich dies durch die Struktur der Branche: Der Großteil der Firmen ist inhabergeführt, viele Betriebe sind technisch hochspezialisiert, die Belegschaften eng mit dem Unternehmer verbunden.

Anzeige

Gleichzeitig zeigt die Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-, und Raumforschung, dass lediglich rund zehn bis zwölf Prozent der anstehenden Übergaben tatsächlich gelingen. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Unternehmen entweder ungeordnet übergeben oder endgültig geschlossen wird. Solche Schließungen sind mehr als betriebswirtschaftliche Einzelfälle. Sie bedeuten den Verlust von Fachkräften, regional verankerten Kompetenzen und eingespielten Abläufen. Damit entsteht ein struktureller Druck, der weit über die betroffenen Unternehmen hinausreicht.

Hinzu kommt: Viele Inhaber überschreiten die Schwelle von 60 Jahren deutlich, bevor sie aktiv an die Übergabe denken. Das Zeitfenster, um Betriebe geordnet zu übergeben, wird dadurch kleiner. Die Zahl der Unternehmen, die vor der Entscheidung stehen, ist so groß wie nie zuvor.

Konsolidierung wird zur strategischen Antwort

Inmitten dieser demografischen Verschiebung zeigt sich ein zweites Muster: Die Branche beginnt sich zu konsolidieren und dieser Trend ist nicht zufällig. Die Bauwirtschaft war lange durch kleinteilige Strukturen geprägt. Doch in den vergangenen Jahren sind Übernahmen, Zusammenschlüsse und Beteiligungen zu

einem wichtigen Instrument geworden, um Kapazitäten zu sichern, technische Kompetenz aufrechtzuerhalten und regionale Präsenz auszubauen.

Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache. In unserer jüngsten Auswertung der M&A-Aktivität im Bausektor entfielen 63 Prozent der mittleren und großen Transaktionen auf Bauzulieferer. Viele der wachstumsstärksten Unternehmen verbinden operative Exzellenz mit einer klaren Buy-and-Build-Strategie. Sie übernehmen Betriebe nicht nur, um Umsatz zu erwerben, sondern um Netzwerke zu erweitern, Know-how zu sichern und Fachkräfte einzubinden. Dass diese Strategie funktioniert, zeigt sich an der Wachstumsentwicklung: Unternehmen mit hoher M&A-Aktivität verzeichneten ein durchschnittliches Umsatzplus von rund neun Prozent – in einem Markt, der insgesamt kaum gewachsen ist.

Diese Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie die bisherigen Wachstumsgrenzen verschiebt. Der Neubau schwächelt, Sanierung und Modernisierung rücken stärker in den Mittelpunkt, und der Fachkräftemangel bleibt ein strukturelles Problem. In diesem Umfeld wird M&A zu einer Möglichkeit, in einem ansonsten stagnierenden Markt dennoch stabile oder steigende Kapazitäten zu sichern.

Warum der Mittelstand im Zentrum steht

Der Blick auf die Transaktionen zeigt, dass nicht nur große Konzerne Akteure des Wandels sind. Besonders interessant ist der Mittelstand selbst. Viele klein- und mittelständische Bau- und Zulieferbetriebe weisen wirtschaftliche Kennzahlen auf, die sie zu attraktiven Übernahmekandidaten machen. Ihre EBITDA-Margen liegen häufig zwischen acht und dreizehn Prozent, die Eigenkapitalquoten bei über vierzig Prozent. In einer kapitalintensiven Branche ist dies eine bemerkenswerte Stabilität.

Dazu kommt eine Stärke, die keine Bilanz explizit ausweist: Fachkräfte. Schätzungen gehen von mehr als 200.000 fehlenden Arbeitskräften im Bau aus. Für viele größere Unternehmen ist der Erwerb eines Betriebs deshalb weniger eine finanzielle Transaktion als eine Personal- und Kompetenzentscheidung. Die eingespielten Teams, die technischen Spezialisierungen und die regionale Verankerung sind Werte, die sich nicht einfach duplizieren lassen.

Diese Kombination erklärt, warum der Mittelstand im Fokus der Konsolidierung steht. Nicht als Objekt eines Ausverkaufs, sondern als Substanz einer Branche, die in vielen Bereichen von ihrer handwerklichen und technischen Expertise lebt.

Ein Wettbewerb, der sich neu ordnet

Die Frage liegt nahe: Bedeutet die zunehmende Konsolidierung, dass kleinere Betriebe verdrängt werden? Ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zeigt ein differenzierteres Bild. Größere Gruppen können Skaleneffekte nutzen, ihre Materialkosten senken und digitale Werkzeuge umfassend einsetzen. Das erhöht ihre Wettbewerbsstärke. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an spezialisierten, flexiblen und regional verankerten Anbietern bestehen.

Gerade im wachsenden Bereich der energetischen Sanierung, der in den kommenden Jahren zweistellige Zuwachsraten erreichen kann, entstehen Aufgaben,

die sich nicht beliebig standardisieren lassen. Die Kundenstruktur ist fragmentiert, die Projekte sind individuell und der persönliche Kontakt bleibt ein zentrales Element. Hier haben mittelständische Betriebe weiterhin klare Vorteile.

Die Branche bewegt sich somit nicht auf eine Monokultur zu, sondern auf ein Zwei-Geschwindigkeiten-System: Unternehmen, die Größe als Vorteil nutzen, und solche, die in der Spezialisierung ihre Stärke finden. Beide Formen werden künftig nebeneinander existieren.

Nachfolge als Gestaltungsaufgabe

Für viele Unternehmer ist das Thema Nachfolge emotional aufgeladen. Jahrzehntelange Aufbauarbeit, die Verantwortung für Mitarbeiter und die Bedeutung des eigenen Namens machen Entscheidungen schwer. Doch die Erfahrung zeigt: Eine früh gestaltete Übergabe eröffnet Möglichkeiten, die weit über den Fortbestand des Betriebs hinausgehen.

Wer sich frühzeitig mit Prozessen, Zahlen und Marktposition beschäftigt, gewinnt Handlungsfähigkeit. Das kann bedeuten, einen Geschäftsführer von außen zu integrieren, Partnerschaften einzugehen oder den Betrieb in ein größeres Unternehmensnetzwerk zu überführen. Entscheidend ist, dass die Übergabe nicht als Verlust, sondern als Entwicklungsschritt verstanden wird. Viele übernommene mittelständische Betriebe wachsen nach einer Übergabe deutlich stärker, weil sie Zugang zu Kapital, Strukturen und Expertise erhalten, die sie aus eigener Kraft nur mit hohem Aufwand hätten aufbauen können.

Professionalisierung statt Niedergang

Die Bauwirtschaft steht vor Jahren des Übergangs, doch die Zahlen zeigen keinen Trend in Richtung Rückbau. Eher deutet alles darauf hin, dass die Branche reifer wird. Eine moderate Konsolidierung kann die Produktivität erheblich steigern, Abläufe professionalisieren und Wissensverluste verhindern. Gleichzeitig bleibt der Mittelstand ein unverzichtbarer Teil der Struktur. Nicht trotz der Veränderungen, sondern gerade wegen seiner Fähigkeiten, die sich nicht beliebig skalieren lassen.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob der Wandel gut oder schlecht ist. Sie lautet, wie er gestaltet wird. Wer frühzeitig Entscheidungen trifft, sich vorbereitet und seine Optionen kennt, kann den strukturellen Druck in eine strategische Chance verwandeln. Die Bauwirtschaft wird dadurch nicht homogener, aber sie kann widerstandsfähiger und nachhaltiger werden.

Autorenvita

Patrick Seidler ist erfahrener Experte im Bereich Mergers & Acquisitions (M&A) mit einem besonderen Fokus auf den Bau- und Infrastruktursektor. Seit über 15 Jahren begleitet er Unternehmen bei komplexen Transaktionen, von Unternehmensübernahmen bis hin zu strategischen Fusionen. Durch seine fundierte Branchenkenntnis und seinen strukturierten Ansatz hat er zahlreiche nationale und internationale M&A-Projekte erfolgreich zum Abschluss gebracht.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren