Nutzfahrzeuge
Iveco eDaily - Wenn’s etwas mehr sein darf
Der Iveco eDaily hat Lkw-Gene, einen einzigartigen E-Antrieb, verblüffende Leistungsfähigkeit, aber auch Kapriolen – der etwas andere E-Transporter war jetzt bei uns im Praxistest.
Darf’s etwas mehr sein? Der Iveco eDaily passt zur klassischen Frage an der Wursttheke. Und um die Wurst geht’s schließlich auch beim Elektroantrieb für Transporter. Beim eDaily gibt’s vor allem etwas mehr Lkw-Technik. Wer vom Großtransporter Iveco Daily die Eigenschaften eines Otto-Normal-Transporters erwartet, der liegt falsch, völlig falsch. Denn es handelt sich hier schließlich um den einzigen selbstentwickelten Transporter eines Lkw-Herstellers. So einer fährt technisch prompt auf eigener Route, mit eigener Navigation. Ganz anders als die angekündigten Transporter-Übernahmen namens Iveco Jolly und Super-Jolly aus dem Hause Stellantis. Da wäre beim eDaily zum Beispiel ein tragendes Chassis für den Kastenwagen, man kennt dies aus der Daily-Familie seit Jahrzehnten. Für automobile Feinschmecker erscheint diese Konstruktionsweise grob und archaisch, für Lkw-Kenner dagegen normal. Pragmatismus und technische Besonderheit zugleich beweist auch der Antrieb des eDaily mit einem Zentralmotor vor der herkömmlichen angetriebenen Hinterachse aus dem Regal. Macht kein anderer.
Transporter der Arbeiterklasse
Heraus kommt ein stämmiger und handfester Transporter der Arbeiterklasse. Für Menschen mit Arbeitsstiefeln und zünftiger schwarzer Berufskleidung. Ein E-Transporter, der als 3,5-Tonner zusätzlich 3,5 Tonnen ziehen darf, ohne Einschränkung beim Gesamtzuggewicht. Das kann sonst niemand in dieser Klasse.
Der Stromer fährt als eDaily 35S 14E V und 3520L H2 vor. Hinter dem schwer durchschaubaren Buchstaben- und Zahlensalat verbirgt sich ein 3,5-Tonner in leichter S-Ausführung mit 140 kW Leistung, 3520 mm Radstand, langem Überhang und Hochdach. Macht sechs Meter Länge, einen fabelhaft kleinen Wendekreis von lediglich 12,7 m – Vorteil Heckantrieb mit großem Einschlagwinkel der Vorderräder – und mit großzügiger Iveco-Kalkulation 12 m³ Laderaum. Der liegt leer fast 700 mm über der Straße, Folge der Chassis-Bauweise und strammer Federn. Danke also für Trittstufe und Haltegriffe, sonst könnte eine stramm sitzende Hose beim Einsteigen reißen und der Sprung ins Freie wäre nicht ungefährlich. Das Frachtabteil wirkt eher lässig gearbeitet, glänzt aber dafür mit verdeckt verlegten Kabeln. Stichwort Höhe: Beladen sinkt die Bodenfreiheit unter den seitlichen Schutzkufen der Akkus auf 180 mm, also Vorsicht bei Rampen, das könnte Schürfwunden geben und es droht zudem Gefahr für den Zentralmotor.
Die Batteriebestückung des Testwagens setzte sich aus zwei Paketen à 37 kWh brutto zusammen, eine praxisgerechte Vernunftausführung. Iveco bietet auch ein einzelnes Paket an, das aber ist ein Fall für die City und Päckchenverteiler mit kleiner Tagesstrecke, nichts für hohe Lasten und weite Strecken. Die technisch mögliche Variante mit drei Paketen steht aus Gewichtsgründen nicht auf der Speisekarte des Transporters als 3,5-Tonner. Beachtlich: Der eDaily nutzt 95 Prozent seiner Brutto-Batteriekapazität, in diesem Fall also 70 kWh. Iveco sichert die Angelegenheit mit einer beruhigenden Garantie über 250 000 km auf 80 Prozent der Kapazität ab, auch das ist eine Rarität.
Große Lastreserven
In Testausführung schulterte der eDaily mit Anhängerkupplung, verkleidetem Laderaum, Doppel-Beifahrersitzbank und ein paar Annehmlichkeiten knapp 700 kg Fahrer und Fracht. Nicht üppig, aber üblich für E-Transporter dieser Tonnage. Ausweg wäre der Griff zum 3,8-Tonner, sofern es der Führerschein hergibt und Verkehrsbeschränkungen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, allgemeine Überholverbote sowie vor allem viele Einfahrbeschränkungen in Städte und Gemeinden nicht stören. Reserven für Überlast bieten bereits die hohen zulässigen Achslasten von 1,9 Tonnen vorn und vor allem 2,4 Tonnen hinten, auch für ungleiche Lastverteilung im Frachtraum. Und wenn wir schon beim Thema Varianten sind: Was Iveco alles
an Fahrgestellen, Radständen, Karosserien und Gewichten auffächert, sucht seinesgleichen. Ein Vorteil der Lkw-Konstruktionsweise mit Chassis. Preise nennt Iveco für all diese Möglichkeiten nicht, eine Unsitte aus dem Lkw-Geschäft, dort wird gehandelt, spielen auch Mengen bei der Abnahme eine große Rolle. Trotz seiner handfesten Technik gab sich der Testwagen anfangs kapriziös: Er verweigerte zunächst die Nahrungsaufnahme, sprich das Aufladen der Batterie – egal ob an der Ladesäule oder der heimischen Wallbox. Das lag an einer technischen Einstellung, es folgte eine nicht zu ortende Widerborstigkeit. Bis plötzlich alles wie am Schnürchen klappte, genauer gesagt am Ladekabel. Zwischen Himmel und Erde oder Ladesäule und Transporter geschehen mitunter merkwürdige Dinge. Wie vorgesehen schluckte der E-Transporter im Ladepark in aller Ruhe mit maximal 80 kW. Was Iveco so Schnellladen nennt, das ist in der Realität an der Säule eher gemächlich. Das schont die Batterie, aber nicht unbedingt die Nerven des Fahrers. Also besser über Nacht im Betrieb aufladen.
Achtung: Alarmismus
Die Wahrheit liegt auf dem Platz heißt es in der Fußballersprache, bei Transportern also auf der Straße, ab hinter das Lenkrad. Der Fahrerplatz liegt hoch, das Cockpit hat optisch Schwung, die Materialqualität ist angemessen, Iveco hat die Rückwand freundlich und isolierend verkleidet. Der Fahrer sitzt bequem, etwas mehr Längsverstellung käme großgewachsenen Fahrern entgegen. Üppige Außenspiegel, reichlich Ablagen bis hin zur geräumigen Sitztruhe auf der Beifahrerseite, gut so. Da zeigt sich: Auch ein eDaily ist ein echter Daily.
Die digitalen Armaturen lassen sich konfigurieren und ordentlich ablesen, sie verteilen sogar Komplimente für Wohlverhalten am Steuer. Jedoch nervt die verästelte Bedienung des mittigen Displays, da der Bordrechner nach jedem Start mühsam aus den digitalen Tiefen der Instrumente ausgebuddelt werden muss. Ärgerthema beim Testwagen: Die übermäßige Tachovoreilung über den gesamten Geschwindigkeitsbereich führte zu lästigen Warnungen nach jeder Tempobegrenzung am Straßenrand. Ohnehin neigt der eDaily zu Alarmismus, gibt etwa aufgeregt Laut beim doppelspurigen Abbiegen angesichts von Verkehr nebenan. Auch reagierte der Rückfahr-Notbremser mitunter arg schreckhaft. Mit der Verkehrsschild-erkennung hat’s der eDaily ebenfalls nicht so. Mit diesen lästigen Themen ist er jedoch nicht allein im Wettbewerbsumfeld – moderne Zeiten im Transporter-Klassiker.
Vernünftig fahren
Und der einzigartige Antrieb? Es gibt per Tastendruck drei Fahrmodi mit 90 kW, 115 kW und 140 kW Leistung. Beim Start wählt der eDaily stets die mittlere Variante, ebenso für die Rekuperationsleistung. Damit fährt sich’s selbst beladen und an Steigungen angenehm. Ist der eDaily doch mit seinem etwas wankelmütigen Fahrwerk weder Rennpferd noch Kurvenkratzer, sondern im Idealfall erhaben, majestätisch-gelassen unterwegs und nickt dem Publikum freundlich mit dem Vorderwagen zu. Auf schlechten Pisten bebt dann der etwas leichtherzig wirkende Aufbau, mag sein aus Zorn über vernachlässigte Straßen.
Ist Volldampf gefragt, genügt im Iveco im Unterschied zu vielen E-Transporterkollegen nicht allein der heftige Tritt aufs Fahrpedal, jetzt muss erst per Taste die Powerstufe her. Dann gibt der eDaily kurzzeitig sogar 188 kW frei, der bullige Transporter wirkt erstaunlich behände, beweist Schnellkraft. Der eDaily verwandelt sich – Vorsicht Wortspiel – plötzlich in einen Sprinter.
Die Grundeinstellung verhindert somit Beschleunigungsorgien und begrenzt den Stromverbrauch. Der fiel, wie gewohnt voll beladen, auf der Testrunde mit 29,1 bis 40,8 kWh auf 100 km und einem Schnitt von 35,6 kWh nicht eben niedrig aus. Beteiligt daran war wie immer auch eine Autobahnetappe im gestreckten Galopp, das entspricht knapp 130 Sachen. Auch an dieser Stelle darf’s also etwas mehr sein. Jedoch kann der Iveco für sich mildernde Umstände verbuchen, denn der hochaufgeschossene Testwagen kämpfte unterwegs zeitweilig mit schwerem Wetter. So ein eDaily als kerniger Truck unter den Transportern muss wie seine Besatzung in dieser Branche eben auch raus, wenn sich die Autos für Feinschmecker in der Garage oder am Ofen wärmen. Es darf eben immer etwas mehr sein, und bei einem Iveco eDaily gern auch etwas mehr Arbeit und Anstrengung.











