Linde Engineering im Interview
„Wir können einen immensen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten“
Jan Bangert, Head of Sales & Product bei Linde Engineering, im Gespräche mit Baugewerbe-Chefredakteur Kai Ingmar Link:
Baugewerbe: Welche Services bietet Linde für die Baubranche?
Jan Bangert: Wir bieten ein breites Portfolio an Produkten, Technologien und Dienstleistungen, um die Baubranche in Bezug auf höhere Effizienz, Kostensenkung und eine verbesserte Umweltbilanz zu unterstützen. Dafür entwickeln wir innovative Technologien, die auch in der Bauindustrie genutzt werden können, um die Dekarbonisierung in der Branche voranzutreiben. Hierzu gehören auch Alternativen zu fossilen Brennstoffen, beispielsweise wasserstoffbetriebene Maschinen und Brennstoffzellensysteme, um CO2-Emissionen auf Baustellen erheblich zu reduzieren. Zudem können wir mit unseren Technologien dazu beitragen, dass der CO2-Fußabdruck schon bei der Betonproduktion deutlich reduziert wird, etwa durch die Injektion von Sauer- und Wasserstoff im Rahmen der Klinkerproduktion. Dies steigert nicht nur die Klinkerqualität, sondern sorgt für eine erhöhte CO2-Konzentration, wodurch wiederum die Kosten für dessen Abscheidung (Carbon Capture) reduziert werden.
BGW: Wie genau betreut Linde seine Kunden und Partner?
Bangert: Unsere große Stärke ist, dass wir uns eng mit unseren Kunden abstimmen und sie vollumfassend und zielgerichtet beraten. Dabei arbeiten unsere verschiedenen Engineering-Teams an den Standorten Pullach, Dresden und Schalchen Hand in Hand. Zudem unterstützen die Kolleg:innen von Linde Gas, in etwa durch die Anwesenheit der Ingenieure der Anwendungstechnik am jeweiligen Kunden-Standort. Somit sind wir imstande, maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln und die passenden Technologien zielgerichtet in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren. Das Entwickeln dieser maßgeschneiderten Lösungen zeichnet uns besonders aus.
BGW: Welche CCU-Technologien entwickelt oder fördert Linde, und wie werden diese in industriellen Anwendungen eingesetzt, insbesondere in der Zement- und Betonindustrie?
Bangert: Wie in vielen anderen Bereichen wird Linde auch im Bereich der CCUS-Technologien seiner Vorreiterrolle gerecht. Vor dem Hintergrund, dass die Zement- und Kalkherstellung zu den Sektoren mit den höchsten CO2-Emissionen gehört, bietet die Abscheidung der unvermeidbaren CO2-Mengen mit anschließender Speicherung und Nutzung, sprich CCS beziehungsweise CCU, große Einsparungspotenziale. Hier bieten wir effiziente, innovative Lösungen an, die besonders in solchen emissionsintensiven Sektoren entscheidend zur Dekarbonisierung beitragen können. Aus Linde-Sicht wären insbesondere die Oxyfuel-Technologie, unser eigenes HISORP®-Verfahren sowie die Advanced Amine Wash-Methode zu nennen. Für letztere kooperieren wir mit weiteren Technologiepartnern.
Bangert: Linde ist führend im Bereich der Technologie für Oxyfuel-Applikation. Diverse aktuelle Projekte, an denen wir arbeiten, werden erfolgreich mit dem Oxyfuel-Verfahren umgesetzt. Wenn es um die CO2-Abscheidung geht, ist unsere innovative HISORP®-Technologie für den deutschen Markt von besonderer Relevanz. Im Gegensatz zur Advanced Amine Wash-Technologie, die auf der Absorption von CO₂ mithilfe einer Aminlösung basiert und die sowohl Dampf als auch Strom benötigt, funktioniert HISORP® ausschließlich mit elektrischer Energie. Das bedeutet auch, dass der CO2-Abscheidungsprozess vollständig mit Energie aus erneuerbaren Quellen abgedeckt werden könnte, was die Technologie angesichts der Gas- und Energiepreise auf dem deutschen Markt für die hiesigen Unternehmen besonders attraktiv macht. Das Verfahren kombiniert die Druckwechseladsorption mit der kryogenen Trennung und Kompression, sodass CO2-Abscheidungsraten von bis zu 99,7 Prozent erreicht werden. Es eignet sich zudem perfekt, wenn das CO2 verflüssigt werden soll. In Regionen, in denen fossile Brennstoffe weitaus preiswerter als in Deutschland sind, wird wiederum häufiger auf die Advanced Amine Wash-Technologie zurückgegriffen. Die Entscheidung für das genutzte Verfahren ist dann letztlich eine Kostenfrage.
BGW: Wie lange hat es gedauert, CCU-Technologien zu entwickeln und welche Hürden mussten genommen werden?
Bangert: Allgemein kann man sagen, dass gewisse Technologien bereits existieren und auch von Linde schon seit geraumer Zeit genutzt werden. Insbesondere die Aminwäsche ist ein klassisches Verfahren zur CO2-Abscheidung. Sehr viel jünger und innovativer ist hingegen unsere HISORP®-Technologie, die wir in den vergangenen Jahren entwickelt und zur Marktreife gebracht haben. Im Entwicklungsprozess mussten beispielsweise technologische Hürden wie die Optimierung der Absorptionsprozesse oder die Integration erneuerbarer Energien überwunden werden. Die größten Hürden liegen jedoch nicht im technologischen Bereich: Vielmehr stellen uns speziell in Deutschland die bürokratischen Anforderungen vor große Herausforderungen, beispielsweise wenn es um Genehmigungsverfahren oder Fördermöglichkeiten geht.
BGW: Welche technologischen Entwicklungen oder Innovationen plant Linde, um die Effizienz und Effektivität von CCU-Technologien zu verbessern?
Bangert: Auch wenn unsere Technologien innovativ sind und über einen hohen Reifegrad verfügen, sind wir natürlich stets bestrebt, sie weiter zu optimieren und ihre Effizienz zu steigern. Wenn wir beispielsweise von unserer HISORP-Technologie sprechen, ist es unser Ziel, den Strombedarf zu minimieren.
BGW: Wie sehen die technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen bei der Skalierung von CCU-Lösungen aus, und welche Strategien verfolgt Linde, um diese zu überwinden?
Bangert: Nach wie vor sind die größten Herausforderungen hinsichtlich von CCU-Lösungen andersgelagert. So setzt die CO2-Abscheidung und anschließende Nutzung oder Speicherung den Transport des CO2 von der Quelle bis zur Senke voraus. Hierfür bedarf es einer CO2-Infrastruktur, für deren Aufbau schnelle und vor allem pragmatische Lösungen erforderlich sind, denn die Zeit drängt. Insbesondere für Industrieanlagen im EU-Emissionshandel (EU ETS) ist die jährlich abnehmende Menge an CO2-Zertifikaten die maßgebliche Leitgröße für das Tempo der Dekarbonisierung. Insofern bedarf es auch klarer politischer Leitplanken.
Auf wirtschaftlicher Ebene wiederum sind Investitionskosten und Marktanreize entscheidend. Wir arbeiten deshalb eng mit Industriepartnern zusammen, um weitere kommerzielle Projekte zu entwickeln und zu realisieren. Damit können wir die Wirtschaftlichkeit von CCU-Lösungen demonstrieren.
Dank zahlreicher Projekte konnten wir in den vergangenen Jahren ein extrem hohes Maß an Erfahrungen sammeln und die Technologien und Prozesse stets weiter optimieren. Wir können mit Stolz sagen, sehr fortschrittliche Technologien anbieten und damit unsere Kunden effizient unterstützen zu können.
BGW: Welche Forderungen in Bezug auf die Rahmenbedingungen von CCU stellt Linde an die Politik?
Bangert: Wie bereits angemerkt gibt es in Deutschland hohe Hürden in Bezug auf Genehmigungsverfahren. Diesbezüglich plädieren wir für deutliche Vereinfachungen, was den bürokratischen Aufwand betrifft. Dieser ist einfach zu hoch. Zudem herrscht in der Branche ein hohes Maß an Unsicherheit, was den politischen Kurs und die damit verbundenen Förderungsmöglichkeiten betrifft. Die Bundesregierung hat vor der Sommerpause einen Gesetzentwurf zur Änderung des aktuellen CCS-Gesetzes vorgelegt, der viele dieser Punkte adressiert und derzeit im Parlament beraten wird. Dieses sieht eine Anpassung des aktuellen Rechtsrahmens vor, um die Speicherung und Nutzung von CO2 in Deutschland zu ermöglichen, den Bau von CO₂-Leitungen zu erleichtern sowie die Nutzung entsprechender Infrastrukturen für CCU zu regeln. Für entsprechende Projekte hierzulande ist die Verabschiedung des Gesetzes von großer Bedeutung, um Rechts- und Investitionssicherheit zu erhalten. Angesichts der aktuellen politischen Situation und der Neuwahlen im Februar besteht derzeit leider eine große Unsicherheit, ob das Gesetz noch vor dem vorzeitigen Ende der Legislaturperiode verabschiedet werden kann und ob die darin enthaltenen Vorschläge und getroffenen Vereinbarungen umgesetzt werden können. Wir appellieren daher an alle Beteiligten, das Gesetz noch zu verabschieden, um schnellstmöglich Rechts- und Planungssicherheit für CCUS-Projekte in Deutschland zu ermöglichen und die weiteren Verzögerungen zu vermeiden.
BGW: Ist CCU in Ihren Augen der beste Weg, mit CO2 nachhaltig und umweltgerecht umzugehen? Gibt es noch bessere Technologien und welche Potenziale bietet CO2 überhaupt?
Bangert: Die Frage, ob CCU die beste Lösung für einen nachhaltigen und umweltgerechten Umgang mit CO2 darstellt, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. CCU bietet gerade der Zementindustrie, in der CO2-Emission auch künftig schwer zu vermeiden sind, vielversprechende Potenziale, vor allem kurzfristig. Es handelt sich jedoch nicht um die alleinige oder ultimative Lösung. Langfristig könnte eine Kombination aus CCU, CCS, alternativen Bindemitteln und energieeffizienten Verfahren den Weg in eine dekarbonisierte Zementproduktion ebnen.
BGW: Aktuell erlebt die Baubranche eine harte Krise. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Entwicklungen auf die Arbeit von Linde und wie reagieren Sie?
Bangert: Da Linde weltweit tätig ist, gilt unser Blick natürlich nicht nur dem deutschen Markt. Damit sind wir auch weniger anfällig für regionale Krisen. Was den deutschen Markt betrifft, rechnen wir mit einer Konsolidierung der Zementbranche. Aufgrund des zunehmenden Kostendrucks wird sich schlichtweg nicht jedes Werk halten können. Unser Fokus gilt deshalb jenen Projekten, die sich besonders gut für die Dekarbonisierung eignen – sowohl national als auch international.
BGW: Was kommt noch? Welche Projekte und Ideen will Linde in der kommenden Zeit für die Baubranche im Allgemeinen und das CCU im Speziellen weiterentwickeln?
Bangert: Aktuell arbeiten wir allein in Deutschland an vier verschiedenen, sehr vielversprechenden Projekten. Dies betrifft die jeweilige Zusammenarbeit mit namhaften Partnern wie Holcim, Cemex oder Heidelberg Materials. Allein mit diesen Projekten können wir einen immensen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten. Insgesamt reden wir dabei von bis zu drei Millionen Tonnen an CO2-Emission, die eingespart werden können.
Vielen Dank für das Gespräch!












