zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Altenpflegeheim

Joachim Mohr,

Pflegeheim in Holzhybridbauweise

Ein Pflegeheim mit hohen ökologischen Standards errichten – da kam für die KIAG Grund- besitz GmbH nur die Holzhybridbauweise in Frage. Wie richtig diese Entscheidung war, das bestätigen die positiven Rückmeldungen: Bewohner und Betreiber sind "stolz und froh".

Auf einem 9562 m² großen Grundstück beherbergt das Seniorenheim 20 Wohngemeinschaften mit insgesamt 44 betreuten, barrierefreien Seniorenwohnungen © MAM Photographer

Zu den Geschäftsfeldern, in die der Holzbau in den letzten Jahren hineingewachsen ist, gehört auch der Objektbau im Gesundheits- und Pflegebereich. Allerdings tun sich Investoren hier oft noch schwer, in die etwas teurere Bauweise zu investieren, weil sie laut Marcel Rudigier "aufgrund vorgegebener Budgetgrenzen mit spitzen Bleistift rechnen".

Das hier vorgestellte Pflegeheim auf dem Wössner-Areal in Sulz war für den Geschäftsführer der oa.sys baut GmbH Deutschland denn auch das erste Projekt dieser Art. Dies, obwohl die eigenständige Tochter der Schweizer Blumer-Lehmann AG zusammen mit ihrem Schwesterunternehmen in Österreich über eine langjährige Erfahrung im Objektbau für private, gewerbliche und kommunale Bauherren verfügt. Derzeit wickelt sie im Jahr rund sechs bis zehn Projekte in diesem Bereich ab. Dabei tritt oa.sys entweder als GU auf, der das gesamte Projekt von der Entwicklung bis zur schlüsselfertigen Übergabe übernimmt, oder liefert alternativ die geschlossene Holzbau-Hülle.

Holzhybrid mit Herzblut

Dass das Projekt in Sulz überhaupt zustande kam, ist eine Geschichte für sich. Sie beginnt mit der testamentarischen Verfügung von Angelika Wössner, auf dem Areal ein Pflegeheim mit hohen ökologischen Standards zu errichten und endet im ersten Kapitel bei der KIAG Grundbesitz GmbH, die Projekte im Altenbetreuungs- und Pflegebereich von der Akquisition bis hin zur späteren Bewirtschaftung realisiert.

Anzeige

Für Seniorchef Peter H. Kemmer war es zum damaligen Zeitpunkt ein lang gehegter Wunsch, ein Gebäude aus Holz zu bauen. "Hier bot sich nun die Gelegenheit, ein solches Projekt mit viel Herzblut umzusetzen", erinnert sich Sohn Raphael Kemmer, der seinen Vater inzwischen im Unternehmen unterstützt: "Wir konnten in Sulz mit einer Holzhybridbauweise im Sinne des Testaments eine Einrichtung für bedürftige Menschen schaffen, die architektonisch und konstruktiv im lokalen Umfeld einzigartig ist, den hohen ökologischen Anspruch ihres Baustoffs anschaulich nach außen trägt und an einer der Ortseinfahrten als repräsentative Visitenkarte für die Stadt fungiert."

Gliederung in vier Gebäude

Mit der Entwicklung und Durchführung des Projekts beauftragte KIAG die oa.sys baut GmbH, die als GU alle weiteren Gewerke an bewährte Partner vergab. So wurde zum Beispiel die Pirmin Jung Deutschland GmbH mit der Tragwerksplanung, dem Wärme- und Brandschutz beauftragt – für Marcel Rudigier "ein Partner, der anderen meilenweit voraus ist, so dass für uns kein anderer in Frage kommt."

Als Bauaufgabe für das Entwicklerteam stand eine Einrichtung der Altenpflege im Pflichtenheft, in die alle Pflegestufen inklusive eines mobilen Fahrdienstes integriert werden sollten. Oa.sys löste diese Aufgabe in Zusammenarbeit mit Architekt Karl Amann aus Stuttgart mit vier Einzelgebäuden, die sich der Form des Grundstückes anpassen.

Haus 1 beherbergt Zimmer und Gemeinschaftsbereiche für Altenpfleger, Haus 2 und 4 bei gespiegelten Grundrissen Seniorenwohnungen, in denen man Pflegeleistungen nach Bedarf buchen kann. Haus 3 ist das größte Gebäude und beherbergt die eigentlichen Pflegebereiche. Im U-förmigen Erdgeschoss befinden sich neben Büros die Räume für die Tagespflege und ein Mehrzwecksaal, der vom Gebäude umschlossene Innenhof dient als Freifläche für die Senioren.

In den Geschossen darüber sind Bewohnerzimmer, Aufenthalts- und Funktionsräume, Küchen und Speiseräume untergebracht. Letztere haben Balkone zum Innenhof. Im oberen Staffelgeschoss befinden sich besonders komfortable Seniorenwohnungen für das betreute Wohnen.

Betonkonstruktionen

Ursprünglich als reine Holzbauten geplant, wurden die kleineren Gebäude 1, 2, und 4 unter dem Eindruck von coronabedingten Materialengpässen als Holzhybridbauten ausgeführt. Hier werden alle senkrechten Lasten von den betonierten Innenwänden und in die Holzrahmen-Außenwände integrierten Stahlstützen abgetragen. Die Aussteifung erfolgt über massive Stahlbetondecken.

Bei Gebäude 3 wurden Unter- und Erdgeschoss komplett in Beton ausgeführt. Dies erschien zweckmäßig, weil das Gebäude in den Hang hinein gebaut ist, so dass man sich für eine Teilunterkellerung entschied und das Erdgeschoss im hinteren Bereich als unterste Ebene auf der Bodenplatte gründet. Eine Betondecke über dieser Ebene erwies sich außerdem als sinnvoll, weil das Gebäude darüber auskragt. Dass die Lasten der drei oberen Geschosse voll über die Auskragung abgetragen werden, hätte zu sehr komplexen Details in der ursprünglich geplanten Holzrippendecke geführt.

Zwischen Achse 1 und 2 des Gebäudes (Vorderseite zur Straße) sind auch die Decken im 1. und 2. Obergeschoss betoniert. Dies war naheliegend, weil sie an das Treppenhaus anschließen, das ohnehin schon aus Beton besteht, und weil sich hier größere Gemeinschaftsbereiche befinden, in denen es nur wenige Zwischenwände gibt. In die nichttragenden Außenwände sind in diesem Bereich Stahlstützen integriert, um die vertikale Last der Betondecken abzutragen.

Holzkonstruktionen

Zur Verbesserung des Schallschutzes werden die Zimmertrennwände asymmetrisch durch ein akustisch entkoppeltes und mit Mineralfaser gedämmtes CW-Profil mit einseitiger Gipskartonbeplankung ergänzt © MAM Photographer

Im übrigen Teil des Gebäudes (Achse 2 bis 10) sehen die Verhältnisse völlig anders aus. Hier bauten die Mitarbeiter von oa.sys ab Geschoss 2 BSP-Deckenelemente ein, deren Last überwiegend von BSP-Innenwänden getragen werden. Für Johannes Neimann, Projektleiter der Pirmin Jung Deutschland GmbH, ist das "sozusagen die maßgebliche Wand im ganzen Gebäude: mit 120 mm so dimensioniert, dass sie bei geringem Holzverbrauch für die Lastabtragung ausreicht, außerdem auf beiden Seiten mit 2 x 18 mm Gipskarton-Feuerschutzplatten beplankt. So erreicht sie als Trennwand REI90."

Zur Verbesserung des Schallschutzes wird die Zimmertrennwand asymmetrisch durch ein akustisch entkoppeltes und mit Mineralfaser gedämmtes CW-Profil mit einseitiger Gipskartonbeplankung ergänzt. So funktioniert sie als Masse-Feder-System. Die BSP-Decken über diesen Innenwänden spannen über den Zimmertrennwänden, in den seitlichen Fluren des Gebäudes sind sie über die Innenwände punktgestützt. In den Fluren auf der hinteren Hangseite werden die Deckenelemente teilweise von den Holzrahmen-Außenwänden getragen. Diese gibt es hier in einer tragenden Variante, die sich von der nichttragenden durch eine Kapselung unterscheidet. Dabei zeichnet sich bereits eine der Besonderheiten des Gebäudes ab: die Vielzahl unterschiedlicher Details, die aus konstruktiven Varianten oder dem Niveauausgleich zwischen Holz- und Massivbauweise resultieren.

So gibt es zum Beispiel unterschiedliche Stärken der BSP-Elemente über dem 1. OG (180 mm) und 2. OG (200 mm), weil die Decken im 2. OG die Lasten der Staffelgeschosswände aufnehmen. Hinzu kommt eine Vielzahl an Balkonvarianten, so dass der Detailkatalog 24 Deckendetails mit bis zu drei unterschiedlichen Aufbauvarianten verzeichnet.

Modul-Nasszellen

Der Hauptvorteil einer frühen Planungsbeteiligung von Holzbauunternehmen liegt in der Entwicklung holzbaukonformer Details. Ein Paradebeispiel dafür sind die Nasszellen im Pflegeheim Sulz, die als fertige Module geliefert und fließend in die Errichtung des Gebäudes integriert wurden. Für Marcel Rudigier von oa.sy "brachten sie dank einfacher und schneller Montage eine effiziente Straffung der Bauzeit."

Nach der Montage konnten die Sanitär- und Elektro-Installateure direkt an den Anschluss der Nasszellen gehen, der bereits durch Steigleitungen und Installationsöffnungen in den Fluren vorbereitet war. Dabei wurden zwei Nasszellen zusammengefasst und bekamen eine gemeinsame Frischwasserstation. Auch die Brandabschottungen befanden sich im Flur, so dass in den Zimmern keine separaten Installationsarbeiten erforderlich waren.

Auch für Johannes Neimann sind die Nasszellen im mehrgeschossigen Holzbau heute Stand der Technik, "auch wenn man dabei einiges berücksichtigen muss – etwa in puncto Anschlüsse an angrenzende Bauteile und eventuelle Deckenverformungen in der Aufbauphase." Im Klartext: Die auf Steinplatten und Sylomerlager aufgesetzten Nasszellen wurden anfangs "schief" gestellt, weil durch die spätere Splitschüttung eine stärkere Senkung der Decke in der Raummitte zu erwarten war. Die Überhöhung der Zellen glich diese Senkung so weit aus, dass sie am Ende im Lot standen.

Besondere Anforderungen

Als gewisse Herausforderung erwies sich in Sulz der Erbebenschutz in Erdbebenzone 1. Dies vor allem wegen der massiven Betondecken, die viel zusätzliche Masse in die oberen Geschosse von Gebäude 3 brachten. Da die Betondecken über Gemeinschaftsbereichen ohne Zwischenwände zum Tragen kommen, war ihre Aussteifung unter Erdbebenbedingungen für Peter Seele von HSW-Ingenieure, dem Subunternehmer für die Massivbaustatik, teilweise sehr sportlich.

Johannes Neimann: "Ihre beträchtliche schwingende Last musste größtenteils über den Holzbau ausgesteift werden. Dazu wurden die aus Transportgründen kleinteiligen BSP-Decken über das gesamte Gebäude zu einer statischen Scheibe zusammengefasst. Dafür sind teilweise sehr massive Stahlbleche zum Einsatz gekommen." Selbst die kurzen Zwischenwände in den hangseitigen Wohnungen des 3. OG mussten zur Aussteifung herangezogen werden.

In puncto Energieeffizienz war es dank der Holzbau-Außenhülle vergleichsweise einfach, die konstruktiven Voraussetzungen für den Effizienzhaus 40-Standard zu schaffen. Auch die Außenwand- und Deckenelemente von Gebäude 3, als einziges im Ensemble als EH 55 konzipiert, erreichen hervorragende U-Werte zwischen 0,113 und 0,159 W/m²K. Beheizt wird das Gebäudeensemble über einen Pelletkessel mit Gasreserveheizung. Dezentrale Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung senken den Heizwärmebedarf, PV-Anlagen auf allen Dächern decken in etwa den Tagesbedarf an Strom.

Brandschutztechnisch gilt Haus 3 als nicht geregelter Sonderbau in Gebäudeklasse 4. Dies machte die Kapselung aller tragenden Wände und Deckenabhängungen unter den BSP-Decken über den notwendigen Fluchtwegen erforderlich.

Jedes Bewohnerzimmer bildet dank Kapselung eine abgeschlossene Einheit, damit waren hier sichtbare Holzdecken möglich. Die Brandabschnitte im Haus sind den drei Fluchttreppen zugeordnet: die vorderen Gemeinschaftsbereiche dem zentralen Treppenhaus, der linke und rechte Seitenflur je einem Treppenturm auf der Hangseite.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

BIM

Präzision, Tempo und Qualität

Dank BIM liefen alle Prozesse um Planung und Vorfertigung deutlich effizienter. Die Arbeiten ließen sich präziser und schneller umsetzen, zugleich stieg die Ausführungsqualität. Auch die Kostenplanung gewann an Transparenz.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Bürogebäude

Digitalisierung im Holzbau

Das neue Bürogebäude in Neckarbischofsheim verbindet repräsentative Architektur mit energieeffizientem Betrieb und hoher Aufenthaltsqualität. Für hohe Präzision und effiziente Abläufe beim Bau sorgten die BIM-gestützte Planung und Vorfertigung sowie...

mehr...

Aufstockung

Netzwerktreffen: Potenziale im Bestand

ProHolz BW, Holzbau Schlosser und Vollholz-Hersteller holzius trafen sich am 28. April 2026 im Kloster Reimlingen zur Besichtigung der zweigeschossigen Aufstockung des historischen Klostergebäudes und des holzius-Neubaus „Heil- und Seminarzentrum...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren