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Kai Ingmar Link,

CO2 – Problemstoff oder Rohstoff?

Neue Wege im Umgang mit CO2-Emissionen sucht der bayerische Baustoffhersteller Rohrdorfer: Das Unternehmen hat die erste CO2-Rückgewinnungsanlage Deutschlands aufgebaut.

Im bayerischen Rohrdorf steht Deutschlands erste CO2-Rückgewinnungsanlage. © WBM

Ein klares "Ja" zur CO2-Einsparung kommt von den Rohrdorfer Zementwerken. Dabei geht der Baustoffhersteller in der Produktion auch ungewöhnliche Wege. Seit 1990 hat Rohrdorfer seine CO2-Emissionen kontinuierlich abgesenkt. Mittlerweile sogar um 38 %. Der erste Ansatzpunkt war die Zementproduktion selbst: Hier verzichtet der Baustoffhersteller so weit möglich auf fossile Brennstoffe und verwendet stattdessen alternative Brennstoffe mit biogenem Anteil.

"Zur Einführung des Euro haben wir hier sogar alte, geschredderte Markscheine verfeuert", sagt Dr. Helmut Leibinger, Geschäftsführer des Net Zero Emission Labs bei Rohrdorfer. Die Abwärme des Drehrohrofens wird in das werkseigene Abwärmekraftwerk geleitet. So kann ein Drittel des Strombedarfs gedeckt und jährlich gut 10.000 t Kohlenstoffdioxid (CO2) vermieden werden. Das heiße Abgas bleibt nicht ungenutzt, sondern trocknet unter anderem Rohmaterial und Steinkohle.

So konnte der CO2-Ausstoß reduziert werden. "Der Emissionshandel lässt zwar zu, dass wir Zertifikate kaufen können. Ein Problem aber bleibt: Das CO2 ist dann aber immer noch im Kreislauf", erklärt Ulrike Schinagl, Referentin für Unternehmenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem verursache der Handel mit den Zertifikaten Kosten, die an die Kunden weitergegeben werden müssten. Als Reaktion hat Rohrdorfer die Zementproduktion umgestellt. Zur Herstellung von Klinker setzt der Baustoffhersteller Alternativbrennstoffe ein, die zwei Drittel weniger CO2 verursachen. Bei der Zementherstellung wurde mit den getemperten Tonen ein Mittel gefunden, den Klinkeranteil zu reduzieren.

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Bahn oder Pipeline?

Das entstandene CO2 soll, so die Ansage der Bundesregierung, im Erdreich verpresst werden. "Dazu soll der Kohlenstoff an die Ostsee verbracht werden. Allerdings wissen wir noch gar nicht, auf welchem Wege das geschehen soll", so Helmut Leibinger. Denkbar seien der aufwändige Transport via Bahn oder durch eine Pipeline zur Küste. "Sollte eine Pipeline gebaut werden, muss die Regierung die Rahmenbedingungen festlegen. Zum Beispiel in der Frage der Tarife: Es ist für uns nicht akzeptabel, wenn wir im Süden höhere Tarife zahlen müssten als die nördlichen Unternehmen." Die Frage ist, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt. Denn das verrufene Treibhausgas hat sogar Potenziale, und Rohrdorfer hat Wege gefunden, diese zu nutzen.

Einmaliges Pilotprojekt in Deutschland

Der Baustoffhersteller hat 2022 ein in Deutschland bislang einmaliges Pilotprojekt gestartet: die erste CO2-Rückgewinnungsanlage. Die Anlage beweist, dass die Zementindustrie dank Carbon Capture and Utilization (CCU) die Wertschöpfung steigern kann. Täglich trennt Dr. Helmut Leibinger mit seinem Net-Zero-Emission-Labs-Team hier gut zwei Tonnen Kohlenstoffdioxid aus dem Rauchgas ab. Dies erfolgt durch eine Aminwäsche. Dabei werden Amine als Absorptionsmittel eingesetzt. Diese Amine werden in unterschiedlicher Konzentration als Waschlösung eingesetzt. Das gereinigte Gas kann dann nach oben hin entweichen. Das Ziel von Rohrdorfer ist es, bis 2038 CO2-neutralen Zement herstellen zu können. Momentan wartet das gereinigte CO2 noch in Druckbehältern darauf, weiterverwendet zu werden. "Uns haben schon eine Reihe von Anfragen erreicht.

CO2 wird ja unter anderem für Gewächshäuser und als Kohlensäure für die Getränkeherstellung gebraucht", so Leibinger. Aber auch die Hygiene- und Pharamindustrie seien darauf angewiesen. Die Verwendung des Kohlendioxids ist aber nicht ohne Weiteres möglich. "Entscheidend ist der Reinheitsgrad. Wir erreichen 99,99 %."

Schon einen Schritt weiter

In Rohrdorf denkt man schon einen Schritt weiter: Über eine chemische Reaktion lässt sich das CO2 in andere, unbedenkliche chemische Grundstoffe umwandeln. Dafür hat der Baustoffhersteller eine Demonstrationsanlage errichtet. Mithilfe einer Elektrolysezelle wird das CO2 in der Pilotanlage in Ameisensäure umgewandelt. Die Zelle ist eine Eigenentwicklung und die erste ihrer Art. Vorher musste das CO2 energieaufwendige Reinigungs- und Ansäuerungsprozesse durchlaufen. Nun kann Kohlendioxid in einem Schritt vom Schadstoff zum Rohstoff umgewandelt werden. "Wir schaffen einen Umsatz von einem Kilogramm CO2 pro Stunde zu ‚grüner‘ Ameisensäure.", sagt Dr. Helmut Leibinger. So kann Net Zero Emission Labs aus den täglich anfallenden zwei Tonnen CO2 bis zu 1.800 Liter Ameisensäure gewinnen. Die Ameisensäure kann als Calciumsalz (Calciumformiat) als Beschleuniger in klinkerreduziertem Zement eingefügt werden. Durch die oft geringere Reaktivität der Klinkerersatzstoffe härten diese Zementarten sonst langsamer aus. Calciumformiat hat als Beschleuniger den Vorteil, dass dieses alkalifrei und gegenüber der Bewehrung nicht korrosiv ist.

Alexander Beck (l.) und Dr. Helmut Leibinger (r.), Geschäftsführer der Net Zero Emission Labs vor der Demonstrationsanlage. © WBM

Als globaler Pionier erzeugt das Rohrdorfer Zementwerk Ameisensäure, die für die Chemieindustrie tauglich ist. Denkbare Abnehmer sind unter anderem die Unternehmen des oberbayerischen Chemiedreiecks. "Ameisensäure kann auch zur Enteisung eingesetzt werden. Etwa für Flugzeuge. Dazu ist es ein absolut biologisches Produkt", erklärt Ulrike Schinagl. "Wir dürfen CO2 nicht mehr als Problemstoff sehen, sondern als Rohstoff", ergänzt Leibinger. "Viele Produkte, die heute noch auf Erdölbasis hergestellt werden müssen, können auch durch den Kohlenstoff im CO2 gewonnen werden. Wie Methanol, Ethylen oder eben Ameisensäure." Sind Rückgewinnungsanlagen also die Lösung für das Problem der CO2-Emissionen? "In ein paar Jahren ist das möglich. Dazu müssen aber erst einmal die erforderlichen Infrastrukturen geschaffen werden, schon allein wegen der erforderlichen Mindestgröße der Anlagen. Auch ist das Know-how noch nicht sehr weitverbreitet", sagt Dr. Helmut Leibinger. Eine weitere Hürde sei das aufwendige Genehmigungsverfahren.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 5/23

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