Alternative zur Konvention?
ArcelorMittal Steligence: "Ein Tragwerk muss nicht aus Beton sein"
Ressourcenschonend, CO2-reduziert und wiederverwertbar: Bauen mit Stahl bietet eine Reihe an Vorteilen. In der Branche gewinnt Stahl als Baustoff mehr und mehr an Bedeutung.
Aber noch zu wenig, findet Mike Kraus von ArcelorMittal Steligence. "Wir müssen ins Umdenken kommen", sagt Mike Kraus. Er ist Experte bei Steligence, der Bausparte eines der weltweit führenden Stahlkonzernen ArcelorMittal. Steligence ist ein Akronym aus Steel (Stahl) und Intelligence (Intelligenz); Das Konzept sieht vor, ganzheitlicher zu denken, flexibler, was den Einsatz von Materialien angeht und die Wechselwirkung der einzelnen Komponenten zu optimieren – mit dem Ziel, nachhaltiger, klimafreundlicher und kreativer zu bauen. 40 Prozent aller Emissionen fallen auf den Baubereich, das Einsparpotenzial ist gewaltig. Mike Kraus sieht Stahl als ein Teil der Lösung an. Durch Stahl ließen sich die Emissionen in Baustoffen, Bauteilen und einem ganzen Gebäude reduzieren. "Je nach Produktbereich liegen die CO2-Einsparungen bei 24 bis 85 Prozent. Und das ist erst der Anfang", betont er. Die Stahlindustrie befinde sich im Umbruch, in nicht mehr ferner Zukunft wird Stahl nicht mehr auf Basis von Kohle hergestellt werden. Weil Stahl als Werkstoff zu 100 Prozent ohne Qualitätsverlust recycelbar ist und viele Materialien durch Schrott-Einschmelzung produziert werden, sind die CO2-Emissionen schon heute deutlich geringer. Und Bauen mit Stahl biete weitere Vorteile. "Stahl ist wiederverwertbar, wir können leichter und schlanker bauen und größere Spannweiten anbieten."
Kraus appelliert an Planer und Architekten, neue Wege zu gehen. "Wir müssen mit den entscheidenden Personen stärker ins Gespräch kommen und darstellen, was wir haben und können. Ein Tragwerk muss nicht immer zwingend aus Beton sein." Beispiele in der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen, was der Bauexperte meint. Bei einer Logistikhalle mit Obergeschoss wurde eine Gesamt-CO2-Ersparnis von 2.450 Tonnen CO2 (67 Prozent) erzielt – infolge einer Hybridlösung von Beton und Stahl und dem Einsatz einer Stahlverbund- anstatt einer Betondecke. Ein weiteres Projekt in Hamburg, bei dem 6.000 m³ Bewehrungsstahl verbaut wurden, sorgte für nur rund die Hälfte der herkömmlichen CO2-Emissionen, weil der verwendete Stahl stark CO2-reduziert – auf Basis von Schrott und erneuerbarer Energie – hergestellt wurde. Auch für den Innenbereich gibt es smarte Lösungen. Für ein Büro-Projekt in Berlin wurden Metallkassettendecken und Metalldeckensegel verwendet. "Durch die Verwendung von emissionsarmem Stahl kam es zu einer CO2-Reduzierung von 52 Prozent", so Kraus.
Er und sein Steligence-Team arbeiten an der Bauwende. "Schon jetzt bestehen die Möglichkeiten, mit dem Einsatz von Stahl die CO2-Emissionen massiv zu senken. Auch Hybridlösungen mit Holz sind denkbar. Ich kann Holz und Stahl wunderbar miteinander verbinden und schlankere Lösungen oder größere Spannweiten bei einem Tragwerk hinkriegen", betont Mike Kraus. Nicht nur bei Neubauten sei Potenzial vorhanden. Mit Hybridlösungen ließen sich Projekte verschlanken, Höhe reduzieren und Material einsparen. "Wir schauen immer, wie und was wir anhand der Gegebenheiten optimieren können." Ob Industrie-, Gewerbe- oder klassischer Hochbau – Grenzen für den Einsatz von Stahl gebe es nicht. Doch noch ist Überzeugungsarbeit in der Branche notwendig. "Viele wissen noch gar nicht, was wir im Stahlbereich mittlerweile für einen Bauchladen haben an Systemlösungen und Produkten, um CO2zu reduzieren. Wir haben einige Nachfragen, gerade auch von großen Unternehmen, die hohe Klimaziele haben, ähnlich wie auch ArcelorMittal. Es gibt aber auch welche, die das Thema erstmal vor sich herschieben", berichtet Kraus.
Der Experte rechnet vor, dass sich mit den derzeitigen Stahllösungen schon viel erreichen ließe, was die CO2-Einsparungen angeht. Oder auch bares Geld. Der stärkere Austausch innerhalb der Baubranche sei da essenziell. "Für die Erweiterung einer Tribüne in einem Stadion haben wir die Pläne geschickt bekommen. Unsere Fachleute haben sich das angesehen. Letztlich konnte durch eine schlankere Bauweise Geld eingespart werden. Der Kunde war sehr überrascht."
Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 04_2024.












