3D-Druck
Holcim erstellt Wände Schicht für Schicht
Ein unscheinbarer Ort in Norddeutschland wird zum Schauplatz einer technologischen Zeitenwende:
In der niedersächsischen Provinz entsteht eines der ersten Gebäude aus dem 3D-Drucker. Das Projekt zeigt, wie digitale Innovation und nachhaltige Baustoffe das Bauen grundlegend verändern können.
Ein Projekt mit Signalwirkung
Selsingen wirkt auf den ersten Blick wie viele Orte in Norddeutschland: ruhig, überschaubar, geprägt von regionaler Geschichte. Doch genau hier, zwischen Hamburg und Bremen, wurde ein Projekt realisiert, das weit über die Region hinaus Bedeutung hat.
Auf dem Gelände des Bauunternehmens Matthäi entstand bis Ende 2025 Norddeutschlands erstes zweigeschossiges Bürogebäude aus dem 3D-Drucker. Gemeinsam mit Holcim wurde hier ein Ansatz umgesetzt, der das Potenzial hat, die Baupraxis nachhaltig zu verändern.
Fenja Josefin Thießen, Leiterin Vertrieb Binder Solutions bei Holcim Deutschland, beschreibt die strategische Dimension des Projekts so: "Um bezahlbares Wohnen zu ermöglichen, Klimaschutz voranzutreiben und die ökologische Wende unserer Volkswirtschaft zu schaffen, transformieren wir uns und unsere Branche."
Innovation beginnt beim Baustoff
Im Zentrum des Projekts steht nicht nur die Technologie, sondern vor allem der richtige Baustoff. Mit TectorPrint 3D hat Holcim eine speziell entwickelte Produktfamilie für den 3D-Druck im Bauwesen eingesetzt.
Dabei handelt es sich um einen Hochleistungs-Trockenmörtel, der exakt auf die Anforderungen des additiven Bauens abgestimmt ist. Entscheidend ist die Balance zwischen Verarbeitbarkeit im Druckprozess und der sofortigen Standfestigkeit nach dem Austritt aus dem Druckkopf.
Simon Liebl, Leiter Business Development bei Holcim Deutschland, bringt es auf den Punkt: "Wir nutzen konsequent die Möglichkeiten nachhaltiger und digitaler Innovationen. Mit dem Hochleistungs-Trockenmörtel TectorPrint 3D bieten wir einen Schlüssel für nachhaltiges, weil superschnelles und ressourceneffizientes Bauen an."
Effizienz trifft Präzision
Der Einsatz von 3D-Druck verändert die Abläufe auf der Baustelle grundlegend. Wo bislang manuelle Arbeitsschritte dominierten, entstehen nun Wände automatisiert und mit hoher Präzision direkt vor Ort.
Im Vergleich zu klassischen Bauverfahren ermöglicht der 3D-Druck eine deutlich schnellere Umsetzung. Gleichzeitig steigt die Genauigkeit – ein Vorteil, der bisher vor allem industriell gefertigten Bauteilen vorbehalten war.
Ein weiterer Effekt zeigt sich in der Logistik: Da der Druck direkt auf oder nahe der Baustelle erfolgt, reduzieren sich Transportwege und Abhängigkeiten von Lieferketten. Das führt nicht nur zu geringeren Kosten, sondern auch zu einer höheren Planungssicherheit.
Praxisbeweis statt Vision
So überzeugend die Vorteile des 3D-Drucks klingen, entscheidet sich seine Zukunft in der Praxis. Projekte wie das in Selsingen zeigen, dass die Technologie nicht nur unter Laborbedingungen funktioniert, sondern auch im realen Baualltag.
Bernd Mergard, Geschäftsführer von Matthäi Schlüsselfertigbau, unterstreicht die Bedeutung des Projekts: "Die gesamte Matthäi-Gruppe ist stolz darauf, das erste 3D-Druck-Gebäude in Norddeutschland realisieren zu dürfen. Gemeinsam mit unseren Partnern gehen wir einen wichtigen Schritt in die Zukunft des Bauens."
Innovation und Bauwende
Der Einsatz von 3D-Druck steht exemplarisch für den Wandel der Branche. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Effizienz rücken zunehmend zusammen und verändern die Anforderungen an Bauunternehmen und Baustoffhersteller gleichermaßen.
Das Projekt in Selsingen zeigt, dass diese Transformation nicht abstrakt ist, sondern bereits konkrete Formen annimmt. Es macht deutlich, wie neue Technologien und Materialien zusammenwirken können, um Bauprozesse schneller, präziser und ressourcenschonender zu gestalten.
Anfang einer neuen Baupraxis
Was in Selsingen entstanden ist, ist mehr als ein einzelnes Gebäude. Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich die Bauwirtschaft im Wandel befindet.
Der 3D-Druck eröffnet neue Möglichkeiten, die weit über Effizienzgewinne hinausgehen. In Verbindung mit innovativen Baustoffen wie denen von Holcim entsteht ein Ansatz, der das Potenzial hat, die Baupraxis langfristig zu prägen.
Nicht im Zuge einer Revolution, aber über einen evolutionär gewachsenen Prozess. Denn noch stimmen die Rahmenbedingungen nicht: Aktuelle Bauvorschriften und Normen beschränken sich noch auf klassische Bauverfahren. Für den 3D-Druck fehlen auch heute noch klare Zulassungen, standardisierte Prüfverfahren und rechtliche Sicherheit. Hinzu kommt die Wirtschaftlichkeit. Zwar kann der 3D-Druck langfristig Kosten senken, im Moment sind Investitionen in Maschinen, Materialentwicklung und Know-how noch hoch. Für viele Bauunternehmen ist das Risiko im Verhältnis zum Nutzen noch schwer kalkulierbar.
Ein weiterer Engpass ist das fehlende Fachwissen. Der 3D-Druck erfordert neue Kompetenzen – von der digitalen Planung bis zur Steuerung der Druckprozesse. Diese Skills sind in der Breite der Branche noch nicht ausreichend vorhanden. Der 3D-Druck, wie hier bei diesem Projekt mit Holcim, ist kein Experiment mehr, aber auch noch kein Industriestandard. Er ist eine Schlüsseltechnologie mit großem Potenzial für Effizienz, Nachhaltigkeit und gegen den Fachkräftemangel. Entscheidend wird sein, wie schnell es gelingt, regulatorische, wirtschaftliche und organisatorische Hürden abzubauen.












