Baustelle

Verzögerung beim Megabauprojekt - einen Kilometer in die Höhe

Am Roten Meer in Saudi-Arabien, nördlich der Hafenstadt und Wirtschaftsmetropole Dschidda, wird der im Bau befindliche Wolkenkratzer Jeddah Tower die Ein-Kilometer-Grenze an Höhe überschreiten. Bei Fertigstellung wäre er damit das höchste Gebäude der Welt. Die Planung des Gebäudes begann 2011, die Bauarbeiten starteten im April 2014. Statt wie ursprünglich geplant 2018 wird der Wolkenkratzer erst 2020 fertiggestellt sein.

Jeddah Tower
2020 soll der Jeddah Tower als Teil eines Mega-Bauprojekts am Roten Meer fertiggestellt sein. Er wäre dann mit über einem Kilometer Höhe das höchste Gebäude der Welt und verweist dann den 828 m hohen Burj Khalifa auf Platz zwei. Alle Fotos: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture

In den vergangenen Jahren hat der Bau von Wolkenkratzern erheblich zugenommen. China hat zahlenmäßig betrachtet zurzeit die führende Position bei der Konstruktion von Wolkenkratzern. Gleichzeitig hat der Wettbewerb um das höchste Gebäude der Welt zum Wettlauf zwischen verschiedenen Ländern geführt. Gegenwärtig befindet sich der höchste Wolkenkratzer der Welt in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der 828 m hohe und 163-geschossige Burj Khalifa wurde 2010 fertiggestellt. Seitdem ist der Burj Khalifa das Reiseziel hunderttausender Touristen aus aller Welt geworden und Dubais Reiseindustrie hat davon gewaltig profitiert. Man erwartet, dass der Jeddah Tower einen ähnlichen vitalisierenden Effekt für die fast unbewohnte und wüstenartige Region am saudischen Roten Meer haben wird.

Saudi Vision 2030

Jeddah Tower
Der Jeddah Tower nahe der Hafenstadt Dschidda wird 167 Geschosse haben; 52 davon waren im Mai fertiggestellt.

Der Jeddah Tower ist Teil eines größeren Megaprojekts, das eine geplante Stadt namens „King Abdullah Economic City“ (KAEC) ist. Der Grundstein für KAEC wurde 2005 gelegt. KAEC gehört seinerseits zum sogenannten „Saudi Vision 2030“-Projekt, einer Initiative von Prinz Mohammed bin Salman, Sohn Königs Salmans. Das Ziel des Projekts ist, das Königreich zu modernisieren und für das Land Alternativen für die von Ölproduktion und -export abhängige Wirtschaft zu entwickeln. Der als unberechenbar geltende 32-jährige Mohammed bin Salman ist heute Verteidigungsminister des Landes und damit verantwortlich für den Krieg gegen den Jemen. Im Juni 2017 bestimmte König Salman ihn überraschend zu seinem Thronfolger.

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Heute hat der Ort KAEC 8.000 Einwohner. Wenn der Jeddah Tower 2020 fertig wird, sollen dort bereits 50.000 Einwohner leben. Für die Stadt hat man eine ehrgeizige Infrastruktur für zwei Millionen Menschen geplant. KAEC wird aus privaten Mitteln finanziert, und man beabsichtigt, dass die Stadt möglichst wenig mit der an Bedeutung verlierenden Ölindustrie zu tun hat. Man versucht, junge Saudis aus anderen Teilen des Landes in die neue Planstadt zu locken und die Zahl der ausländischen Gastarbeiter so niedrig wie möglich zu halten. Der am Roten Meer liegende Hafen soll das bedeutendste Drehkreuz für die Schifffahrt zwischen Asien, Afrika und Europa werden. Dazu versucht man, KAEC zur ersten Stadt der Welt zu machen, die börsennotiert wäre.

Fertig: 52 von 167 Geschossen

Der im Bau befindliche nadelähnliche Jeddah Tower, der nur wenige hundert Meter vom Roten Meer entfernt ist, steht auf 270 Stahlpfählen. Die Pfeiler sind auf eine Tiefe von 45 bis 110 m abgesenkt. Der Wolkenkratzer wird insgesamt 167 Geschosse haben. Im Mai 2017 waren 52 Geschosse fertig. Das Stahlbetongebäude wird überwiegend eine gläserne Außenfassade aufweisen und Büroräume, 30 Wohnungen, ein Four-Seasons-Hotel und ein Einkaufszentrum beherbergen. Auf der Höhe von 652 m wird die höchste Aussichtsplattform der Welt errichtet. Man hat vor, dass Frauen und Männer keine separaten Eingänge zum Gebäude benutzen müssten, was in dem erzkonservativen wahhabitisch-sunnitischen Saudi-Arabien ganz neu wäre.

Aussichtsplattform
Auf der Höhe von 652 wird es eine Aussichtsplattform geben, die auch als Landeplatz für Hubschrauber dient. Fährt man nach oben, ist das künftig die längste Aufzugsfahrt der Welt. Installiert werden insgesamt 57 Aufzüge und 8 Rolltreppen.

Für die Planung des Wolkenkratzers sind die in Chicago ansässigen Architekten Adrian Smith und Gordon Gill zuständig. Adrian Smith plante auch den heutigen höchsten Wolkenkratzer der Welt, den Burj Khalifa in Dubai. Die Kingdom Holding Company, deren Eigentümer die königliche Familie Saudi-Arabiens ist, finanziert und besitzt den Jeddah Tower. Als Bauunternehmer für den Jeddah Tower ist die Saudi Binladin Group mit über 200.000 Arbeitern zuständig. Die Firma wurde im Jahr 1931 von Mohammed bin Laden gegründet, dem Vater von Osama Bin Laden, der als Gründer und Führer der Terrororganisation El Kaida bekannt wurde und Initiator der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York war. Gegenwärtig wird das Bauunternehmen von Osama bin Ladens Halbbruder Bakr bin Laden geführt, der an der Universität Miami in den Vereinigten Staaten studiert hat.

Sandiger Boden ist problematisch

Bei der Realisierung des Wolkenkratzers hat man viele Probleme lösen müssen, bevor er für Nutzer und Bewohner menschenfreundlich und ausreichend sicher ist. Zum Beispiel musste man das riesige, über 200.000 t schwere Stahlbetonfundament vom Korrosion verursachenden Salzwasser trennen, das durch die Nähe des Roten Meeres und dem sandigen und weichen Erdboden vorhanden ist. Zahlreiche Experten sind der Meinung, dass der sandige Boden sehr problematisch für den Bau des Wolkenkratzers ist. Deswegen hat man die Sockelkonstruktion des Jeddah Towers wie ein dreiteiliges Stativ realisiert. So versucht man, das Gesamtgewicht des Baus auf eine größere Fläche zu verteilen.

Schutzgeschosse für den Brandschutz

Die gläserne Fassade lässt sehr viel Sonnenlicht und Wärme ins Innere des Turms, so dass er zu viele Strom verbrauchende Kühlungsanlagen benötigt. An der Fassade muss man zusätzlich zu Glas andere schwer brennbare Baumaterialien benutzen. Das dramatische Feuer mit 80 Todesopfern im Grenfell Tower in London hat auch die Konstrukteure des Jeddah Towers zur Planung eines effektiven und vorbeugenden Brandschutz für den Wolkenkratzer gedrängt. Im Grenfell Tower breitete sich das Feuer durch Aluminiumpanele und entflammbares Isolationsmaterial sehr schnell überall im Gebäude aus.

Architekten Gorden Gill (links) und Adrian Smith
Die Architekten Gorden Gill (links) und Adrian Smith rechnen damit, dass der Jeddah Tower erst 2020 eröffnet wird.

Der Jeddah Tower wird mehrere klimatisierte Schutzgeschosse aufweisen, in die man während eines eventuellen Brandes Personen evakuieren kann. Die in 652 m Höhe liegende Aussichtsplattform kann im Notfall auch als Landeplatz für Hubschrauber benutzt werden.

In der Planung hat man besonders die Auswirkung von Windlasten und Sandstürmen für diesen Turm mit Rekordhöhe beachten müssen. Die Geschwindigkeit des Windes wächst mit der Höhe des Gebäudes. Das Schwankungsausmaß ist ein relevanter technischer Faktor in der Planung und Ausführung eines Gebäudes. Man hat berechnet, dass sich die Spitze des Jeddah Tower im Extremfall um bis zu zwei Meter bewegen kann. Aus diesem Grund wird man für die obersten Abschnitte, die unbewohnt sind, hydraulische Dämpfer installieren, die die Schwankungen erschweren und verhindern können.

Die weltweit längste Fahrt mit dem Aufzug

Für den finnischen Aufzughersteller KONE ist der Jeddah Tower ein sehr ambitioniertes Projekt und bietet die Gelegenheit, die Position der Firma als Innovationsführer auszubauen. KONE baut und installiert insgesamt 57 Aufzüge und acht Rolltreppen für diesen noch im Bau befindlichen Wolkenkratzer. Eine KONE-Aufzugsanlage wird Personen zu der Aussichtsplattform transportieren. Das wäre dann die weltweit längste Aufzugfahrt innerhalb eines Gebäudes. Der zweite Weltrekord wird gebrochen, wenn die über 10 Meter pro Sekunde fahrenden zweigeschossigen Aufzüge in 52 Sekunden die weltweit höchste Wohnetage erreichen.

Jeddah Tower
Die Baukosten des Jeddah Tower wurden ursprünglich auf 900 Millionen Euro geschätzt. Aufgrund der Verzögerungen beim Bau des neuen „Himmels­turms“ werden die Kosten wahrscheinlich um ein Vielfaches höher sein.

Das Geheimnis des Bauens in immer größere Höhen und des damit einhergehenden Transports von Menschen ist ein von KONE neu entwickelter Seiltyp aus einem Karbonfaserkern namens UltraRope, der dreimal leichter ist als ein übliches Stahlseil. Das neue Seil ist umweltfreundlich und spart beträchtlich Energie ein. Es ist fester als Stahl und die geschätzte Lebensdauer ist doppelt so lang wie bei einem herkömmlichen Stahlseil. Wenn die höchsten Etagen unter den Windlasten schwanken, verringern die leichten UltraRope-Seile das Außerbetriebsetzen der Aufzüge beträchtlich. Das neue Karbonfaser-Kernseil hat man in KONEs Werk in Hyvinkää 60 km nördlich der finnischen Hauptstadt Helsinki entwickelt; es wurde bereits seit 2010 im tiefsten unterirdischen Testschaft für Aufzüge in einem nicht mehr genutzten Bergwerk in Tytyri in der südfinnischen Stadt Lohja akribisch erprobt.

Fertigstellung verzögert sich

Die Bauverzögerung des Jeddah Towers ist der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation Saudi-Arabiens geschuldet. Die wichtigste Einnahmequelle des Königreichs ist der Verkauf und Export von Erdgas und Erdöl ins Ausland. In den letzten Jahren ist jedoch der Preis des Erdöls dramatisch auf dem Weltmarkt gesunken, so dass die autoritär herrschende Königsfamilie die Rechnungen der Bauunternehmen wie der Saudi Binladin Group nicht begleichen konnte. Die Saudi Binladin Group war wiederum nicht in der Lage, monatelang die Löhne für ausländische, hauptsächlich bangladeschische, indische und pakistanische Bauarbeiter zu zahlen.

Ab 2013, als klar wurde, dass der Ölpreis auf dem Weltmarkt in einem Maße sinken würde, dass das Königreich die Löhne für Gastarbeiter nicht mehr auszahlen konnte, begannen die Saudi-Behörden und Sicherheitskräfte Zehntausende „illegale“ Einwohner festzunehmen und sie zurück in ihre Heimatländer zu deportieren, ohne ihnen jedoch die zustehenden Löhne zu zahlen. Im Mai 2016 begannen Bauarbeiter auf den Straßen von Dschidda zu demonstrieren und bald breiteten sich die Unruhen bis nach Mekka aus, dem 70 km von Dschidda entfernten heiligsten Ort des Islams. Dort setzten die wütenden Demonstranten vor dem Büro der Saudi Binladin Group sieben Linien-Busse des Bauunternehmens in Brand.Die Baukosten des Jeddah Towers wurden ursprünglich auf 900 Millionen Euro geschätzt, aber auf Grund der sich verzögernden Bautätigkeiten werden die Ausgaben wahrscheinlich um ein Vielfaches höher sein, bevor man den neuen „Himmelsturm“ in Betrieb nehmen kann. Awaleed bin Talal, der Vorsitzende von Kingdom Holding, die Eigentümer von Jeddah Tower, meldet, dass der Bau 2019 fertig wird; nach Aussagen des Architekturbüros von Adrian Smith und Gordon Gill ist mit der Eröffnung dieses weltgrößten Wolkenkratzers jedoch voraussichtlich erst im Jahr 2020 zu rechnen.

Markku Rainer Peltonen

Bautafel

Projekt: Jeddah Tower Planungszeit: ab 2011 Bauzeit: 2014 - 2020 Auftragnehmer: Saudi Binladin Architekten: Adrian Smith; Adrian Smith + Gordon Gill Architecture Bauingenieur: Thornton Tomasetti Bauherr: Kingdom Holding Company - Jeddah Economic Company Bauausführung: CBRE Group Gründung: Saudi Bauer AG Schalungsplanung u. -ausführung: DOKA Aufzugsanlagen: KONE
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