Kirchendach
Wiederaufbau des Vierungsturms der Kathedrale Notre-Dame
Beim Wiederaufbau des Vierungsturms der Kathedrale Notre-Dame in Paris mussten viele französische Keilverschlüsse gefertigt werden. Bei dieser Arbeit halfen über 30 Planfräsen aus Deutschland.
Unter Glockengeläut öffnete der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich am 7. Dezember 2024 die Pforten der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Angetrieben vom Dekret des Präsidenten Emmanuel Macron und der Vision von Bauleiter Philippe Villeneuve wurde die Kirche nur fünf Jahre nach dem Brand wieder eröffnet. Dies ist das Ergebnis des Fleißes und des Könnens von 2000 am Bau beteiligten Männern und Frauen – und bei der Rekonstruktion des Vierungsturms auch des Geistesblitzes von zwei Ausbildern des Bildungszentrums Holzbau in Biberach.
Stolz erklärte der französische Präsident bei der Ansprache vor 3000 Gästen: "Wir haben wiederentdeckt, wozu große Nationen in der Lage sind: das Unmögliche zu schaffen." Doch lange schien das Unmögliche nicht möglich zu sein. Die Bleiverseuchung der Kirche, die Coronapandemie und ungünstige Witterungsverhältnisse durchkreuzten immer wieder den Zeitplan zum Wiederaufbau der Kathedrale als Sinnbild der Nation. Für Philippe Villeneuve war allerdings die Enthüllung des 96 m hohen Vierungsturms mit dem goldenen Hahn auf der Spitze am 24. Februar 2024 der schönste Moment des Wiederaufbaus. Fünf Jahre nach dem Brand stieg die Kirche wie Phönix aus der Asche empor.
Originalgetreuer Wiederaufbau
Der Chefarchitekt und Bauleiter hatte am Tag nach dem Brand den Hahn in den Holzresten entdeckt. Der ikonische Vierungsturm war am 17. April 2019 funkensprühend zusammengebrochen. Der Chefarchitekt setzte sich auch vehement dafür ein, dass der Dachreiter detailgetreu wieder rekonstruiert wurde. La Flèche, die Pfeilspitze, beschäftigte nicht nur Historiker, Tragwerksplaner und Zimmerleute, sondern zunächst den französischen Senat, der dem originalgetreuen Wiederaufbau zustimmte. Der damalige Ministerpräsident erwog damals alternativ nämlich auch eine moderne Neukonstruktion.
"Der Zeitdruck war mit Händen zu spüren", erkannte Andreas Beck, Ausbildungsmeister im Bildungszentrum Holzbau Biberach, im Mai 2023 beim Besuch der Werkhalle der Arbeitsgemeinschaft zum Bau des Vierungsturms. Er begleitete zusammen mit Georg Göppel, ebenfalls Ausbildungsmeister, eine Exkursion der Zimmerer-Bauabteilung der Karl-Arnold-Berufsschule. Die 40-köpfige Gruppe versuchte die Baustelle in Paris zu besichtigen und machte auf der Rückfahrt Station in Val de Briey bei Metz.
Französische Keilverschlüsse
Um die Aufgabe von nationaler Bedeutung in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit zu bewältigen, hatten sich vier zuvor im Wettbewerb stehende Unternehmen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und eine große Halle in Val de Briey angemietet. Fortan arbeiteten hier bis zu 200 Zimmerleute gemeinsam mit Hochdruck am Projekt.
Von Mitte November 2022 bis Mitte März 2023 wurde in der Werkhalle der "Hocker" abgebunden, ab Mai 2023 mühten sich die Zimmerleute in Handarbeit mit den 2000 Verbindungen für die Spitze ab: Abplattungen und vor allem französische Keilverschlüsse en masse. Diese Längsverbindung verlangt eine besonders exakte Ausführung. Mit Äxten, Hobeln und Holzmeißeln wurden die ausgearbeiteten Flächen für die passgenaue Verbindung geglättet. Ist dies bei gut abgelagertem Holz bereits anspruchsvoll, ist es bei frisch eingeschlagenen Stämmen eine besondere Herausforderung. Für das Projekt wurden 1000 Eichenstämme in 40 Sägewerken bearbeitetet und mit 50 Lastwagen zur Verarbeitung herangekarrt.
Der französische Keilverschluss ist auch ohne Leimung die sicherste Konstruktionsart bei Längsverbindungen, weil durch einen eingetriebenen Holzkeil die beiden zu verbindenden Friesteile fest aneinandergepresst werden und nur durch die Entfernung des Keils wieder voneinander zu lösen sind. Das Reißen und Ausarbeiten dieser komplizierten Holzverbindung erfordert eine gewisse Geschicklichkeit und vor allem eine hohe und damit zeitintensive Arbeitsgenauigkeit.
Planfräse spart Zeit
Andreas Beck und Georg Göppel hatten sofort eine Idee, wie das maschinell deutlich schneller und noch präziser von der Hand gehen könnte: mit der Planfräse PF 80 von Mafell. Zunächst für das Ausfräsen von Treppenwangen und das Planen von reparierten Astlöchern entwickelt, erkannten die Zimmermeister schnell, wie mit der kompakten Planfräse auch Holzverbindungen bearbeitet werden können. Die beiden kehrten einen Monat später mit einem Dolmetscher, selbst entwickelten Schablonen und drei Planfräsen im Gepäck zurück. Nach einer kurzen Vorführung erkannten die französischen Zimmerleute sofort, wie schnell und präzise mit den Planfräsen und den Schablonen die Verbindungen zu erstellen sein würden. Zwei Planfräsen wurden gleich vor Ort gelassen und zusätzlich 30 weitere Geräte bei Mafell geordert.
Beeindruckende Zahlen
Die Zeit drängte: Von September bis November wurde zeitgleich vorgefertigt und vor Ort aufgeschlagen. Am 28. November wurde die Spitze des Pfeils aufgesetzt, am 8. Dezember kam der französische Präsident zur Inspektion und am 16. Dezember zeigte der Projektleiter für den Vierungsturm, Patrick Jouenne, den Kollegen vom Bildungszentrum Holzbau Biberach viereinhalb Stunden jede Verbindung. "Ihr seid die ersten, die erkannt haben, was wir können", schätzte der französische Zimmermeister das Lob der Kollegen aus Deutschland sehr. Aber nicht nur das Ergebnis, auch die Rahmendaten des Wiederaufbaus des Vierungsturms sind beeindruckend: 20 000 Stunden Arbeit für Recherche und Planung, 70 000 Stunden für das Sägen der Eichenstämme, 30 000 Stunden für das Umsetzen der Eichenstämme zur Trocknung und Verarbeitung und 30 000 Stunden für Aufriss, Abbund und Montage. Dabei wurden 335 m3 Holz für die Konstruktion und 40 m3 Holz für die Dekoration verarbeitet.












