Luxemburg

Yannick de Beauregard,

Konstruktion Firmensitz Annen - Digital, präzise, fertigungsorientiert

Die innovative Bauweise bei der Werkshalle von Annen ermöglicht Spannweiten von 53,5 m ohne zusätzliche Stützen. Mit eigenen Prototypen hat die Firma Annen strukturelle Integrität und Montage direkt vor Ort getestet.

Die Kombination aus fortschrittlicher Holzbautechnik und moderner Metalldachtechnologie machen dieses Projekt einzigartig © Annen, Emmanuel Claude

Mit dem Bau des neuen Firmensitzes hat die Firma Annen aus dem luxemburgischen Manternach sich selbst ein Monument geschaffen. Die zentrale Basis des Gebäudes ist ein Flächentragwek aus Plattenwerkstoff, der in dieser Form bisher einzigartig ist. Statt eine traditionelle Leimholzbauweise zu nutzen, liegt der neuen Werkhalle ein parametrischer Entwurf zugrunde. Konkret heißt das, dass die Strukturen nicht manuell gezeichnet, sondern durch die vorgegebenen Parameter in einer speziellen Software generiert wurden. Die mathematische Regelmäßigkeit wird dabei automatisch in eine gleichmäßige Geometrie umgesetzt.

Sämtliche Bauelemente werden zuerst digital konstruiert und in digitale Fertigungsinformationen umgewandelt. Anschließend übernimmt ein computergestützter Prozess die Produktion der einzelnen Komponenten, die am Ende passgenau zusammengesetzt und kodiert werden, um den anspruchsvollen Bauprozess abzubilden. "Digitale Methoden erlauben nicht nur eine hohe Präzision in der Fertigung, sondern ermöglichen auch komplexe Entwürfe praktisch und fertigungsorientiert zu realisieren", berichtet Peter Zock, verantwortlich für Konstruktion und parametrische Planung bei Annen.

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Forschungsfeld Hochschule

In der Planungsphase des Gebäudes unterstützten Yves Weinand Architekten mit der Expertise im Holzbauingenieurwesen: Die Zweigstelle Bureau d’études Weinand in Lüttich, Belgien, kooperierte dazu eng mit Forschenden am Lehrstuhl für Holzkonstruktionen (IBOIS) an der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (kurz EPFL) in der Schweiz. Zunächst beschäftigten sich die Beteiligten mit der parametrischen Planung der Holzbauteile. Anschließend wurden Prototypen der Holzbogenkonstruktion in verschiedenen Größen gebaut, um Design, Montage und strukturelle Integrität zu testen. Besonders hervorzuheben ist ein Prototyp im Maßstab 1:1, der am IBOIS umfassend mechanisch getestet wurde: Durch die angewandten Belastungstests konnte die Praxistauglichkeit der Konstruktionen nachgewiesen und bestätigt werden.

Die angewandten Belastungstests konnten die Praxistauglichkeit der Konstruktionen nachweisen und bestätigen © IBOIS

Im Verlauf des gesamten Forschungsprozesses und der Prototyptests wurden am IBOIS zwei Doktorarbeiten zu Holz-Holz-Verbindungen geschrieben, die zur Weiterentwicklung dieser Bauweise beigetragen haben. Zudem hat Yves Weinand im Rahmen der Forschung das Buch "Design of integrally-attached timber plate structures" verfasst, welches die Methoden der parametrischen Modellierung für computergestütztes, architektonisches Design beschreibt.

Das Ergebnis der Forschung: Die innovative Bauweise ermöglicht Spannweiten von 53,5 m ohne zusätzliche Stützen. Mit eigenen Prototypen hat die Firma Annen ebenfalls strukturelle Integrität und Montage direkt vor Ort getestet. Auch weitere Bauteile, wie zwei Muster für die Bedachung wurden hier getestet. Fertigung und Montage auf der Baustelle in Manternach wurden vollständig in Eigenregie durch die Firma Annen durchgeführt. Charakteristisch für die Bauweise ist, dass jedes Bauteil einzigartig ist und gleichzeitig perfekt in das Gesamtgefüge integriert wird.

Umsetzung in die Praxis

Der Technologietransfer aus der Forschung des IBOIS in die Praxis ist überaus bedeutsam: Das Potenzial hinter den entwickelten Methoden eröffnet Möglichkeiten für eine robotergestützte Fertigung, die sowohl Präzision als auch Effizienz in der Umsetzung steigern kann. Die entwickelten Techniken sind dabei vielseitig einsetzbar: Sie eignen sich gleichermaßen für einzigartige architektonische Projekte mit individuellen Formen wie auch für standardisierte Anwendungen in der Industriearchitektur.

Auf Grundlage der parametrischen 3D-Pläne wurden Schnittmuster erstellt, mithilfe derer die Einzelelemente aus einer 40 mm dicken Buchenplatte maschinell gefräst werden konnten © IBOIS

Der eingesetzte Werkstoff Holz ist darüber hinaus entscheidend für die Realisierung und ermöglicht zugleich eine nachhaltige, umweltfreundliche Umsetzung von Bauprojekten, wie die Werkhalle Annen Plus. Die hier zugrunde liegende innovative Holzbautechnik wurde vor Ort direkt vom eigenen Team der Firma Annen umgesetzt. Auf Grundlage der parametrischen 3D-Pläne wurden Schnittmuster erstellt, mithilfe derer die Einzelelemente aus einer 40 mm dicken Buchenplatte maschinell gefräst werden konnten.

Noch braucht’s Handarbeit

Alles weitere ist – zumindest noch – Handarbeit: Aus jeweils vier Einzelelementen konnten dann per Zapfenverbindung einzelne "Boxen" erstellt werden. Die sichtbaren Platten haben die Form eines Parallelogramms. In abwechselnder Laufrichtung angeordnet ergibt sich so eine differenzierte, geometrische Struktur. Aktuell noch von Menschenhand gemacht, könnte in Zukunft – ähnlich den vorangegangenen Prozessen – computergesteuert sein. Einer der Studierenden am IBOIS beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit mit der Möglichkeit, die Verbindungen von einem Roboter zusammenbauen zu lassen.

Selbstragende Bögen

Die Bögen sind fast ausschließlich mit Holzverbindungen errichtet – ähnlich einer traditionellen Fachwerkkonstruktion. Dabei sind die Verzapfungen so gegeneinander verschränkt, dass die Verbindungen auch Zugkräfte aufnehmen können. Da jede aufeinanderfolgende Box unterschiedlich ist, musste der Aufbau in einer festgelegten Reihenfolge stattfinden. Dabei besteht der kleinste Bogen aus 184 Boxen, der größte Bogen aus 295 Boxen. Jeder Bogen deckt eine Breite von 6 m ab.

Der Aufbau der Bögen musste seitlich liegend erfolgen, was viel Platz erforderte. Auf der für das Gebäude errichteten Betongrundfläche konnten die Fachhandwerker schließlich die Boxen zusammensetzen. Anschließend wurden die fertigen Bögen per Kran gedreht und aufgerichtet. Die Spannweite der Bögen erstreckt sich von 22,3 m bis zu 53,3 m. Die Bögen sind selbsttragend, ab einer Spannweite von 38 m wird das Tragsystem zusätzlich mit einer innenliegenden Zugverstärkungen unterstützt.

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