Baugewerbe EXKLUSIV
Mehr als bloß Dampf ablassen
Kritik gehört zum Arbeitsalltag wie der Bauhelm auf die Baustelle. Wo Menschen gemeinsam etwas schaffen, passieren Fehler, gibt es Meinungsverschiedenheiten und entstehen Spannungen.
Doch wie Kritik geäußert wird, entscheidet darüber, ob sie verletzt – oder Veränderung möglich macht. Im letzten Teil unserer Serie zur respektvollen Kommunikation geht es deshalb um ein Thema, das oft unangenehm ist – aber unverzichtbar bleibt.
Was soll Kritik bewirken?
Das erklärte Ziel von Kritik ist nicht die Abrechnung, sondern die Verbesserung. Sie soll Verhalten verändern – nicht Menschen verurteilen. Kritik hat dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie das Miteinander klärt, Prozesse verbessert und Fehler in Zukunft vermeidet. Kritik ist also keine Strafe für die Vergangenheit, sondern ein Angebot für die Zukunft. Doch genau daran scheitert sie oft in der Praxis.
Die häufigsten Fehler bei Kritik
1. Zu spät: Kritik wird aufgestaut, bis sie in einem Moment der Überforderung explodiert. Dann geht es nicht mehr um die Sache, sondern um Dampf ablassen.
2. Zu allgemein: "Du machst immer alles falsch!" ist kein hilfreiches Feedback. Es gibt keine Orientierung, was konkret geändert werden kann.
3. Vor anderen: Öffentliche Bloßstellung führt fast immer zu Rechtfertigung oder Rückzug. Wer so kritisiert wird, will sich schützen – nicht lernen.
4. Persönlich statt sachlich: Kritik wird zum Angriff: "Du bist einfach unfähig." So wird aus einem Hinweis ein Affront.
5. Kritik ohne Beziehung: Wer nur kritisiert, aber nie lobt oder zuhört, wird nicht ernst genommen. Kritik braucht Vertrauen als Grundlage.
Die Macht der Zeitform
Neben diesen bereits dargestellten Fehlern ist ein Faktor äußerst entscheidend für respektvolle Kritik. Wie wir sie formulieren, macht einen gewaltigen Unterschied. Und oft entscheidet schon die Zeitform, ob Kritik verletzt oder so wirkt, wie sie gemeint ist:
• Vergangenheit (Schuld):
"Du hast das falsch gemacht."
→ Führt zu Schuldgefühlen, Rechtfertigung, Rückzug.
• Gegenwart (Werte):
"Mir ist wichtig, dass wir bei der Arbeit auf Sicherheit achten."
→ Zeigt aktuelle Haltung, macht Beziehung spürbar.
• Zukunft (Wahl):
"Ich wünsche mir, dass du künftig die Absturzsicherung gleich prüfst."
→ Gibt Handlungsspielraum, eröffnet Wahlmöglichkeiten.
Kritik, die sich an Werten orientiert und die Zukunft in den Blick nimmt, ist kraftvoll – weil sie Verantwortung übergibt, statt sie aufzubürden.
Die Haltung macht den Unterschied
Kritik ist mehr als eine Technik – sie beginnt im Kopf und im Herzen. Wer nur Fehler sieht, wird scharf. Wer den Menschen sieht, bleibt klar, aber menschlich.
Wirklich respektvolle Kritik setzt eine wohlwollende Haltung voraus. Sie beginnt damit, dass ich mir bewusst mache: Ich spreche mit einem Menschen, der Fähigkeiten, Stärken und Engagement mitbringt – selbst wenn er in einer bestimmten Situation falsch gehandelt hat.
Ein guter Einstieg ins Kritikgespräch ist deshalb nicht das Problem, sondern die innere Vorbereitung: Was schätze ich an dieser Person? Wo zeigt sie Verantwortung, Können, Einsatz? Wenn ich mir diese Qualitäten bewusst mache, verändert sich mein Ton, mein Blick, meine Wortwahl. Ich bleibe zugewandt – auch in der Konfrontation.
Ein Beispiel aus der Baupraxis
Ein Vorarbeiter im Bauunternehmen fällt wiederholt dadurch auf, dass er das Sicherungsseil nicht konsequent kontrolliert. Statt ihn anzuschreien oder ironisch vor dem Team bloßzustellen, entscheidet sich die Bauleitung für ein konstruktives Gespräch im Anschluss an den Arbeitstag:
"Mir ist heute aufgefallen, dass das Sicherungsseil am Gerüst nicht überprüft wurde. Ich weiß, du hast viel Erfahrung – und mir ist wichtig, dass wir bei der Sicherheit keine Kompromisse eingehen. Ich wünsche mir, dass du morgen früh nochmal einen Blick darauf wirfst, bevor jemand hochgeht."
Was passiert hier?
• Die Beobachtung wird konkret benannt
• Die Aussage bleibt sachlich
• Der Ton ist wertschätzend, nicht belehrend
• Die Kritik wird mit einem klaren Wunsch für die Zukunft verbunden
So kann Kritik gelingen: Sie bleibt ehrlich, aber respektvoll – und eröffnet dem Gegenüber die Möglichkeit zur Veränderung, ohne das Gesicht zu verlieren.
Zum Schluss: Mut zur Klarheit – mit Respekt
Kritik ist unbequem – keine Frage. Aber sie ist auch eine Form von Fürsorge. Wer ehrlich Kritik äußert, übernimmt Verantwortung: für die Qualität der Arbeit, für das Miteinander im Team und für die eigene Haltung.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Es geht bei Kritik nicht um Recht-Haben – sondern um Entwicklung. Wer das versteht, wird nicht leiser – aber klarer. Und manchmal ist das der Beginn einer besseren Zusammenarbeit.
Über Site Communications
Stefan Ufertinger ist Gründer und Geschäftsführer von Site Communications. Zudem ist er allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Verdingungswesen, Leiter Bauwirtschaft bei Afry Austria sowie zertifizierter Lean Construction Manager. Site Communications berät Bauunternehmen in Sachen Kommunikation auf der Baustelle. Durch die gezielte Weiterentwicklung der einzelnen Projektbeteiligten hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die gesamte Baubranche von innen nach außen zu "gesunden".
Dieser Gastartikel erschien zuerst in der September-Ausgabe des Baugewerbe Magazins.













