Baugewerbe - EXKLUSIV

Stefan Ufertinger,

Emotionen auf der Baustelle

Bevor wir über Empathie sprechen können, müssen wir begreifen, was Emotionen eigentlich sind – und was sie mit uns machen.

Stefan Ufertinger ist Geschäftsführer und Inhaber von Site Communications und Kommunikationscoach für Baustellen. © Site Communications

Die Bauwelt ist traditionell rational geprägt. Zahlen, Termine, Qualität, Kosten – das sind die Kategorien, in denen gedacht und entschieden wird. Gefühle gelten vielfach als Störgröße. Doch das ist ein Irrtum. Emotionen sind immer da. Sie wirken in jeder Besprechung, in jedem Konflikt, in jeder Entscheidung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Emotionen vorhanden sind – sondern ob wir sie bewusst wahrnehmen oder ob sie uns unbewusst steuern.

Die Branche ist nach wie vor stark männerdominiert. Viele Männer sind mit Botschaften groß geworden wie: "Reiß dich zusammen", "Sei stark", "Zeig keine Schwäche". Emotionen offen zu zeigen wird häufig mit Kontrollverlust gleichgesetzt. Wer fühlt, so das unausgesprochene Credo, verliert an Autorität.

Dabei lohnt sich ein Blick auf die Herkunft des Wortes Emotion. Es stammt vom lateinischen "emovere", herausbewegen. Eine Emotion ist also eine innere Bewegung. Etwas gerät in uns in Bewegung. Der Herzschlag verändert sich. Die Atmung wird schneller. Die Muskulatur spannt sich an. Der Körper reagiert, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken. Emotionen sind weder gut noch schlecht. Auch die sogenannten unangenehmen Emotionen nicht. Wut, Angst oder Scham sind keine Fehler im System. Sie sind Hinweise. Der Körper spricht mit uns. Er signalisiert, dass etwas für uns bedeutsam ist und dass wir ins Tun kommen sollen. Wer diese Signale ignoriert, wird nicht emotionslos – sondern wird von Emotionen gesteuert, ohne es zu merken.

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Was ist eine Emotion wirklich?

Emotionen bestehen aus drei Komponenten, die gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen.

Die erste Komponente ist die physiologische. Der Körper reagiert automatisch. Der Puls steigt. Die Hände werden feucht. Wärme schießt ins Gesicht. Der Sympathikus aktiviert den Organismus und bereitet ihn auf Handeln vor. Diese körperliche Reaktion kommt schnell und unwillkürlich.

Die zweite Komponente ist die kognitive. Jede Emotion basiert auf einer Bewertung. Der Philosoph Epiktet brachte es bereits in der Antike auf den Punkt: "Nicht die Ereignisse sind es, welche die Menschen betrüben, sondern ihre Vorstellung über die Ereignisse." Nicht das Ereignis selbst erzeugt die Emotion – sondern unsere Interpretation dessen, was geschieht.

Die dritte Komponente ist das Verhalten. Aus körperlicher Aktivierung und Bewertung entsteht eine Reaktion. Wir greifen an, verteidigen uns, ziehen uns zurück oder verstummen. Oft geschieht das in Sekundenbruchteilen.

Ein Beispiel: Der Bauherr kritisiert in einer Besprechung die Ausführungsqualität. Physiologisch steigt beim Bauleiter der Puls. Die Muskulatur spannt sich an. Kognitiv könnte die Bewertung lauten: "Er stellt unsere Kompetenz infrage." Das resultierende Verhalten ist ein scharfer Ton oder eine Rechtfertigung.

Eine alternative Bewertung wäre: "Er steht selbst massiv unter Druck." Die körperliche Aktivierung ist zunächst ähnlich – doch das Verhalten verändert sich deutlich. Die Situation bleibt gleich. Die Bewertung entscheidet über die Emotion und damit über das Handeln.

Emotionale Intelligenz

Der Psychologe Daniel Goleman beschrieb 1995 in seinem Buch "Emotionale Intelligenz" die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu regulieren. Emotionale Intelligenz bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken. Sie bedeutet, sie bewusst wahrzunehmen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

Emotionen sind wichtig - müssen aber gesteuert werden. © Pelemedia (Symbolbild, erstellt mit KI)

Ein zentrales Werkzeug ist die kognitive Neubewertung. Wenn ich meine Interpretation einer Situation verändere, verändert sich auch meine emotionale Reaktion. Aus "Das ist ein Angriff" kann "Das ist Sorge um das Projekt" werden. Die äußeren Umstände sind identisch – doch die innere Bewegung ist eine andere.

Jede Emotion enthält eine Botschaft. Freude signalisiert, dass ein Ziel erreicht wurde. Wut weist darauf hin, dass die eigenen Grenzen verletzt wurde. Angst macht auf eine mögliche Bedrohung aufmerksam. Scham zeigt, dass wir einem eigenen oder sozialen Maßstab nicht entsprechen. Schuld entsteht, wenn wir gegen unsere Werte gehandelt haben. Trauer weist auf einen Verlust hin. Kränkung signalisiert eine Verletzung des Selbstwertes. Druck entsteht, wenn Anforderungen unsere verfügbaren Ressourcen übersteigen.

Ohne Bewertung keine Emotion. Und ohne Emotion kein Hinweis. Wer seine Gefühle versteht, versteht auch, was ihm wichtig ist.

Wahrnehmen statt unterdrücken

Gerade Männer tun sich schwer, Emotionen bewusst wahrzunehmen. Sie werden überdeckt durch Aktionismus oder rationale Argumentation. Doch Emotionen verschwinden dadurch nicht. Sie wirken im Hintergrund weiter.

Studien zur Emotionsregulation zeigen, dass die reine körperliche Aktivierung einer Emotion relativ kurz anhält, wenn wir sie zulassen. Was sie verlängert, ist Widerstand, Grübeln und das aktive Wegdrücken. Der erste Schritt ist daher nicht Analyse, nicht Rechtfertigung und nicht Bewertung – sondern Wahrnehmung.

Was fühle ich gerade? Wo im Körper spüre ich es? Wie intensiv ist es? Die physiologische Komponente wieder bewusst zu fühlen, ist ungewohnt. Es kann unangenehm sein. Doch genau dort liegt der Schlüssel. Erst wenn ich die Emotion zulasse, kann ich sie verstehen. Und erst wenn ich sie verstehe, kann ich sie kognitiv neu bewerten.

Daniel Goleman spricht davon, dass wir zwei Geister in uns tragen: einen denkenden und einen fühlenden. In der Baubranche haben wir lange fast ausschließlich den denkenden Geist trainiert. Das war notwendig – aber das ist nicht ausreichend.

Es ist höchste Zeit, auch den fühlenden Geist stärker in den Fokus zu rücken. Wer seine Emotionen wahrnimmt und versteht, trifft bessere Entscheidungen, reguliert Stress souveräner und baut tragfähige, vertrauensvolle Beziehungen auf. Und genau dort beginnt Empathie.

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