Krane

Max Kandler,

Wolffkran - auf alten Fundamenten in neue Höhen

1 Victoria Street steht exemplarisch für einen Trend, der das Baugewerbe in europäischen Metropolen zunehmend prägt: Bauen im Bestand statt Neubau auf der grünen Wiese. Der ehemalige Bürokomplex aus den 1960er-Jahren wird zu einem modernen, nachhaltigen Büro- und Einzelhandelsstandort im Herzen von Westminster transformiert.

Aktuell stehen vier von insgesamt neun Wolff Wippern auf der Baustelle 1 Victoria Street. Nach der anspruchsvollen Demontage Ende 2026 beginnt die Hauptbauphase mit vier Wippern, die auf dem Dach des Gebäudes aufgestellt werden. © Neil McAleer Photography

Dabei ist das Projekt nicht nur architektonisch anspruchsvoll, sondern vor allem logistisch und technisch hochkomplex. Ein wesentlicher Teil der bestehenden Tragstruktur bleibt erhalten. Auf eine neue Pfahlgründung wird bewusst verzichtet, um Ressourcen zu schonen und den CO₂-Fußabdruck deutlich zu reduzieren. Diese Entscheidung beeinflusst sämtliche Bauprozesse – insbesondere die Kranlogistik.

Für die eingesetzten Krane bedeutet das: Arbeiten unter extrem beengten Bedingungen, auf alter Bausubstanz und mit dauerhaft wechselnden Bauzuständen.

Kraneinsatz im Herzen Londons: Neun Systeme im abgestimmten Bauphasenmodell

Das Kran- und Logistikkonzept für 1 Victoria Street ist in mehrere Bauphasen gegliedert und umfasst insgesamt neun Turmdrehkrane. Eingesetzt werden Systeme des Herstellers Wolffkran, die über den gesamten Bauzeitraum hinweg unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

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Die erste Phase war geprägt vom Rückbau. Ein Wolff 355 B Wippkran übernahm in dieser Phase für den Auftragnehmer Keltbray sämtliche Schwerlasthebungen. Auf engstem Raum wurde er zum zentralen Umschlagpunkt für Baumaschinen, Container, Stahl- und Betonteile sowie Rückbaumaterialien. Gerade im innerstädtischen Kontext von London zeigte sich die Kombination aus Reichweite, Präzision und kompakter Bauweise als entscheidender Vorteil.

Nach Abschluss der Rückbauarbeiten begann die nächste Bauphase unter der Verantwortung von Mace Construct. Vier weitere Krane wurden auf der zweiten Untergeschossebene installiert, darunter ein Wolff 166 B sowie drei weitere 355 B Systeme. Sie unterstützten insbesondere die Herstellung des Gebäudekerns im Slipforming-Verfahren, bei dem der Beton kontinuierlich und nahezu ohne Unterbrechung eingebracht wird. Dies erfordert eine konstant hohe Materialverfügbarkeit und präzise abgestimmte Kranzyklen.

Montage unter Bedingungen des Bestands: Wenn die Struktur den Kran bestimmt

Die Krane auf die Bestandsfundamente aufzustellen war aufwendiger als es auf den ersten Blick scheint, da sowohl die Lage der Krane als auch ihrer Auflagerpunkte durch die Bestandsstruktur vorgegeben wurden. Das Wolff Kreuzrahmensystem konnte hier mit seiner Flexibilität punkten. © Neil McAleer Photography

Eine der zentralen technischen Herausforderungen bei 1 Victoria Street war die Installation der Krane auf bestehenden Fundamenten aus der ursprünglichen Bauzeit. Anders als bei Neubauten konnten keine frei geplanten Kranfundamente erstellt werden. Die Positionierung der Krane wurde vollständig durch die vorhandene Tragstruktur bestimmt.

Das bedeutete in der Praxis: Jeder Kran musste exakt über bestehenden Auflagerpunkten platziert werden. Eine klassische Optimierung der Kranstandorte war nicht möglich. Zusätzlich mussten Kollisionen zwischen parallel arbeitenden Einheiten während der Bauphasen aktiv vermieden werden.

Besonders deutlich wurde diese Herausforderung beim Kran TC2. Da der Abbruchkran länger im Einsatz blieb als ursprünglich vorgesehen, musste TC2 zunächst in reduzierter Höhe montiert werden. Erst nach dem Rückbau konnte der Kran auf seine finale Arbeitshöhe von rund 50 Metern ausgefahren werden. Dieses schrittweise Vorgehen zeigt, wie eng Montageplanung und Bauablauf in solchen Projekten miteinander verzahnt sind.

Technische Schlüsselrolle: Das Kreuzrahmensystem im Bestand

Eine zentrale Rolle spielte das Wolff-Kreuzrahmensystem innerhalb der eingesetzten Krantechnologie. Es ermöglicht die individuelle Anpassung der Stützbeine an unterschiedliche Längen zwischen sechs und zehn Metern. Gerade im Projekt 1 Victoria Street wurde diese Flexibilität entscheidend.

Für einen der eingesetzten Krane mussten sogar vier unterschiedliche Stützbeinlängen innerhalb eines einzigen Systems kombiniert werden, um die vorhandenen Fundamentpunkte präzise zu treffen. Zusätzlich wurde der gesamte Kranaufbau gedreht, um sich optimal an die bestehende Untergrundstruktur anzupassen.

Diese technische Anpassungsfähigkeit zeigt, wie stark moderne Kransysteme heute auf projektindividuelle Rahmenbedingungen reagieren müssen – insbesondere im innerstädtischen Bauen ohne standardisierte Fundamentgeometrien.

Rückbau unter Extrembedingungen: Demontage als nächste logistische Herausforderung

Während die Montage bereits außergewöhnliche Präzision erforderte, stellt die spätere Demontage der Krane eine nochmals komplexere Aufgabe dar. Durch die fortschreitende Herstellung der Sohlplatte werden die Kranfundamente zunehmend von der Gebäudestruktur eingefasst. Der verfügbare Raum im Untergeschoss reduziert sich damit auf ein Minimum.

Konventionelle Demontageverfahren mit Mobilkranen sind unter diesen Bedingungen nicht möglich. Stattdessen kommen kombinierte Verfahren aus Deckenhebezeugen, Niederflur-Gabelstaplern und Verschubsystemen zum Einsatz. Ziel ist es, Ballastblöcke und Kreuzrahmen kontrolliert aus der Struktur zu lösen und sicher aus dem Gebäude zu transportieren.

Diese Phase zeigt exemplarisch, dass der Lebenszyklus eines Krans im innerstädtischen Bau nicht mit der Montage endet, sondern erst mit einer ebenso präzisen Rückbauplanung abgeschlossen wird.

Ausblick: Kranlogistik auf dem Dach als nächste Bauphase

Mit dem Übergang in die nächste Bauetappe verlagert sich die Kranstrategie auf das Dachniveau. Für die obere Bauphase sind vier weitere Wippkrane vorgesehen – darunter zwei 355 B sowie zwei 630 B Systeme. Sie übernehmen künftig die Montage der Fassaden sowie der technischen Gebäudeausrüstung in den oberen Geschossen.

Damit verändert sich nicht nur die Höhe, sondern auch die gesamte Logik der Materialversorgung auf der Baustelle. Vom Untergeschoss bis zum Dach entsteht ein durchgängiges, phasenübergreifendes Logistikkonzept.

Fazit: 1 Victoria Street als Referenzprojekt für urbane Kranlogistik

Das Projekt 1 Victoria Street zeigt eindrucksvoll, wie stark sich Bauprozesse in urbanen Zentren verändern. Bestehende Strukturen, eingeschränkte Flächen und nachhaltige Bauziele führen zu einer neuen Dimension der Kranplanung.

Für die Branche bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse: Krane sind heute nicht mehr nur Hebezeuge, sondern integrale Bestandteile komplexer Bau- und Logistiksysteme. Gerade im Zusammenspiel mit Bestandsbau, engen Stadtlagen und nachhaltigen Bauzielen entstehen neue Standards für Planung und Ausführung.

Damit positioniert sich der Fachdiskurs zunehmend in Richtung spezialisierter Plattformen wie buildingnet.de und das Baugewerbe Magazin, die solche Projekte nicht nur dokumentieren, sondern als technologische Referenz für die gesamte Branche einordnen.

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