Katalog

Max Kandler,

DGNB entwickelt neues Zertifizierungssystem für Bestandsquartiere

Die Transformation bestehender Quartiere zählt zu den größten Herausforderungen der kommenden Jahre. Während Neubauprojekte zunehmend unter Nachhaltigkeitsaspekten geplant werden, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie bestehende Stadtquartiere, Gewerbeareale und Wohnsiedlungen klimafit, wirtschaftlich tragfähig und sozial ausgewogen weiterentwickelt werden können. Mit einem neuen Kriterienkatalog zur Zertifizierung von Bestandsquartieren reagiert die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) auf genau diese Herausforderung und schafft erstmals ein speziell auf bestehende Quartiere zugeschnittenes Bewertungs- und Steuerungsinstrument.

DGNB System für Bestandsquartiere © DGNB

Bestandsquartiere als Schlüssel für die Bau- und Klimawende

Die Entwicklung nachhaltiger Quartiere gehört seit Jahren zu den zentralen Handlungsfeldern der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Bereits seit 2011 existiert ein eigenes Zertifizierungssystem für Quartiere, das insbesondere auf neu entstehende Stadt- und Gewerbequartiere ausgerichtet ist. Mit der zunehmenden Bedeutung von Bestandserhalt, Ressourcenschonung und Klimaanpassung entstand jedoch ein wachsender Bedarf nach einem Instrument, das die besonderen Anforderungen bestehender Quartiersstrukturen berücksichtigt.

Anzeige

Genau hier setzt das neue System an. Es wurde speziell für bestehende Wohnquartiere, Gewerbegebiete, Sanierungsareale sowie Quartiere mit komplexen Eigentümerstrukturen entwickelt. Ziel ist es, Kommunen, Bestandshaltern, Wohnungsunternehmen, Baugenossenschaften und Projektverantwortlichen eine belastbare Grundlage für strategische Transformationsentscheidungen zu bieten.

Vom Status quo zur langfristigen Transformationsstrategie

Im Mittelpunkt des neuen DGNB-Ansatzes steht die systematische Analyse des Ist-Zustands eines Quartiers. Anders als bei klassischen Neubauzertifizierungen, bei denen vor allem die Planungseffizienz im Vordergrund steht, richtet sich der Fokus bei Bestandsquartieren auf den Erhalt vorhandener Bausubstanz, die Weiterentwicklung bestehender Strukturen und die Nutzung bereits gebundener Ressourcen.

Für Bauunternehmen und Projektentwickler bedeutet dies einen Perspektivwechsel. Nicht der vollständige Neubau steht im Zentrum, sondern die Frage, wie bestehende Gebäude, Infrastrukturen und Freiräume schrittweise verbessert werden können. Dabei werden auch Maßnahmen berücksichtigt, die bereits mit vergleichsweise geringem Aufwand messbare Fortschritte erzielen. Der Transformationsbeitrag einzelner Maßnahmen erhält dadurch eine höhere Bedeutung als in bisherigen Bewertungssystemen.

Diese Herangehensweise trägt der Realität vieler Quartiersentwicklungen Rechnung. Gerade in gewachsenen Stadtquartieren stehen Verantwortliche häufig vor der Herausforderung, Sanierungen und Modernisierungen unter laufender Nutzung umzusetzen und dabei wirtschaftliche, ökologische sowie soziale Anforderungen miteinander zu verbinden.

Kompakter Kriterienkatalog mit Fokus auf Praxistauglichkeit

Der neue Kriterienkatalog zur Zertifizierung von Bestandsquartieren entstand in einem mehrjährigen Entwicklungsprozess unter Beteiligung zahlreicher Fachakteure. Die Anforderungen wurden bereits in mehreren Pilotprojekten erprobt und hinsichtlich ihrer praktischen Anwendbarkeit überprüft.

Im Ergebnis präsentiert sich das System deutlich schlanker als die bestehende Quartierszertifizierung für Neubauvorhaben. Mit insgesamt 15 Bewertungskriterien konzentriert sich das Verfahren auf die wesentlichen Hebel nachhaltiger Quartiersentwicklung und reduziert gleichzeitig den Aufwand für Datenerhebung und Dokumentation.

Diese Vereinfachung ist insbesondere für Kommunen und Bestandshalter von Bedeutung, die häufig mit heterogenen Eigentümerstrukturen, unvollständigen Bestandsdaten und unterschiedlichen baulichen Ausgangssituationen arbeiten. Der reduzierte Kriterienumfang soll die Anwendung erleichtern, ohne die ganzheitliche Betrachtung nachhaltiger Entwicklung aus dem Blick zu verlieren.

Klima, Energie und Resilienz rücken in den Mittelpunkt

Ein zentrales Handlungsfeld des neuen DGNB-Systems ist die klimaverträgliche Weiterentwicklung bestehender Quartiere. Das am stärksten gewichtete Bewertungskriterium beschäftigt sich mit den Themen Klima und Energie. Grundlage bildet die Entwicklung individueller Energie- und Transformationskonzepte, die konkrete Wege zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen aufzeigen.

Besondere Bedeutung kommt dabei Maßnahmen zu, die mit vergleichsweise geringem Ressourceneinsatz hohe CO₂-Einsparungen ermöglichen. Für Bauunternehmen eröffnet dies neue Möglichkeiten, Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen gezielt unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu priorisieren.

Gleichzeitig berücksichtigt das System die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels. Themen wie Wassermanagement, Biodiversität, Flächennutzung und Bodenschutz werden ebenso bewertet wie die Fähigkeit eines Quartiers, auf zukünftige Umweltveränderungen flexibel reagieren zu können. Damit erweitert die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) den Blick von der reinen Energieeffizienz hin zu einer umfassenden Resilienzstrategie.

Nachhaltigkeit bedeutet mehr als Energieeffizienz

Neben ökologischen und ökonomischen Aspekten spielen soziale Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Bewertung. Die Qualität öffentlicher Räume, Mobilitätsangebote, soziale Vielfalt und die Einbindung eines Quartiers in sein Umfeld fließen ebenso in die Beurteilung ein wie Beteiligungsprozesse und professionelles Quartiersmanagement.

Für Projektentwickler und kommunale Entscheider gewinnt damit ein Aspekt an Bedeutung, der in der Praxis häufig über den langfristigen Erfolg von Quartiersentwicklungen entscheidet: die Akzeptanz durch Nutzer, Bewohner und lokale Akteure. Nachhaltigkeit wird somit nicht ausschließlich als technische oder energetische Aufgabe verstanden, sondern als integrativer Entwicklungsprozess.

Fördermöglichkeiten unterstützen die Umsetzung

Die Einführung des neuen Systems erfolgt in einem Umfeld, in dem zahlreiche Förderinstrumente bereits nachhaltige Quartiersentwicklungen unterstützen. Programme zur energetischen Stadtsanierung sowie verschiedene Instrumente der Städtebauförderung weisen inhaltliche Überschneidungen mit den Anforderungen des DGNB-Systems auf.

Für Projektträger kann dies zusätzliche Vorteile schaffen. Werden einzelne Gebäude innerhalb eines Quartiers parallel nach DGNB-Standards zertifiziert, lassen sich Synergien bei der Nachweisführung und Dokumentation nutzen. Dies kann Planungsprozesse vereinfachen und den administrativen Aufwand reduzieren.

Strategisches Instrument für die Transformation des Gebäudebestands

Mit dem neuen Kriterienkatalog zur Zertifizierung von Bestandsquartieren erweitert die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauens (DGNB) ihr Zertifizierungssystem um einen Baustein, der den aktuellen Herausforderungen der Bau- und Immobilienwirtschaft Rechnung trägt. Der Fokus auf Bestandserhalt, Ressourcenschonung, Klimaschutz und soziale Qualität macht das System zu einem praxisnahen Instrument für die nachhaltige Weiterentwicklung bestehender Quartiere.

Für Bauunternehmen, Kommunen, Wohnungsunternehmen und Projektentwickler eröffnet sich damit die Möglichkeit, Transformationsprozesse strukturierter zu planen, Potenziale frühzeitig zu identifizieren und Investitionen gezielt auf langfristige Nachhaltigkeitsziele auszurichten. Angesichts steigender Anforderungen an Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Wirtschaftlichkeit dürfte die nachhaltige Entwicklung von Bestandsquartieren in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Handlungsfelder der Branche werden.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren