Freie Kapazitäten, hoher Bedarf:
Warum die Bauwirtschaft auf einen politischen Kurswechsel drängt
Wohnungsmangel, schwaches Wachstum und freie Baukapazitäten: Die Bauwirtschaft präsentiert Vorschläge, um Deutschland aus der wirtschaftlichen Stagnation zu führen.
Die Bauwirtschaft sieht ihre Chance – und ihre Verantwortung
Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung. Nach mehreren Jahren schwachen Wirtschaftswachstums verschärft sich gleichzeitig die Wohnungsnot. Während Unternehmen mit hohen Kosten und unsicheren Rahmenbedingungen kämpfen, fehlen hunderttausende Wohnungen. Die Bauwirtschaft sieht sich deshalb nicht nur als betroffene Branche, sondern als Teil der Lösung.
Zum Sozialpartner-Dialog am 10. Juni 2026 im Bundeskanzleramt haben die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie ihre gemeinsame Position unter dem Titel „Bauen ist Konjunkturpolitik – Wie die Bauwirtschaft Deutschland aus der Stagnation führen kann und was dafür nötig ist“ vorgestellt. Die Botschaft ist eindeutig: Investitionen in den Bau schaffen nicht nur Wohnraum und Infrastruktur, sondern können auch neue wirtschaftliche Dynamik auslösen.
Schwaches Wachstum trifft auf steigenden Wohnraumbedarf
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben angespannt. Nach aktueller Prognose des Sachverständigenrats wird das Wirtschaftswachstum 2026 lediglich 0,5 Prozent betragen. Als wesentliche Ursachen werden gestiegene Energiepreise und internationale Handelskonflikte genannt.

Warum Wohnungsbau und Infrastruktur unter Druck geraten
Deutschlands Bauwirtschaft steht unter massivem Druck. Die Folgen der Baukrise reichen längst weit über die Branche hinaus.
+++ Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert +++
Parallel dazu verschärft sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Im Jahr 2025 wurden lediglich 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Damit liegt die Zahl deutlich unter dem geschätzten Bedarf von rund 400.000 Wohnungen pro Jahr. Die Folge ist eine Wohnungslücke von mehreren hunderttausend Einheiten.
Für die Bauwirtschaft entsteht daraus eine besondere Situation: Während der Bedarf an Wohnraum hoch bleibt, können viele Projekte aufgrund wirtschaftlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen nicht umgesetzt werden.
Freie Kapazitäten könnten kurzfristig Wirkung entfalten
Aus Sicht der Sozialpartner verfügt die Branche derzeit über ein erhebliches Potenzial, um schnell auf wirtschaftspolitische Impulse zu reagieren. Die Bauwirtschaft beschäftigt rund 2,6 Millionen Menschen und erwirtschaftet jährlich mehr als 150 Milliarden Euro Wertschöpfung.
Hinzu kommen freie Kapazitäten im Hoch- und Tiefbau. Diese könnten kurzfristig für neue Projekte genutzt werden, sofern Investitionsanreize geschaffen werden. Die Verbände verweisen dabei auf wissenschaftliche Studien, wonach jeder investierte Euro in den Bau einen volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekt von 1,3 bis 1,5 auslöst. Damit würden Bauinvestitionen einen stärkeren gesamtwirtschaftlichen Effekt erzielen als konsumorientierte Maßnahmen.
Wohnungsbau wieder in Gang bringen
Im Zentrum der vorgeschlagenen Maßnahmen steht die Aktivierung des Wohnungsmarktes. Die Sozialpartner sprechen sich dafür aus, das KfW-Förderprogramm für klimafreundliche Neubauten im Standard Effizienzhaus 55 zu verlängern und weiterzuentwickeln. Günstige Finanzierungsbedingungen und flexible Tilgungsmodelle sollen Investitionen erleichtern.
Darüber hinaus wird vorgeschlagen, die Sonderabschreibung für den Mietwohnungsbau auf den Effizienzhaus-55-Standard auszuweiten. Gleichzeitig soll der bestehende Bauüberhang stärker genutzt werden. Für die rund 453.000 genehmigten, aber bislang nicht begonnenen Wohnungen werden zeitlich begrenzte Sonderkonditionen angeregt, um Projekte schneller in die Umsetzung zu bringen.
Auch der Erwerb von Wohneigentum spielt in den Überlegungen eine wichtige Rolle. Ein Grunderwerbsteuer-Freibetrag sowie KfW-Nachrangdarlehen sollen insbesondere Haushalten mit mittleren Einkommen den Zugang zum Wohneigentum erleichtern.
Infrastruktur als Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit
Die Verbände sehen die Bauwirtschaft nicht ausschließlich als Wohnungsbauindustrie. Ebenso wichtig seien Investitionen in Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung und Digitalisierung.
Eine moderne Infrastruktur gilt als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Standortattraktivität. Aus Sicht der Sozialpartner können Investitionen in diese Bereiche gleichzeitig konjunkturelle Impulse setzen und langfristige Wachstumsbedingungen schaffen.
Dabei geht es nicht allein um zusätzliche Mittel. Ebenso entscheidend seien schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse. Digitalisierung sowie die bundesweite Anerkennung von Typengenehmigungen werden als wichtige Hebel genannt, um Projekte schneller realisieren zu können.
Faire Rahmenbedingungen als wirtschaftlicher Faktor
Neben Investitionen und Förderinstrumenten rücken die Sozialpartner auch die Marktbedingungen in den Fokus. Schwarzarbeit und Sozialdumping sollen konsequent bekämpft werden, um faire Wettbewerbsbedingungen sicherzustellen.
Gleichzeitig fordern die Verbände eine verlässliche Finanzierung des sozialen und bezahlbaren Wohnungsbaus. Die entsprechenden Mittel von Bund und Ländern sollten verstetigt und ausgebaut werden, um langfristige Planungssicherheit zu schaffen.
Die Bauwirtschaft positioniert sich als Wachstumspartner
Die gemeinsame Erklärung von Gewerkschaft und Arbeitgeberverbänden verdeutlicht den Anspruch der Branche, eine zentrale Rolle bei der wirtschaftlichen Erholung Deutschlands zu übernehmen. Die Argumentation verbindet Wohnungsbau, Infrastrukturinvestitionen und Beschäftigung mit einer umfassenden wirtschaftspolitischen Perspektive.
Ob die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden, bleibt eine politische Entscheidung. Klar ist jedoch: Angesichts der anhaltenden Wohnungsnot, schwachen Wachstumsprognosen und vorhandenen Kapazitäten sieht die Bauwirtschaft die Voraussetzungen gegeben, um kurzfristig Impulse zu setzen und gleichzeitig langfristige Werte zu schaffen.
Für Bauunternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger wird damit die Frage zunehmend relevant, welche Rolle der Bau künftig in der deutschen Wirtschaftsstrategie einnehmen soll. Die Sozialpartner liefern dazu einen klaren Vorschlag: Bauen soll wieder stärker als Konjunkturpolitik verstanden werden.
Das gemeinsame Papier von HDB, ZDB und IGBAU im Wortlaut:
Bauen ist Konjunkturpolitik
Wie die Bauwirtschaft Deutschland aus der Stagnation führen kann und was dafür nötig ist
Berlin, 08. Juni 2026; Drei schwache Wachstumsjahre in Folge. Eine Wohnungsnot, die sich verschärft. Eine Infrastruktur, die dringend modernisiert werden muss. Deutschland braucht einen Konjunkturimpuls, der nicht nur Nachfrage erzeugt, sondern bleibende Werte schafft. Die Bauwirtschaft ist dazu in der Lage, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sie verbindet Wachstumspolitik mit Beschäftigungspolitik, Investitionspolitik mit Wohnungs- und Wirtschaftspolitik sowie Wettbewerbsfähigkeit mit gesellschaftlichem Zusammenhalt.
1. Ausgangslage: Stagnation als Dauerzustand
Der Sachverständigenrat hat in seiner aktualisierten Konjunkturprognose vom Mai 2026 die Wachstumsprog-
nose für das laufende Jahr nahezu halbiert. Nur noch 0,5 Prozent reales Wachstum werden erwartet, bei einer
Inflation von rund 3,0 Prozent. Als zentrale Bremsen benennt der Rat die Folgen des Iran-Kriegs mit stark ge-
stiegenen Energiepreisen sowie die protektionistische US-Handelspolitik. Strukturelle Reformen sind erforder-
lich. Schuldenpolitik kann nur dann tragen, wenn sie Wachstum, Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit
stärkt. Andernfalls geraten Wohlstand und Generationengerechtigkeit zugleich unter Druck.
Die Marktdaten bestätigen das Bild. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland nur noch 206.600 Wohnungen fer-
tiggestellt, der niedrigste Wert seit über einem Jahrzehnt. Der Bedarf liegt bei rund 400.000 Wohnungen jähr-
lich. Kumuliert über die Jahre 2022 bis 2025 hat sich damit eine Wohnungslücke von mehreren hunderttau-
send Einheiten aufgebaut. Erschwerend wirkt die Zeitstruktur des Bauens: Zwischen Genehmigung und Fer-
tigstellung im Geschosswohnungsbau liegen derzeit rund 34 Monate. Heutige Fehlanreize wirken also noch
jahrelang nach, und auch eine rasche Trendwende wird sich erst mit zeitlicher Verzögerung in der Fertigstel-
lungsstatistik zeigen.
Die Bundesregierung hat mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, der Wiederauf-
nahme von Förderprogrammen für klimafreundliches Bauen und ersten Schritten der Planungsbeschleunigung
bereits wichtige Weichen gestellt. Diese Maßnahmen weisen in die richtige Richtung. Damit sie tragen, müssen
sie ausgebaut, verstetigt und mit weiteren Instrumenten flankiert werden.
2. Die Bauwirtschaft: unmittelbar betroffen und Teil der Lösung
Die Bauwirtschaft gehört zu den tragenden Säulen der deutschen Volkswirtschaft. Rund 2,6 Millionen Men-
schen arbeiten entlang ihrer Wertschöpfungskette, vom Bauhaupt- und Ausbaugewerbe über Planungs- und
Ingenieurleistungen bis zur Baustoffindustrie. Mit einer jährlichen Wertschöpfung von deutlich über 150 Mil-
liarden Euro ist sie weit mehr als ein einzelner Sektor. Sie ist ein Querschnittsmotor, dessen Impulse die ge-
samte Wirtschaft spürt. Mit einem Anteil von 55 bis 60 Prozent am gesamten Bauvolumen ist der Wohnungs-
bau dabei das Rückgrat der Branche.
Dass die Branche von der aktuellen Krise unmittelbar betroffen ist, hat eine wenig beachtete Kehrseite. Im
Hoch- und Tiefbau sind freie Kapazitäten vorhanden, die eine Erholung rasch tragen könnten, sobald die Rah-
menbedingungen stimmen. Architekten, Ingenieure, Planungsbüros und Bauunternehmen sind im Wohnungs-
bau sowie in Teilen des Verkehrswegebaus derzeit nicht ausgelastet und können sofort anfangen zu planen
und zu bauen, wenn die Nachfrage zurückkehrt.
Bauinvestitionen entfalten einen besonders hohen volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekt. Wissenschaftli-
che Untersuchungen schätzen den Multiplikator öffentlicher Investitionen je nach Methode und Konjunktur-
lage auf Werte zwischen 1,0 und 1,8, mit einem deutlichen Schwerpunkt bei 1,3 bis 1,5. Dies liegt tendenziell
über den Werten konsumorientierter Konjunkturmaßnahmen oder einnahmeseitiger Steuersenkungen. Ent-
scheidend für den tatsächlichen Wirkungsgrad ist die Kapazitätssituation. Die freien Kapazitäten im Hoch- und
Verkehrswegebau erlauben die Realisierung des vollen Multiplikatoreffekts unmittelbar. Hinzu kommt ein po-
tenzieller Anstoßeffekt: Insbesondere bei vorhandenen freien Kapazitäten können öffentliche Investitionen
zusätzliche private Investitionen nach sich ziehen und die Produktivität des privaten Kapitalstocks stärken. Da
jeder investierte Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung und damit zusätzliches Steueraufkommen auslöst, kön-
nen gut konzipierte Investitionsanreize einen Teil ihrer Kosten über Steuermehreinnahmen zurückführen. Wie
groß dieser Selbstfinanzierungseffekt im Einzelfall ausfällt, hängt vom Maßnahmendesign und der konjunktu-
rellen Situation ab. Anders als konsumtive Ausgaben schaffen Bauinvestitionen zugleich bleibende Vermö-
genswerte.
Die Bauwirtschaft verfügt über eine starke Sozialpartnerschaft: Durch das System der Allgemeinverbindlicher-
klärungen erstrecken sich die Kernbedingungen der Branchentarifverträge wettbewerbsneutral auf die ge-
samte Branche. Über die Sozialkassen werden nicht nur die überbetriebliche Ausbildung, das Urlaubsverfah-
ren und tarifliche Rentenleistungen gesichert, sondern im Zusammenspiel mit dem Saison-Kurzarbeitergeld
auch branchentypische Witterungsrisiken in der Schlechtwetterzeit aufgefangen. Im April 2026 erfolgte die
vollständige Ost-West-Angleichung der Tariflöhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen im Bauhauptge-
werbe. Auch bei der beruflichen Bildung läuft die Branche gegen den allgemeinen Trend: Während die Zahl
der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Deutschland 2025 insgesamt rückläufig war, stieg sie im Bau-
hauptgewerbe um rund 13 Prozent. Diese institutionelle Stabilität ist ein Standortvorteil, der in der deutschen
Wirtschaft selten geworden ist. Sie ist zugleich Voraussetzung dafür, dass Investitionsimpulse in der Branche
schnell und verlässlich in tarifgebundene Bauleistungen umgesetzt werden können.
3. Wachstum entsteht auf der Baustelle: Was jetzt getan werden muss
3.1 Reformbedarf Wohnungsbau: Eine gesellschaftliche Verantwortung
Wir haben im Wohnungsbau vorrangig ein Mengenproblem. Förderprogramme, die ausschließlich an höhere
energetische Standards anknüpfen, ohne die Investitionsfähigkeit von Bauträgern und Haushalten gleichzeitig
zu stärken, begrenzen die Zahl der Bauanfänge.
Erforderlich ist eine Kombination aus Mengen- und Qualitätsförderung, die Klimaschutz-, soziale und Woh-
nungsbauziele zusammenführt. Fehlende bezahlbare Wohnungen treiben Mieten, erschweren Fachkräften
den Zugang zu attraktiven Arbeitsmärkten und verschärfen soziale Spannungen. In Ballungsräumen werden
Lohnzuwächse seit Jahren weitgehend durch Mietsteigerungen aufgezehrt. Eine wirksame Wohnungsbauof-
fensive ist deshalb zugleich ein Beitrag zur Reallohnstabilisierung und zur Standortbindung von Fachkräften.
Die Stärkung der Bauwirtschaft muss dabei mit fairen Arbeitsbedingungen und tarifgebundener Beschäftigung
einhergehen. Wohnungsbau ist Wirtschaftspolitik und Gesellschaftspolitik zugleich.
Eine Revitalisierung muss an drei Hebeln gleichzeitig ansetzen: an der Investitionsbereitschaft von Bauträgern
und Investoren, an der Investitionsfähigkeit privater Haushalte und an der Aktivierung bereits vorhandener
Genehmigungen.
KfW-Förderprogramm für EH 55 mit 100 Prozent erneuerbarer Wärme
Wir schlagen vor, das KfW-Förderprogramm für Neubauten nach dem Standard Effizienzhaus 55 in Verbindung
mit 100 Prozent erneuerbarer Wärme als befristetes Konjunkturinstrument bis zur Marktstabilisierung über
das geplante Ende am 30. Juni hinaus zu verlängern, aufzustocken und mit einem langfristig fixierten, deutlich
unter Marktniveau liegenden Zinssatz auszustatten. Alles, was es dazu braucht, ist bereits vorhanden. Die För-
derstrukturen sind vorhanden, der Bund kann dieses Modell günstig refinanzieren und die Planungs- und Bau-
kapazitäten sind verfügbar. Damit das Programm tatsächlich Bauanfänge auslöst, müssen die Konditionen
nachgeschärft werden. Denn die bisherigen Konditionen werden auch von bereits genehmigten Projekten
überwiegend nicht in Anspruch genommen. Erforderlich sind daher ein tilgungsarmer Beginn und eine auto-
matische Kombinierbarkeit mit BAFA- und BEG-Programmen. Andernfalls droht die Verlängerung ohne Wir-
kung zu bleiben.
Sonder-AfA an den Standard EH 55 anpassen
In gleicher Weise lässt sich der bezahlbare Mietwohnungsbau mobilisieren, indem die bis 2029 befristete Son-
der-AfA an den Effizienzhaus-Standard 55 angepasst wird. Eine Neujustierung der Sonder-AfA an diesen Stan-
dard würde einen deutlichen Schub auf dem Mietwohnungsmarkt auslösen. Parallel sollte eine Mengenförde-
rung treten, die auf Basis der geltenden energetischen Mindeststandards auch dort Bauanfänge ermöglicht,
wo der Aufpreis EH 55 plus nicht darstellbar ist.
Bauüberhang aktivieren
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen Ende 2025 in Deutschland rund 760.700 genehmigte, aber
noch nicht fertiggestellte Wohnungen vor. Davon waren rund 307.000 bereits im Bau, weitere rund 453.000
Wohnungen waren genehmigt, aber noch nicht begonnen. Dieses Volumen entspricht mehr als dem Doppel-
ten der zuletzt gemessenen Fertigstellungen. Selbst eine teilweise Mobilisierung dieses Bestands hätte erheb-
liche Mengenwirkung. Wir schlagen vor, genehmigte, aber noch nicht begonnene Projekte durch zeitlich be-
fristete Sonderkonditionen zu mobilisieren, namentlich durch einen Zinsvorteil oder Zuschuss bei nachgewie-
senem Baustart innerhalb einer definierten Frist. Dieser Hebel wirkt unmittelbar, ohne neue Planungsverfah-
ren vorauszusetzen, und ist deshalb das wirkungsstärkste kurzfristig verfügbare Instrument.
Investitionsfähigkeit privater Haushalte sichern
Selbst eine ausreichende Förderung greift nicht, wenn Haushalte bereits vorher an Eigenkapital- und Erwerbs-
nebenkosten scheitern. Allein die Grunderwerbsteuer beträgt je nach Bundesland 3,5 bis 6,5 Prozent des Kauf-
preises. Da sie regelmäßig aus freiem Eigenkapital dargestellt werden muss, bildet sie eine klare Hürde für den
Eigentumserwerb. Wir schlagen vor, einen Grunderwerbsteuer-Freibetrag bis zu einem Kaufpreis von 500.000
Euro beim selbstgenutzten Ersterwerb einzuführen. Ergänzend sollte ein KfW-Nachrangdarlehen bis 100.000
Euro je Haushalt als Eigenkapitalersatz eingerichtet werden, nachrangig zum Bankdarlehen, zu einem deutlich
unter Marktniveau liegenden KfW-Sonderzinssatz und anfangs tilgungsarm. Diese Instrumente setzen genau
dort an, wo die bisherige Förderlogik nicht greift, nämlich bei mittleren Einkommen.
Bestands- und Eigentumserwerb planbar machen
Für viele mittlere Einkommen ist der Erwerb eines älteren Bestandsobjekts die realistischere Alternative zum
Neubau. Derzeit schrecken unkalkulierbare Sanierungsrisiken und starre Förderanforderungen diesen Weg ab.
Das Programm „Jung kauft Alt“ sollte ausgeweitet und die dafür vorgesehenen Einkommensgrenzen erhöht
werden. Die Förderzusage sollte bereits vor dem Kauf möglich sein, Sanierungsfristen praxistauglich gestaltet
und Programme von KfW, BAFA und BEG automatisch kombinierbar gemacht werden. Und auch grundsätzlich
sollte der Eigentumserwerb einen hohen Stellenwert einnehmen. Schließlich sind die eigenen vier Wände ein
zentraler Baustein für die Altersvorsorge insgesamt.
Sozialen und bezahlbaren Wohnungsbau ausweiten
Eine deutliche Ausweitung des sozialen und bezahlbaren Wohnungsbaus muss integraler Bestandteil der Men-
genoffensive sein. Der Bund hat sich in seiner Finanzplanung verpflichtet, von 2025 bis 2029 rund 23,5 Milli-
arden Euro für den sozialen Wohnungsbau bereitzustellen, allein 4 Milliarden Euro im Programmjahr 2026.
Die Länder ergänzen diese Mittel nach dem Komplementärprinzip. Dieses Engagement sollte über 2029 hinaus
verstetigt und perspektivisch weiter ausgebaut werden. Ziel muss bleiben, die Trendwende von einem
schrumpfenden hin zu einem wachsenden Gesamtbestand an Sozialwohnungen zu schaffen. Sozialer Woh-
nungsbau und Eigentumsförderung stehen dabei nicht im Widerspruch zueinander. Beide Segmente tragen
zur Entspannung des Wohnungsmarktes bei und stabilisieren die Auftragsbasis der Bauwirtschaft.
3.2 Infrastrukturmodernisierung: Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit
Jahrzehntelang aufgeschobene Investitionen haben einen erheblichen Sanierungsstau erzeugt. Notwendig
sind Investitionen in drei Bereiche.
- Verkehr: Straßen, Brücken, Schienennetz, Bahnhöfe, kommunale Infrastruktur
Energie und Wärme: Stromnetze (Übertragungs- und Verteilnetze), Netzausbau für erneuerbare Ener-
gien, Gas- und Wasserstoffinfrastruktur, Fern- und Nahwärmenetz, Versorgungssicherheit
Digital: Glasfaser, Mobilfunk, digitale Vernetzung von Wirtschaft und Verwaltung als Standortfaktor
von gleicher Bedeutung wie Straßen und Schienen
Das im März 2025 eingeführte Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität in Höhe von 500 Milli-
arden Euro bietet eine historische Chance, die deutsche Infrastruktur grundlegend zu modernisieren. Damit
diese Chance ihre volle Wirkung entfaltet, gelten zwei Bedingungen:
Erstens Zusätzlichkeit. Die Mittel sollten verbindlich zusätzlich zu den regulären Investitionshaushalten bereit-
gestellt werden, nicht an deren Stelle treten. Werden Etats im Kernhaushalt reduziert und die Lücke mit dem
Sondervermögen geschlossen, geht der Investitionsimpuls entsprechend verloren. Der Begriff der „Zusätzlich-
keit“ sollte angepasst und die Mittelverwendung transparent nachgewiesen werden. Die Mindestquote von
10 Prozent sollte sich nicht allein auf die Soll-Ausgaben beziehen, sondern auf die tatsächlich verausgabten
Mittel herangezogen werden.
Zweitens Verstetigung. Planbare Nachfrage ist die Voraussetzung für Investitionen in Maschinen, Personal und
Ausbildung. Gerade im Tiefbau und bei spezialisierten Infrastrukturgewerken treffen Unternehmen nur dann
langfristige Investitionsentscheidungen in bspw. Maschinen, IT-Infrastruktur und Personal, wenn die Projekt-
pipeline für die nächsten Jahre verlässlich absehbar ist. Schon heute muss deshalb sichergestellt werden, dass
nach Auslaufen des Sondervermögens eine bedarfsgerechte Finanzierung der nötigen Investitionsbedarfe in
Schiene, Straße und Wasserstraße. Benötigt wird ein Gesamtfinanzierungsansatz, der sicherstellt, dass Ver-
kehrsträger in der Mittelbereitstellung nicht gegenseitig ausgespielt werden, sondern sich dieser an den tat-
sächlichen Notwendigkeiten innerhalb der Bundesverkehrswege orientiert.
Grundlage für einen solchen Gesamtfinanzierungsansatz sollte eine verlässliche Finanzierungsarchitektur mit
individuellen und überjährigen Finanzierungskonzepten für jeden Verkehrsträger sein. Dazu muss der Finan-
zierungskreislauf Straße als Grundlage für die Kreditfähigkeit der Autobahn GmbH vollständig hergestellt und
die Nutzerfinanzierung perspektivisch weiter ausgebaut werden. Für Schiene und Wasserstraße sind Fonds
einzurichten, die sich aus Steuermitteln, dem Sondervermögen und weiteren Finanzierungsquellen speisen.
Eine ausreichende Finanzierung muss zudem einhergehen mit einer effizienteren Mittelverwendung. Neben
der konventionellen Beschaffung sollten dafür im Einzelfall auch neue, partnerschaftliche Vertragsmodelle ge-
nutzt werden. Dabei ist sicherzustellen, dass es insgesamt einen Mix an kleineren, mittleren und größeren
Projekten gibt, damit alle Unternehmensgrößen von allen Beschaffungsmodellen profitieren können.
Andernfalls werden mühsam aufgebaute Kapazitäten wieder abgebaut, und die Ausbildungsleistung der
Branche gerät unter Druck. Einmal aufgegebene Personal- und Ausbildungskapazität ist nach einer Konjunk-
turerholung nicht kurzfristig wiederherzustellen.
3.3 Faire Wettbewerbsbedingungen sichern
Investitionsimpulse erreichen die qualitätsorientierten Unternehmen nur dann, wenn der Wettbewerb am
Bau fair ist. Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung und Sozialdumping erzeugen einen ruinösen Preiswettbe-
werb, schädigen Beschäftigte und tarifgebundene Betriebe gleichermaßen und entziehen den öffentlichen
Haushalten Mittel in Milliardenhöhe. Wir sehen vorrangigen Handlungsbedarf bei der konsequenten Bekämp-
fung von Schwarzarbeit, der Eindämmung von Scheinselbstständigkeit und bei der wirksamen Umsetzung des
Bundestariftreuegesetzes. Bei der konkreten Umsetzung sollte darauf geachtet werden, dass die Nachweis-
und Kontrollmechanismen maximale Wirkung gegen Dumpingstrukturen entfalten und gleichzeitig der admi-
nistrative Aufwand durch digitale, praxistaugliche Verfahren für die mittelständische Bauwirtschaft minimiert
wird. Fairer Wettbewerb am Bau wird über Qualität und Innovation ausgetragen, nicht über Preis- und Lohn-
dumping. Die öffentliche Vergabepolitik steht in der Verantwortung, dies zu ermöglichen und unterstützen.
3.4 Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung
Schnellere Verfahren sind eine Daueraufgabe. Erforderlich sind die konsequente Digitalisierung der Bauver-
waltung, die bundesweite Anerkennung von Typengenehmigungen, die flächendeckende Einführung des Ge-
bäudetyps E, die Reduzierung von Stellplatzpflichten sowie eine verbindliche Folgekostenprüfung vor Einfüh-
rung neuer baurechtlicher Standards. Diese Reformen wirken strukturell, nicht kurzfristig. Sie müssen jetzt
angegangen werden, damit sie in zwei bis vier Jahren tragen.
Die Bauwirtschaft ist weit mehr als ein einzelner Wirtschaftszweig. Sie verbindet wirtschaftliche Leistungsfä-
higkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland. In kaum einer
anderen Branche kommen flächendeckende Tarifbindung, hohe Ausbildungsleistung und unmittelbare regio-
nale Wertschöpfung in dieser Dichte zusammen. Die hier vorgeschlagenen Maßnahmen können ihre volle Wir-
kung nur entfalten, wenn sie im Dialog zwischen Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgestaltet wer-
den. Die funktionierende Sozialpartnerschaft der Bauwirtschaft ist eine wichtige Voraussetzung, auf die die
Politik bauen kann.
Durch Investitionen in Wohnungsbau, Infrastruktur, Energieversorgung und digitale Netze kann die Branche
gleichzeitig mehrere zentrale Herausforderungen Deutschlands adressieren. Sie lindert die Wohnungsnot,
stärkt die Wettbewerbsfähigkeit, sichert tarifgebundene Beschäftigung, hält Ausbildungskapazitäten vor und
belebt die Konjunktur. Baukostensenkung und Planungsbeschleunigung sind dabei notwendige Schritte. Sie
reichen jedoch nicht aus, solange staatlich mitverantwortete Eigenkapitalhürden, unkalkulierbare Erwerbsne-
benkosten und hohe Finanzierungskosten den Marktzugang versperren. Ein wirksamer Konjunkturimpuls aus
der Bauwirtschaft entsteht nur, wenn Förderung, Standortpolitik und Investitionsfähigkeit der Haushalte zu-
sammen gedacht werden und faire Wettbewerbsbedingungen am Bau gesichert sind.
Geht es der Bauwirtschaft gut, profitiert die gesamte Volkswirtschaft. Eine starke Bauwirtschaft ist keine sekt-
orale Interessenfrage, sondern eine Voraussetzung für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, soziale Stabilität
und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland.
Die Sozialpartner der Bauwirtschaft
Zentralverband Deutsches Baugewerbe e.V.
Kronenstraße 55 – 58, 10117 Berlin
T: +49 (0) 30 20314-0
[email protected]
http://www.zdb.de
Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.
Kurfürstenstraße 129, 10785 Berlin
T: +49 (0) 30 21286-0
[email protected]
http://www.bauindustrie.de
Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt
Olof-Palme-Straße 35, 60439 Frankfurt am Main
T: +49 (0) 69 95737-0
[email protected]
http://www.igbau.de
Neue Wege aus der Baukrise
Deutschland steht im Jahr 2025 vor einer seiner tiefgreifendsten wirtschaftlichen Herausforderungen: der anhaltenden Baukrise. Was sich schon in den Vorjahren abzeichnete, hat sich nun zu einem Flächenbrand entwickelt – mit dramatischen Folgen für Wohnungsbau, Infrastrukturprojekte und den sozialen Zusammenhalt. Bauunternehmen bremsen Investitionen, Projekte werden gestrichen, Mieter suchen vergeblich nach bezahlbarem Wohnraum. Die Krise ist nicht länger ein Problem einzelner Branchen – sie ist ein gesamtgesellschaftliches Thema geworden.
Chancen für die Bauwirtschaft
Die Baubranche durchlebt derzeit eine ungewöhnlich Krise, die viele Unternehmen mit Sorgen und Unsicherheit erfüllt. Die Ursachen sind vielfältig: Angefangen bei einer schwächelnden Konjunktur bis hin zu politischen Unsicherheiten. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Aufträge zu erfüllen und gleichzeitig die Zukunft ihrer Mitarbeitenden zu sichern. In dieser Zeit der Krise möchte das Baugewerbe Magazin die Stimme der Bauunternehmen stärken und hat die Aktion BauZukunft ins Leben gerufen. Ziel dieser Initiative ist es, den Unternehmen ein Forum zu bieten, um ihre Wünsche und Forderungen an Politik und Gesellschaft zu kommunizieren.
Die Zukunft der Baubranche: Elektrische Antriebe und innovative Lösungen
Alternative Antriebe sind nur eine Initiative der Baubranche, trotz Krise neue Wege für eine nachhaltige Zukunft zu finden. Elektro-Motoren, Wasserstoffmotoren und Hybridantriebe werden immer mehr entwickelt, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und CO2-Neutralität zu erreichen. Doch damit stößt der Innovationsgeist der Branche noch lange nicht am Ende.
Hinweis der Redaktion:
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