Globale Verwerfungen
Digitale Bestandserfassung für wirtschaftliche Sanierungen
In wirtschaftlich volatilen Zeiten, angespannter Haushaltslage und zunehmendem Fachkräftemangel entscheiden effiziente Prozesse über Erfolg oder Misserfolg von Projekten.
Die Bau- und Immobilienbranche spürt diesen Druck besonders: Globale Verwerfungen führen zu gestiegenen Anschaffungskosten, während öffentliche Investitionen zunehmend nachvollziehbar begründet werden müssen. Wer in diesem Umfeld auf ineffiziente Prozesse setzt, verschwendet nicht nur Zeit und Geld – er riskiert den wirtschaftlichen und politischen Projekterfolg. Das Lean-Management bezeichnet derart ineffiziente Prozesse als Muda – japanisch für Verschwendung. Taiichi Ohno, Ingenieur und später Produktionsleiter bei Toyota, entwickelte in den 1950er Jahren das Toyota-Produktionssystem (TPS) und benannte darin sieben Arten der Verschwendung1. In der industriellen Fertigung längst etabliert, ist das Prinzip gerade in der innovationsträgen Baubranche2 relevant. Denn nirgendwo sonst summieren sich vermeidbare Verluste so still und kostenintensiv wie in der frühen Phase eines Sanierungsprojekts.
Manuelle Bestandserfassung als Engpass
Viele Sanierungsprojekte verfehlen ihre Ziele aufgrund einer lückenhaften Bestandserfassung. Bauteilzustände und -alter, Schadensbilder, und energetische Kenngrößen werden meistenteils noch immer handschriftlich, mit Excel-Tabellen und Fotoordnern erfasst. Die Informationen sind häufig dezentral gespeichert, schwer übertragbar und kaum auswertbar. Fallen Mitarbeitende aus oder wechseln den Arbeitgeber, gehen wertvolle Kenntnisse verloren. Die Folge sind Doppelerhebungen, widersprüchliche Datenstände und Entscheidungen auf unsicherer Grundlage – eine klassische Form von Verschwendung, die sich durch den gesamten Projektverlauf zieht und in jeder Phase unliebsame Überraschungen und damit Kosten erzeugt.
Strukturierte Datenerhebung mit digitalen Werkzeugen
Digitale Lösungen für die Gebäudeerfassung setzen genau hier an. Spezialisierte Softwareanwendungen ermöglichen eine standardisierte, mobile Datenerhebung vor Ort: Bauteilzustände, Schadensbilder und Gebäudedaten werden standardisiert digital erfasst. Das Ergebnis ist ein strukturierter, auswertbarer Datensatz – Grundlage für kosten- und maßnahmenbezogene Auswertungen, Berichte und weitergehende Planungen. Statt Medienbrüchen und zeitintensiver manueller Übertragung ermöglichen automatisierte Schnittstellen zu BIM-Umgebungen, CAFM-Systemen oder Ausschreibungstools eine nahtlose Weiterverarbeitung im gesamten Planungsprozess. Die eingangs gesammelten Erkenntnisse stehen somit allen Beteiligten im gesamten Lebenszyklus zur Verfügung.
Von der Erhebung zur Entscheidungsgrundlage
Der Mehrwert digitaler Bestandserfassung liegt nicht allein in der schnelleren Datenerhebung. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der erhobenen Daten, die am Ende dieser für den weiteren Projektverlauf entscheidenden ersten Phase steht. Auf dieser strukturierten Basis lassen sich Sanierungsbedarfe priorisieren: nach Dringlichkeit, Kosten, energetischer Relevanz oder Fördermitteleignung. Automatisierte Auswertungen zeigen, welche Bauteile sich in einem kritischen Zustand befinden, welche Investitionen somit kurzfristig zwingend erforderlich sind und wo mittel- bis langfristig gehandelt werden muss. Lebenszykluskosten
und CO₂-Einsparpotenziale werden transparent beziffert, Budgetplanungen somit fundiert und belastbar. Dabei sollten unterschiedliche Zielgruppen gleichzeitig bedient werden: Einerseits der Sachverständige, der neben technischer Detailtiefe und bauteilgenauer Zustandsbeschreibungen auch die Abbildung unterschiedliche Sanierungsszenarien benötigt. Andererseits der Auftraggeber, für den eine komprimierte Gesamtbewertung mit klaren Handlungsempfehlungen essentiell ist – beides aus demselben Datensatz.
Praxisbeispiel: Eine Sporthalle aus den 1970er Jahren
Eine kommunale Sporthalle aus den 1970er Jahren mit einer Bruttogeschossfläche von rund 2.800 Quadratmetern ist eine typische Herausforderung für Sachverständige und Kommunen. Gebäude diesen Alters weisen häufig einen Sanierungsstau auf, der über Jahrzehnte gewachsen ist: veraltete Haustechnik, ungedämmte Fassaden, Stahlbetonskelettkonstruktionen mit meist unzureichender Betondeckung, schadstoffbelastete Materialien und sanitäre Anlagen weit jenseits ihrer Nutzungsdauer. Innerhalb eines Tages wurde das gesamte Gebäude digital erfasst und unmittelbar anschließend eine dokumentierte Grundlage für Kostenbewertung und Priorisierung erstellt. Was früher mehrere Begehungen, Wochen der Nachbereitung und erhebliche Abstimmungsarbeit erfordert hätte, war in einem Bruchteil der Zeit erledigt.
Digitalisierung als Werkzeug – nicht als Selbstzweck
Die Anforderungen an Sanierungsprojekte werden komplexer: sie müssen ökonomisch tragfähig, ökologisch sinnvoll und sozial verträglich sein. Wer aber den Zustand seiner Gebäude nicht kennt, kann weder verlässlich kalkulieren, welche Maßnahmen wirtschaftlich sind, noch eine Aussage über den voraussichtlichen CO₂-Ausstoß und damit die Lebenszykluskosten treffen. Die digitale Bestandserfassung hingegen reduziert Verschwendung im Sinne des Lean-Prinzips, schafft belastbare Entscheidungsgrundlagen und bildet somit das Fundament für Projekte, die ihre ökonomischen, ökologischen und sozialen Ziele auch tatsächlich erreichen. Die Investition in effiziente Erfassungsprozesse ist daher nicht nur eine Frage unternehmerischer und politischer Vernunft, sondern eine operative Notwendigkeit.
Über den Autor
Dr. Hendrik Seibel ist einer der beiden Co-Founder und Geschäftsführer der in Freiburg ansässigen PLAN4 Software GmbH. Als Architekt liegt sein Fokus auf der effizienteren Gestaltung des Planungs- und Bauprozesses, insbesondere im Umgang mit Bestandsimmobilien. Mit ihrem Produkt GebäudeCheck bietet die PLAN4 eine Software für die mobile und intuitive Bestandserfassung von Gebäuden, verlässliche Grundlage für wirtschaftlich fundierte Entscheidungen.
Hinweis der Redaktion:
Wir möchten darauf hinweisen, dass die in Meinungsbeiträgen, Analysen und Kommentaren geäußerten Ansichten und Meinungen die individuellen Standpunkte der Autoren widerspiegeln. Diese spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Verlages wider. Wir fördern eine offene und vielfältige Diskussion und respektieren die Meinungsvielfalt unserer Leserinnen und Leser. Die Verantwortung für die Inhalte von Meinungsbeiträgen liegt bei den jeweiligen Autoren, und sie repräsentieren nicht zwangsläufig die offizielle Position des Magazins oder seines Herausgebers. Wir schätzen die Meinungsfreiheit und ermutigen zu einem respektvollen Austausch unterschiedlicher Standpunkte.
1Taiichi Ohno: „Das Toyota-Produktionssystem“ (Original: Toyota seisan hoshiki, 1978; dt. Übersetzung: Campus Verlag, 2013). Ohno systematisierte darin sieben Arten der Verschwendung (Muda): Überproduktion, Wartezeiten, Transport, überflüssige Prozessschritte, Lagerbestände, Bewegung und Fehler/Nacharbeit.
2EIB Investment Survey 2024: European Union overview, European Investment Bank













