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Artikel und Hintergründe zum Thema

Baugewerbe-EXKLUSIVINTERVIEW

Kai Ingmar Link,

Specter Automation: "Wie Softwares die Sprache der Baustellen sprechen - KI statt Stift und Papier"

1. Herr Eischet, als Geschäftsführer von Specter Automation muss die erste Frage natürlch lauten: Ist die Baubranche schon digital genug. Wo sehen Sie Chancen, wo Nachholbedarf?

Ich würde den Stand der Digitalisierung generell als Herausforderung bezeichnen und nicht als Problem. Es ist auch wichtig zu sagen, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist. Die Baustelle ist nun einmal inhärent physisch. Dort arbeiten Menschen mit Maschinen, mit Händen mit Materialien und erzeugen neuen Lebensraum. Digitalisierung ist etwas, das assistieren kann, um diese Prozesse besser abzubilden. Aber wenn ich jetzt rein digital bauen würde, habe ich nichts, worin Menschen leben könnten. Die Frage ist ja: ‚was wollen wir digitalisieren und warum wollen wir es digitalisieren?‘

Oliver Eischet ist Geschäftsführer von Specter Automation. © Specter Automation

Wir haben 2023 gesehen, dass sich die Planungsphase immer stärker digitalisiert. Das heißt, wir fangen an mit 3D-Modellen und auch 2D-Plänen, Leistungsverzeichnissen und Ressourcenplanungen, die digital erzeugt werden. Hier passiert nur noch wenig analog. Das Problem, hier passt der Begriff eher, ist der Medienbruch von der Planung auf die Baustelle. In den Baucontainer sehen wir immer noch sehr viele mit Notizen zugekleisterte Wände. Man muss sich also schon die Frage stellen, ob das so bleiben soll. Oder sollen die Daten, aus der Planungsphase vor Ort weiterverwendet werden? Zusammengefasst: Die Planungsphase hat sich stark digitalisiert. Die Baustelle selbst ist sehr stark analog geblieben, wobei es Einzellösungen wie etwa im Mängelmanagement gibt. Mir fehlt noch etwas das große Ganze, das das Herzstück der Baustelle digitalisiert.

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2. Und an dieser Stelle kommt Specter Automation ins Spiel?

Ja, genau. Wir digitalisieren die Wochenplanung der Baustelle. Sprich, was passiert wann, mit wem, wo und mit welchem Material? Und zwar jeden Tag, jede Woche und an jedem Ort. Einige planen im Kopf, andere mit Post-its. Mit specter automation läuft das Ganze anhand des 3D-Modell s ab. Im 3D-Modell können einzelne oder mehrere Bauteile oder Räume ausgewählt werden. Anschließend werden die entsprechenden Arbeitsschritte terminiert.

Warum? Damit aufbauend alle Organisationsarbeiten, die typischerweise für die Bauleitung anfallen, automatisiert werden. Das fängt an bei der Kommunikation mit Nachunternehmern geht über die Fortschrittserfassung und endet bei Themen wie der umfassenden modellbasierten Dokumentation, inklusive E-Mails, Bilder oder Lieferschein. Auch helfen die Daten natürlich bei der Auswertung des Fortschritts, somit auch der Leistungsmeldung oder Abrechnung. Wir haben mittlerweile die Daten, um all diese Prozesse zu automatisieren, die meisten nutzen diese Daten nur nicht.

Nachhaltigkeit spielt in diesem Kontext natürlich auch eine immer wichtiger werdende Rolle. 2050 will die EU klimaneutral, wenn nicht sogar klimapositiv sein. Aber Net Zero 2050 bedeutet in der Baubranche heute. Die Gebäude, die wir heute bauen, sind jene, die wir klimaneutral betreiben oder spätestens 30 Jahren sanieren müssen. Wenn wir dann nicht wissen, was sich hinter der Wand an TGA versteckt und welche Materialien verbaut sind, stehen wir an derselben Position wie heute und sind keinen Schritt weitergekommen. Ohne die verlässliche Erfassung von As-Built-Daten ist eine akkurate Nachhaltigkeitsanalyse unmöglich. An dieser Stelle muss die Baubranche noch etwas mehr aufwachen. Auch, weil sie in absehbarer Zeit durch Auflagen in Sachen Reporting dazu gezwungen sein wird. Wer diese Entwicklung verpasst, kann nicht mehr erfolgreich sein. Kurzgesagt: auch Nachhaltigkeit fängt mit Digitalisierung an. Sonst sanieren wir einfach nur eine Blackbox.

3. Wie funktioniert die Software von Specter Automation genau?

"Wir digitalisieren die Wochenplanung der Baustelle. Sprich, was passiert wann, mit wem, wo und mit welchem Material?" © Specter Automation

specter bedeutet 3D-Modellbasierte Baustellensteuerung. Mit einem Klick auf ein Bauteil im 3D-Modell erhalten Poliere und Bauleitung alle relevanten Informationen - Arbeitsschritte, Materialmengen sowie Zeit- und Kosteninformationen - um ihre Baustelle datenbasiert zu steuern. Basierend auf dem eben schon thematisierten Herzstück einer Baustelle, der Wochenplanung, automatisieren wir dann wiederkehrende Organisationsprozesse des Baustellenteams und können so bis zu 40 Prozent Zeitersparnis erzielen. Dazu gehören die automatische Kommunikation mit Nachunternehmern auf digitalem und analogem Weg, die automatische und bauteilbasierte Dokumentation von Arbeitsschritten oder die automatisch generierte Last-Planner Ansicht durch digitale Post-its. Darüber hinaus wird der Baufortschritt im 3D-Modell farbig dargestellt und ein ständiger Soll-Ist-Vergleich im Live-Bauzeitenplan automatisch generiert. Das verschafft allen am Bauprojekt Beteiligten den Überblick und die Planbarkeit, um die Bauprozesse im Zeit- und Kostenrahmen abzuschließen. Das Ergebnis: 70% unserer Projekte werden pünktlich abgeschlossen, während weltweit 72% aller Projekte den Zeitplan überschreiten.

4. Welche Unternehmen sind die Zielgruppe von Specter Automation?

Mittelstand bis Milliardenkonzern. Wir arbeiten mit den größten Generalunternehmen unserer Zielmärkte DACH und Japan zusammen. Seit Anfang 2024 sind wir auch im Innenausbau tätig, vorher haben wir uns zunächst auf den Rohbau fokussiert. Mit dieser Erweiterung ist specter nun auch für Planer und Bauherren interessant. Wir arbeiten auch mit vielen Mittelständlern, sprich Unternehmen, die bei 40 bis 60 Millionen Euro Umsatz stehen. Aber gerade diese Unternehmen machen ja den Großteil der Branche aus. Es ist schön zu sehen, dass wir jetzt auch Marktteilnehmer erreichen, die im Jahr bis zu vier Bauvorhaben umsetzen. Innovationen werden also nicht mehr nur den ganz Großen zugeordnet.

5. Welche Vorteile birgt Ihre Software neben der Zeitersparnis und der Effizienzsteigerung?

Laut einer Studie von Roland Berger sind ein Drittel aller Prozesse auf der Baustelle Verschwendung. Es finden immer noch viele nicht-wertstiftende Aktivitäten statt. Zum Beispiel die Suche nach Materialien. Aber auch der Transport der Materialien von A nach B und wieder von B nach A. Aber auch typische Fehler, die in Bauprojekten auftreten. Wenn wir es schaffen, die Effizienz von Baustellen um nur einen Prozentpunkt zu steigern, ist neben der Zeitersparnis auch der Effekt auf Nachhaltigkeit ein ganz Wesentlicher. Zuletzt muss die Branche aber auch einfach attraktiver für Fachkräfte und neue Generationen werden. Ein Aspekt, der dies beeinflussen kann, ist das digitale Arbeiten, das auf die Methoden und Prozesse aufsetzt, wie sie über das ganze Leben bis ins Studium auch von den jüngeren Generationen erfahren wurden.

6. KI (Künstliche Intelligenz) ist in aller Munde; wie reagiert Specter Automation auf diese Entwicklungen?

Im Dezember 2023 sind wir mit einem Hackathon gestartet. Sprich, unser gesamtes Entwickler-Team hat sich eine Woche lang aus dem Tagesgeschäft herausgezogen, um das Thema KI bei specter automation voranzutreiben. Das Ziel: unsere Software soll KI-gestützt laufen. Das Endergebnis ist, das die Software wie ChatGPT funktioniert. Ein Chatbot für Interaktion mit Text- oder Sprachbefehlen. Ich kann beispielsweise sagen „Hey specter, zeig mir den Status der Baustelle an!“ Im 3D-Modell wird dann der entsprechende Status angezeigt. Also, was ist abgeschlossen, was ist verzögert, was steht noch aus? Ich kann mir auch anzeigen lassen, welches Gewerk morgen, wo arbeitet. Alle Funktionen können so abgerufen werden. Der Grund dahinter ist simpel. Wir sind mit specter automation jetzt seit drei Jahren in der Baubranche u nterwegs, haben bis vor Kurzem allerdings noch nie die Sprache der Baustelle gesprochen, denn: Alles läuft über verbale Kommunikation. Ob es die Baubesprechung ist oder die Materialbestellung. Überall reden die Leute. Dieser Gruppe, die viel redet und sehr analog arbeitet, eine Software bis zu 60 Knöpfen vor die Nase zu setzen, ist erstmal unintuitiv. Für junge Leute ist das kein Problem, aber trotzdem ist es naheliegend, dass wir dahin gehen werden, dass die Software sich dem Nutzer anpasst. Sprich, der Nutzer einfach nur noch sagt, was er haben möchte und die Software diese Ergebnisse liefert. Wir bewegen uns also in Richtung eines digitalen Assistenten für die Baustelle, der automatisiert Arbeit abnimmt. Dieses Ziel haben wir bereits prototypisch umgesetzt. Aktuell befinden wir uns in der Testphase auf mehreren Baustellen. Das Feedback ist insgesamt sehr positiv. Gerade, was Komplexitätsbewältigung angeht.

"Nachhaltigkeit spielt in diesem Kontext natürlich auch eine immer wichtiger werdende Rolle. " © Specter Automation

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview erschien zuerst in Ausgabe 06_2024.

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