5. Deutscher Holzbau Kongress in Berlin
Kompass für den Holzbau im urbanen Raum
Am 11./12.Juni 2024 war es wieder soweit: Mehr als 650 Teilnehmer hatten sich im Veranstaltungszentrum MOA im Berliner Stadtteil Moabit zum „5. Deutschen Holzbau-Kongress“ (DHK) versammelt. Das vom Forum Holzbau und dem Landesbeirat Holz Berlin-Brandenburg ins Leben gerufene Event erfüllte erneut den Anspruch, Ideenlieferant und Informationsbörse für das Kernthema „Holzbau im urbanen Raum“ zu sein.
Christiane Conrads klärte die Kongressteilnehmer über den „Stand der ESG-Transformation und die Auswirkungen auf die Immobilienwirtschaft“ auf
© mikadoBei den Veranstaltungen von Forum Holzbau geben sich generell hochkarätige Referenten die Ehre – und das war in der Bundeshauptstadt nicht anders. So begann der erste Veranstaltungstag nach den Grußworten von Prof. Heinrich Köster (TH Rosenheim) und Dr. Denny Ohnesorge (Landesbeirat Holz Berlin-Brandenburg) mit dem Vortrag „Stand der ESG-Transformation und die Auswirkungen auf die Immobilienwirtschaft“ von Christiane Conrads (Pricewaterhouse Coopers). ESG steht für „Environmental-, Social- und Governmental“-Konzepte, die die globale Erwärmung drosseln oder gar stoppen könnten.
Die positive Nachricht gleich vorweg: „Europa ist nicht allein. Die USA, Australien, der asiatisch-pazifische Raum und sogar Saudi-Arabien folgen dem europäischen Green Deal“, betonte Conrads. Es gebe allerdings noch sehr viel zu tun. „Die Umsetzung europäischer Anforderungen der Taxonomie-Verordnung bringt noch viele Herausforderungen für die Immobilienwirtschaft mit sich.“ Ebenfalls problematisch: Auch wenn Klimaklagen häufig noch in erster Instanz abgewiesen werden, würden für die Immobilienwirtschaft zunehmend Handlungsrisiken entstehen.
Martin Langen (B+L Marktdaten) wagte einen positiven Ausblick für die Baubranche im Jahr 2025
© mikadoMit seinem Vortrag „Der Weg aus der Krise – Ausblick 2025“ stimmte Martin Langen (B+L Marktdaten) die Kongressteilnehmer auf deutlich bessere Zeiten für die Baubranche ein: „Die Grundstückspreise sinken zum Teil um ca. 20 Prozent – dies ist ein gutes Zeichen für den Neubau. Die Auftragsgenehmigungen beim öffentlichen Bau gehen nach oben, dieser Trend wird weitergehen und dies ist speziell für den Holzbau eine positive Nachricht.“ Sein Fazit: Aktuell würden die politischen Rahmenbedingungen vornehmlich den sozialen Wohnungsbau fördern. Doch der Mietwohnbau sei bereits im Frühjahr angesprungen, private Kapitalanleger und Eigennutzer würden spätestens im 3. Quartal 2024 wieder mehr Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser kaufen. Schritt für Schritt werde sich demnach die Lage für die Baubranche in den nächsten Monaten verbessern.
Sören Bartol (Parlamentarischer Staatssekretät für Wohnen, Stadtentwicklung & Bauwesen, Berlin) hob hervor, dass die Politik den sozialen Wohnungsbau in den vergangenen Jahren gestärkt und gefördert hätte. Darüber hinaus werde in Berlin ein sogenanntes JNN-Programm aufgelegt (Klimafreundlicher Neubau im Niedrigpreissegment). Offen räumte Bartol ein, dass es von Seiten der Politik wichtig sei, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Es gelte, wieder nachvollziehbare Rahmenbedingungen für private Bauinteressenten zu schaffen.
Ein weiteres Highlight des ersten Veranstaltungstages war der Vortrag von Frank Steffens (Brüninghoff), welcher der Frage „Serielles Bauen – was heißt das?“ nachging. Er zeigte anhand einer Sanierung von zwei Wohnquartieren in Erlangen und der Umnutzung eines Bürogebäudes zum Studentenwohnheim in Köln die einzelnen Phasen von der Planung bis hin zur Realisierung auf. Sein Resümee: „Serielles Planen und Bauen sind Schlüsselelemente für die Sicherstellung einer hohen Prozessqualität im Bauwesen. Durch die Nutzung von Erfahrung, Standardisierung, Skaleneffekten, Risiko- und Fehlerreduktion sowie verbesserter Zusammenarbeit und Innovationsförderung können Bauprojekte effizienter, kostengünstiger und qualitativ hochwertiger durchgeführt werden.“
Mit Prof. Dr. Annette Hafner begann der Themenblock „Aufwertung durch Umnutzung und Verdichtung“
© mikadoDer Themenblock „Aufwertung durch Umnutzung und Verdichtung“ füllte am zweiten Veranstaltungstag wieder die Seminarräume. Für Prof. Dr. Annette Hafner (Ruhr-Universität Bochum) ist es ein Beitrag zum Klimaschutz, wenn nicht abgerissen, sondern aufgestockt wird. Sie präsentierte den Zuhörern einen Ökobilanzvergleich von einem aufgestockten Gebäude aus den 1950er-Jahren und einer fiktiven Abriss-Neubau-Variante. Zusammenfassend zeigte sich, dass die Aufstockungsvariante im Bereich der Betrachtung der CO2-Emissionen deutliche Vorteile aufwies - insbesondere durch Weiternutzung von bestehenden Gebäudeteilen und entsprechendem Wegfall des Abrisses und Neu-Herstellung dieser Materialien. Die Holzbauweise könne laut Hafner durch ihr geringes Gewicht, die große Tragfähigkeit, die guten Wärmedämmeigenschaften und der Vorfertigung ihre Vorteile im Bereich Sanierung/Umbau/Anbau voll ausspielen.
Die „Fischbeker Höfe“ waren ein ehemaliges Kasernengelände, das vor Kurzem für den Bau von Wohnungen umgenutzt wurde
© mikadoRoman Lindenberg (Assmann Beraten + Planen) stellte die Revitalisierung einer ehemaligen Kaserne aus den 1940er-Jahren im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek vor. Bei den „Fischbeker Höfen“ sollte der bestehende Dachstuhl des Kasernengebäudes abgetragen und eine 1- bis 2-geschossige Aufstockung in einer Mischung aus Holzmassiv- und Holztafelbauweise erfolgen. Lindenberg ging ausführlich auf die Herausforderungen bei der Tragwerksplanung, dem Brandschutz und der TGA-Planung ein. „Urbane Nachverdichtung und Bauen im Bestand werden zukünftig immer wichtiger werden. Schön ist, dass die Planungsprozesse beim Bauen im Bestand wesentlich von jenen im Neubau abweichen: Hier gibt es Ähnlichkeiten zum modernen mehrgeschossigen Holzbau. Der Planungsprozess ist viel integraler, mehr Kommunikation ist gefragt. Analog zum Holzbau müssen alle Fachplaner möglichst vorgezogen Ausführungsdetails abstimmen“, betonte er.
Konrad Merz (Merz Kley Partner) präsentierte das Projekt „Neues Headquarter UmweltBank Nürnberg“
© mikadoDer Themenblock „Wohn- und Bürobauten in neuen Dimensionen“ führte den Kongressteilnehmern erneut vor Augen, dass es für den Holzbau (fast) keine Grenzen gibt. Jörg Finkbeiner (Partner und Partner Architekten) stellte in seinem Vortrag die „Woodscraper“ – kreislauffähige Holzhochhäuser vor. Das Projekt der GLS-Bank in Wolfsburg punktet mit einem Tragwerk aus Holz, einem reversiblen Innenausbau aus ökologischen Materialien wie Stroh und optimierter Gebäudetechnik. Konrad Merz (Merz Kley Partner) präsentierte das Projekt „Neues Headquarter UmweltBank Nürnberg charmant mit Witz und Humor. Das 13-stöckige Holzybridhochhaus wird als eines der ersten Bürogebäude in Deutschland nach dem Energieeffizienz-Standard «KfW Effizienzhaus 40 NH» gebaut und die Bauherrschaft strebt eine Platin-Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) an.
Das 13-stöckige Headquarter der UmweltBank Nürnberg wird als eines der ersten Bürogebäude in Deutschland nach dem Energieeffizienz-Standard «KfW Effizienzhaus 40 NH» gebaut
© mikadoIvan Brühwiler (B3 Kolb) illustrierte seinen Vortrag über das 75 Meter hohe Gebäude H1 im Stadtquartier Zwhatt bei Regensdorf Watt (CH) mit zahlreichen beeindruckenden Bildern. Bei dem Wohnhochhaus wurde Buchen-Stabschichtholz verwendet. Und Sebastian Popp (KLH US Holding Corp) blickte über den großen Teich, nach Milwaukee/USA, wo mit dem „Ascent“-Gebäude das mit 86,6 Metern und 25 Stockwerken (6 in Beton, 19 in Holz) vermutlich höchste Holz-Hybridhochhaus der Welt fertiggestellt wurde.
Ein Rekord jagt auch im Holzbau den nächsten – und gerade im Olympiajahr 2024 wurde den Kongressteilnehmern in Berlin überdeutlich vor Augen geführt, dass auch in ihrem Metier das Motto „citius, altius, fortius“ also „schneller, höher, weiter“ gilt. Wie es weitergeht und welche neuen Höchstleistungen im Holzbau erreicht werden – darüber wird gewiss die sechste Auflage der in allen Belangen gelungenen Veranstaltung im nächsten Jahr informieren.
dm
















