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Artikel und Hintergründe zum Thema

Zollinger-Bauweise

Jessica Stütz | Jessica Stütz,

Das Eckige muss ins Runde

Betrachtet man die Rundbogenhalle der Reichart Holzbautechnik GmbH in Oberstaufen, ist man beeindruckt von der Eleganz und Leichtigkeit ihrer Konstruktion. Da sie auch Besucher bei der Betriebsführung begeistert, ist die Halle eine repräsentative Visitenkarte für das Holzbau-Unternehmen, das gewerbliche und private Kunden mit Zimmereigewerken und Rohbauten in MHM-Bauweise beliefert.

Aus geraden Bauteilen entstehen Rundungen

Gebaut wurde die Halle in der Zollinger-Bauweise, einer Konstruktion, die Stadtbaurat Friedrich Reinhart Balthasar Zollinger in den 1920er-Jahren entwickelt hat. Konstruktiv handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung des Bohlenbogendachs. Klappt man die Bohlensparren in einem wiederkehrenden Winkel auseinander und kombiniert mehrere solcher Elemente miteinander, entsteht ein Zollinger-Dach als Rauten-Lamellen-Konstruktion, die ohne Stützen auskommt und so eine optimale Raumnutzung ermöglicht.

An seinen Knotenpunkten stoßen jeweils drei Lamellen aufeinander: Während die mittlere durchläuft, enden die beiden anderen mit Versatz und windschiefem Schifterschnitt rechts und links am Knotenpunkt. Fixiert wird der Knoten mit einer einfachen Bolzenverbindung. Durch die serielle Aneinanderreihung der Lamellen und Knotenpunkte entsteht ein räumliches Stabwerk, durch die windschiefen Stöße in den Knotenpunkten eine annähernd runde Form, die durch den Zuschnitt der oberen Bohlenkante perfektioniert werden kann. Die Struktur des Stabwerks wirkt, da die Bohlen in der Untersicht gerade sind, innen zunächst wie eine Art Vexierbild, dessen Geometrie erst mit einiger Überlegung nachvollziehbar wird.

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Zollinger-Dach als Abbundhalle

Die neue Bauweise fand angesichts ihrer Vorteile eine rasche Verbreitung, allmählich ging ihr Marktanteil aber wieder zurück – möglicherweise, weil sich die Bolzenverbindungen auf Dauer als zu biegeweich erwiesen, was mit der Zeit zu Verformungen führen konnte. Seit den 1980er-Jahren wurde die Bauweise Schritt für Schritt wiederendeckt und weiterentwickelt. Damit wuchs die Zahl der Veröffentlichungen in Fachmedien, wo auch Helmut Reichart auf die Konstruktion aufmerksam wurde.

Der Zimmerer hatte sich 1999 nach der Meisterprüfung in Oberstaufen selbstständig gemacht, sein Einmann-Betrieb war seither kräftig gewachsen. 2021 hatte die Reichart Holzbautechnik GmbH, inzwischen 23 Mitarbeiter stark, im Ortsteil Wengen eine 8000 m2 große Gewerbefläche erworben, weil ihr der Platz am Stammsitz zu eng geworden war. Der Plan, dort eine Rundbogenhalle in Zollinger-Bauweise aufzustellen, bestand laut Reichart von Anfang an: „Mir hatte es vor allem die elegante Konstruktion angetan, mit der so eine Halle enorm gut ausschaut. Da ich dort eine MHM-Linie installieren wollte, passte sie perfekt zu unserem natürlichen Produkt. Kunden signalisiert eine solche Konstruktion, dass wir nicht irgendein Produzent sind, sondern dass wir den Holzbau mit Herzblut betreiben.“

Gelungenes Experiment

Reichart machte sich an die Planung des Projekts – ein Experiment mit offenem Ausgang, weil er dabei kaum auf vorhandenes Wissen zurückgreifen konnte. „Meinen ersten Entwurf gab ich dann an meinen Statiker Josef Herrmann weiter – und siehe da, er passte auf Anhieb.“ Hier zeigt sich, dass die Zeit für die Zollinger-Bauweise nicht stehen geblieben ist: Während die Statik der Rauten- Lamellen-Konstruktionen viele Jahrzehnte nur durch Annäherung nachweisbar war, benötigte Herrmann zur exakten Berechnung der Hallenstatik nur ein Zusatzmodul für sein Stabwerksprogramm. Auch der Prüfstatiker hatte mit einer anderen Software keine Probleme. Einzig vom Eingabeaufwand her ist Zollinger gegenüber anderen Bauweisen noch im Nachteil.

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