Interview: Bauen im Bestand

Jessica Stütz,

„Aufstockungen im industriellen Stil“

Lohnen sich individuelle Aufstockungen? Und welchen Beitrag leisten sie zum Wohnungsbau hierzulande? Ein Interview mit Christian Czerny, Vorstand der Liwood Management AG.

Liwood-CEO Christian Czerny hat das Modulbauunternehmen vor 15 Jahren gegründet

© Harry Stahl

Herr Czerny, Sie machen Aufstockungen in individueller Modulbauweise. Rechnet sich das für einen seriellen Fertigungsbetrieb überhaupt?

Christian Czerny: Nun, für einen Bauherrn, der sein Einfamilienhaus mit 300 m² Wohnfläche aufstocken möchte, sind wir sicher nicht die Richtigen. Das könnten wir nicht wirtschaftlich darstellen. Wir machen Aufstockungen im industriellen Stil. Es geht also um ganze Stadtteile oder größere Wohnanlagen. Unser Ansatz ist ganzheitlich.

Was meinen Sie damit?

In Deutschland wurden im Vierjahresmittel zwischen 2019 und 2022 täglich rund 52 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsfläche neu ausgewiesen.
Die Bundesregierung will diesen Flächenverbrauch bis zum Jahr 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag senken, um bis 2050 einen Netto-Null-Flächenverbrauch zu erreichen. Gleichzeitig brauchen wir aber mehr Wohnraum. Wir haben uns deshalb gefragt, was wir zum Wohnungsbau beitragen können, ohne großflächig neue Baugebiete ausweisen zu müssen. So sind wir auf Aufstockungen gekommen. Aufstockungen kosten zwar zunächst mehr als ein Neubau auf der grünen Wiese, weil das Dach abgerissen werden muss. Andererseits entfallen die Kosten für das Grundstück und die Erschließung, sodass sich die Aufstockung für den Bauherrn letztlich wieder rechnet. Gleichzeitig lassen sich auf diese Weise Millionen von neuen Wohnungen in den Bestand bringen – wofür individuelle Grundrisse und damit individuelle Lösungen notwendig sind. Wir haben deshalb eine Modulbauweise entwickelt, mit der wir im Prinzip jeden Grundriss realisieren können. Sogar ein schwieriger Grundriss lässt sich wirtschaftlich darstellen, indem man ihn beispielsweise in fünf beidseitige Module zerlegt und diese zehn Mal baut. Wir brauchen nur eine Losgröße, bei der sich diese Wirtschaftlichkeit einstellt.

Bauen Sie auch Neubauten?

Eine Aufstockung ist letztlich nichts anderes als ein Neubau in 10 m Höhe. Parallel dazu überbauen wir zum Beispiel auch Parkplätze mit Häusern auf Stelzen. Unser Prinzip bleibt das gleiche. Das gilt übrigens auch für die Installationen. Wir nutzen grundsätzlich keine bestehenden Installationen, sondern führen neue Leitungen und Kanäle von unten nach oben und umgekehrt. So haben wir alles, was wir brauchen, und sind vor unliebsamen Überraschungen geschützt.

Wie sieht es mit technischen Fassadensanierungen aus?

Auch das machen wir. Technische Fassadensanierung bedeutet, dass wir die bestehende Fassade mit einem technischen Laseraufmaß vermessen, diese Fassaden dann im Werk vorfertigen und auf den Bestand aufsetzen. Das mussten wir nicht erfinden, das machen wir auch bei Aufstockungen. Wir liefern auch die komplette Haustechnik mit. Dabei integrieren wir die Leitungsführung in die Fassade, meist im Bereich des Treppenhauses. Beispielsweise haben wir in einer Frankfurter Siedlung die Treppenhäuser mit einer Art von Pfeilern betont, in denen die Medien laufen. Alles ist sauber gedämmt und mit einer Begleitheizung versehen, damit es immer funktioniert.

Grundsätzlich: Was ist Ihnen bei Ihren Projekten wichtig?

Wir setzen auf Cradle to Cradle, also die Wiederverwendbarkeit der Häuser. Um das zu gewährleisten, müssen Verbundmaterialien vermieden werden. Stattdessen muss alles sortenrein trennbar sein. Das schließt schon einige Materialien aus. Dämmziegel zum Beispiel haben Hohlräume, die mit Lehm, Sand oder Styropor gefüllt sind, die beim Brand verbrennen, damit diese Hohlräume später dämmen. Sie sind also Verbundwerkstoffe. Beton ist ähnlich aufgebaut. In unseren Häusern verbauen wir daher nur Brettsperrholz und Gipsbau- oder Gipsfaserplatten als Beplankung. Außerdem wird nichts verklebt, sondern nur geklammert. So befestigt, lässt sich beispielsweise Gips beliebig oft recyceln. Bis zur Corona-Pandemie hat das nur niemand gemacht, weil Gips als Abfallprodukt bei der Kerosinherstellung und beim Braunkohleabbau anfällt. Es gab also genug. Recycling wurde nicht als notwendig erachtet. Diese Denkweise kehrt sich nun allmählich um.

Auszug aus mikado 09.2024
 

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