Aufstockungen und Anbauten

Mirjam Radke,

Nachverdichtung - Bezahlbar, grün und gleich bei der Innenstadt

142 neue Wohnungen im Hamburger Stadtteil "Horner Geest" baut die kommunale Wohnungsbaugesellschaft SAGA zusammen mit der Münchner LiWooD Holzmodulbau AG. Aufstockungen und Anbauten schaffen kostengünstig und nachhaltig Wohnraum.

Visualisierung des fertigen Gebäudes © eins:eins Architekten

Wie alle Ballungsräume braucht auch Hamburg mehr Wohnraum. Doch Platz ist knapp und Geld fehlt meistens auch. Für "bezahlbares Wohnen und ausreichend Fläche" kann jedoch auch unter knappen Bedingungen gesorgt werden, wenn man nach innovativen Lösungen schaut. Im Hamburger Osten entsteht dazu gerade ein vorbildliches Projekt.

Der Stadtteil "Horner Geest" bietet enormes Entwicklungspotenzial für innovativen Wohnungsbau. Durch die einzigartige Kombination aus innenstadtnaher Lage und grüner Umgebung wird das Gebiet zu einem der spannendsten urbanen Entwicklungsräume der Hansestadt. Das übergeordnete Ziel dieser Entwicklung ist es, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der zugleich hohe Lebensqualität und infrastrukturelle Anbindung bietet.

Versetzen eines Holzmoduls mit Badezimmer © LiWooD

Im Rahmen eines abgestimmten städtebaulichen Rahmenkonzepts bis zum Jahr 2030 entsteht hier ein neues, lebenswertes Quartier, das nicht nur den Bedürfnissen der heutigen, sondern auch der zukünftigen Generationen gerecht wird. Besonders hervorzuheben ist die geplante Verlängerung der U-Bahn-Linie U4, die das Gebiet noch enger mit dem Hamburger Innenstadtbereich verknüpfen wird. Das zukunftsweisende Pilotprojekt in diesem Quartier wird von der SAGA, der größten kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Deutschlands, realisiert. In Zusammenarbeit mit der Münchner LiWooD Holzmodulbau AG entsteht hier ein Projekt für nachhaltigen und kostengünstigen Wohnungsbau.

Anzeige

142 neue Wohnungen in Rekordzeit

Das Pilotprojekt schafft insgesamt 142 neue Wohnungen in nur einem Jahr. Die Wohnungen werden in verschiedenen Größen und mit individuellen Ausstattungen – inklusive Abstellflächen und Zugängen zu Terrassen und Balkonen – realisiert. Ein entscheidender Aspekt dieses Projekts ist die schnelle Umsetzung, die es ermöglicht, in kurzer Zeit bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Mit der modularen Bauweise, die 658 Holzmodule umfasst, wird die Maßnahme schnell, leise und sauber in die bestehende Struktur eingebunden. Die Belastung für die Bestandsmieter bleibt gering – ein enorm wichtiger Faktor für eine sozial verträgliche Stadtentwicklung.

Auszug Lageplan © LiWooD

Besonderer Wert wird auf Barrierefreiheit gelegt. Die Wohnungen in den Erdgeschossen sind durchgehend barrierefrei, der restliche Kopfbau Barriere reduziert. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass das für alle Altersgruppen attraktiv wird.

Kopfbauten spielen Schlüsselrolle

Die neu entwickelten Kopfbauten sind der Schlüssel dieses innovativen Projekts. Sie bieten mehrere Vorteile: Sie stabilisieren die Bestandsbauten und Aufstockungen, ermöglichen dadurch eine Erweiterung um bis zu zwei Geschosse und tragen gleichzeitig zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum bei. Diese Bauweise ist besonders effizient, da sie keine tiefgreifenden Eingriffe in die angrenzenden Grünflächen erforderlich macht und so den Charakter des bestehenden Quartiers erhält.

Dank ihrer kompakten Form und der gut durchdachten Gestaltung bieten die Kopfbauten bis zu dreimal mehr Wohnraum als die reine Aufstockung der Bestandsgebäude in herkömmlicher Art mit nur einem Geschoss. Das Projekt setzt auf modernen, seriellen Holzmodulbau mit einem hohen Vorfertigungsgrad, um nicht nur schnell und effizient zu bauen, sondern auch höchste Standards in puncto Brandschutz und Energieeffizienz zu erfüllen. So werden Treppenhäuser, Modulböden, Aufzugsschächte und Brand-ersatzwände in Brettsperrholz ausgeführt, was eine schnelle Montage und gleichzeitig eine hohe Brandsicherheit gewährleistet.

Die Installation von PV-Anlagen auf den Dächern der neuen Gebäude verbessert die ökologische Bilanz des Projekts deutlich. Zudem erhält das gesamte Dach der Kopfbauten eine extensive Begrünung, die die versiegelte Fläche kompensiert und das Mikroklima des Quartiers fördert. Die Fernwärmeversorgung sorgt für eine energieeffiziente Heizlösung.

Ein weiteres Highlight des Projekts ist die Technik- und Installationsebene, die zwischen dem Altbestand und der Aufstockung eingerichtet wird. Diese Ebene wird als Stahlbetonträgerrost ausgebildet und leitet die Lasten aus der Aufstockung gezielt in die tragenden Wände der Bestandsgeschosse ein. Außerdem werden über diese Ebene alle notwendigen Leitungen und Installa-tionen sowie die Lüftungen der Bestandswohnungen verteilt, sodass die Bestandswohnungen zu keinem Zeitpunkt betreten werden müssen. Die Haustechnik liegt außerhalb der Bestandswohnungen in einem verdeckten Steigschacht zur Aufstockung, was die Lebensqualität der Bestandsmieter ebenfalls in der Bauphase nicht beeinträchtigt.

Holzfassade überzeugt mit Charakter

Bei der Planung des Projekts wurden mehrere Fassadenkonzepte geprüft, angefangen mit einer Putzfassade, über eine Faserzementlösung bis hin zur finalen Holzfassade, welche vom Hamburger Oberbaudirektor final zur Ausführung freigegeben wurde.

Die Holzfassade verleiht dem Gebäude eine warme, natürliche Ausstrahlung und fügt sich perfekt in die grüne Umgebung ein. In Kombination mit Faserzementflächen an brandschutztechnisch besonders schützenswerten Bauteilen sowie an den Treppenhäusern entsteht so ein modernes, langlebiges Erscheinungsbild. Ein sorgfältig abgestimmtes Farbkonzept lässt Alt- und Neubauten harmonisch miteinander verschmelzen und erhält gelichzeitig den Charakter des Quartiers.

Ein wesentlicher Vorteil des Projekts liegt in der weitgehend unabhängigen Erschließung der neuen Wohnungen. Lediglich die bestehenden Treppenhäuser müssen für die Aufstockung erweitert werden. Die neuen Gebäude werden so erschlossen, dass die Bestandsmieter während der Bauarbeiten möglichst wenig gestört werden. Dies stellt sicher, dass das Projekt nicht nur effizient und kostengünstig umgesetzt wird, sondern auch in sozialer Hinsicht verträglich ist. Nach Abschluss der Bauarbeiten integrieren sich die Veränderungen weitgehend in die Struktur des Quartiers. Obwohl das Projekt aus mehr als 600 Holzmodulen besteht, ist in den Wohnungen davon nichts zu sehen und man fragt sich, wo die einzelnen Module miteinander verbunden sind.

Feldfabrik – Produktion direkt am Bauplatz

Eine Besonderheit im LiWooD-System ist die mobile Feldfabrik, die in der Regel in unmittelbarer Nähe zum Baugrundstück aufgebaut wird. Kurze Transportwege bei gleichzeitig hoher Fertigungstiefe, wie zum Beispiel integrierte Bäder, machen die Modulbauweise so attraktiv. Diese flexible Fertigungslösung ermöglicht es, die Wohnmodule direkt vor Ort zu produzieren, ohne dass Lagerflächen benötigt werden; denn die Produktion funktioniert "just-in-sequence" und "just-in-time". Die Feldfabrik kann je nach Projektanforderung schnell angepasst und erweitert werden, wodurch eine effiziente und schnelle Fertigung möglich ist.

Holzmodule aus der ehemaligen Werft

Eine mobile Fertigungsstätte bringt nicht nur logistische Vorteile, sondern trägt auch zur Reduktion von Transportwegen und damit zur Verringerung des CO₂-Ausstoßes wesentlich bei. Nach Abschluss eines Projekts wird die Feldfabrik abgebaut und zum nächsten Einsatzort gebracht, wodurch die Ressourcen noch effizienter genutzt werden.

Die Holzmodule kommen aus dem Werftgelände in Boizenburg, einst genutzt für Spezialschiffsbau © LiWooD

Im Fall von Hamburg sieht es jedoch etwas anders aus. Das ehemalige Werftgelände in Boizenburg, einst für Spezialschiffsbau genutzt, erfährt eine neue Bestimmung. Die riesige Halle der Elbewerft, lange Zeit ungenutzt, wurde im Zuge des nahegelegenen Projekts "SAGA" reaktiviert. Anstelle von Stahlteilen entstehen hier nun vorgefertigte "2D"-Holzelemente, woraus anschließend "3D" Module gebaut werden – die Werft wird zur Feldfabrik. So zieht mit dem Baustoff Holz neues Leben in das alte Industrieareal ein.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren