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Artikel und Hintergründe zum Thema

Sanierung und Ausbau

Christine Ryll,

Bauen im Bestand - Aus Stadel wird Kita

Ein Haus im Haus: Diese Sanierungsidee erwies sich als Glücksgriff für die Kindertagesstätte Rosenhof.

Außen historisches Denkmal, innen moderner Kindergarten: Mit Hilfe eines Haus-in-Haus-Konzeptes ließ sich die Bauruine umnutzen © Alpindis/Daniel Breuer

Ein Kind in der Krippe, eine Krippe im Stall: Wo einst Kühe und Ochsen standen, gehen seit kurzem die Berchtesgadener Kinder ein und aus. Dazu ließ die Gemeinde die maroden Mauern des unter Denkmalschutz stehenden Rosenhofstadel sanieren. Nun hüllen sie ein – nach dem Matrjoschka-Puppen-Prinzip – in die einstige Bauruine eingestelltes Holzhaus ein.

Mit der innovativen Haus-im-Haus-Lösung erzielten der Markt Berchtesgaden und Schorr Architekten einen echten Glücksgriff. Obwohl das ursprüngliche Stallgebäude mit kleinen Fenstern, heutigen Ansprüchen nicht mehr genügender Gründung und überformtem Dach aus den 1960ern zunächst wenig Hoffnung auf eine wirtschaftliche Nutzung machte, erwies sich die Idee als praktikabel. Sie überzeugte nicht nur die Marktgemeinde, sondern auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Das Ergebnis: eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Das Gebäude vor der Sanierung © Schorr Architekten

Die Marktgemeinde konnte ein zentrales Grundstück samt ortsbildprägendem, jedoch stark sanierungsbedürftigem Baudenkmal zu einem fairen Preis für den dringend benötigten Kindergarten erwerben. Nach langer Suche für eine neue Nutzung, war auch der Vorbesitzer froh, eine Lösung für das denkmalgeschützte Objekt gefunden zu haben. Und die Kinder freuen sich heute über eine außergewöhnliche Kita mit großem Garten – in fußläufiger Entfernung zum Ortszentrum von Berchtesgaden.

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Ziel des BLfD war es, so viel historische Bausubstanz zu erhalten wie möglich – also die vorhandenen Außenwände und ein Gewölbe. Das Dach durfte abgerissen und - der historischen Form nachempfunden - neu errichtet werden. Zur Entscheidung für ein Schopfwalmdach mit 45-Grad Dachneigung trug auch ein im Rathaus hängendes Gemälde aus dem Jahr 1945 bei, welches das markante Erscheinungsbild des sog. Stallstadels zeigt. Auch der Nachweis der historischen Relevanz des Anbaus auf der Westseite konnte damit erbracht werden. Ein Glücksfall für den Kindergarten, der diese Räumlichkeiten dringend benötigte, um alle Funktionen unterzubringen: zwei Krippengruppen im Erdgeschoss und zwei Kindergartengruppen im Obergeschoss. Letztere sogar mit mehreren ebenen Zugängen über die Tennenauffahrten – ein Vorteil für den Brandschutz und praktisch für die Kinder, die so direkt ins Freie gelangen. Und wenn es mal regnet? Dann toben sich die Kinder einfach drinnen an den Kletterwänden der Turnräume aus.

Der Holzbau liegt hinter den dicken historischen Mauern © Alpindis/Daniel Breuer

Holzbau

Der in den Bestand eingestellte Holzbau umfasst neun Binderachsen, die aus stabförmigen Elementen zusammengesetzt sind. Diese miteinander kombinierten Holz- und Stahlbauteile wurden in die Natursteinhülle gesetzt und mit Wand-, Decken- und Dachelementen kombiniert. Bedingt durch die historische Hülle ist jede Achse ein Unikat – teils nicht im rechten Winkel zu den Wänden, mit variierenden Abständen und daraus resultierenden unterschiedlichen Lasten.

Eine punktuelle Verstärkung der Ständer mit Stahlprofilen nimmt die horizontalen Kräfte auf und macht die Konstruktion druckstabil gegenüber der Natursteinhülle. Dazu wurden die alten Mauern gezielt mit dem Holzbau verbunden, wobei dessen massive Brettstapeldecke über dem Erdgeschoss einen Großteil des Mauerdrucks übernimmt und als tragendes Bindeglied zwischen Alt und Neu wirkt. Die Verbindung von Bestand und Neubau erfolgt über Stahlanker, die etwa alle 2,5 m in die alte Natursteinmauer eingeklebt und durch den Zwischenraum in die neue Wand zur Brettstapeldecke geführt sind. Die Decke dient dabei als aussteifende horizontale Ebene, an der die circa sechs bis sieben Meter hohe Natursteinwand mittig "angehängt" ist.

Sämtliche Außenwände fertigte das mit den Arbeiten betraute Holzbauunternehmen Meiberger Holzbau in passgenauer Holzriegelbauweise mit ca. 30 cm Holzfaserdämmung vor. Rauminnenseitig erhielten sie eine horizontale Massivholzschalung aus Nut- und Feder-Brettern, außen aus Brandschutzgründen eine Beplankung aus nicht brennbaren Gipsfaserplatten. Diese verhindern Brandlasten im Wandzwischenraum und übernehmen gleichzeitig aussteifende Funktionen. Besonders anspruchsvolle Wandabschnitte sind fachwerkartig ausgebildet und durch doppelte Schlitzbleche stabilisiert. Auch in einigen Innenwänden kamen aussteifende Elemente zur Anwendung, teils aus Holz, teils aus Stahl. Als Bekleidung dienen keine Gipskartonplatten, sondern Lehmbauplatten und dünner, sichtbarer Lehmputz in zarten Farbtönen – für ein gesundes, kindgerechtes Raumklima.

Die mit Dübeln verbundenen, vorgefertigten Brettstapeldeckenelemente wurden vor Ort miteinander gekoppelt und anschließend mit einer durchgehenden Diagonalschalung auf der Oberseite horizontal ausgesteift. So entstand ein stabiler, rein mechanisch verbundener Aufbau – komplett leimfrei und statisch durchdacht. Ungebrannte Lehmsteine dienen als Deckenbeschwerung, damit auch dem Schallschutz und wirken feuchtigkeitsregulierend.

Die Dachelemente setzen ebenfalls auf eine vorgefertigte Riegelbauweise – mit beidseitiger Beplankung und Holzfaserdämmung im Zwischenraum. Die Unterseite ist mit diagonal verlegten Massivholzbrettern verkleidet, die sowohl zur Aussteifung beitragen als auch dem Innenraum eine lebendige, eigenständige Raumwirkung verleihen. In der Binderebene steifen diagonal eingebaute Stahlverbände zusätzlich aus.

Geometrische, konstruktive und statische Herausforderungen

Die durch den Bestand bedingte geometrische und statische Komplexität des Holzbaus stellte eine große Herausforderung für dessen Planung und die Fertigung dar. Das Bestandsgebäude wurde daher im Vorfeld per Punktwolke digital vermessen und das Ergebnis direkt in die Planungssoftware integriert – ein entscheidender Vorteil, da im Bestand "nichts gerade und nichts gleich" war, wie Architektin Rebecca Schorr erklärt. Das Aufmaß erfasste selbst kleinste Unebenheiten und Vorsprünge, um die passgenaue Vorfertigung des neuen Hauses zu garantieren. "Es war beruhigend zu wissen, dass dieses exakt in die alte Hülle passen würde", erinnert sich Peter Brandtner, verantwortlicher Projektleiter seitens Meiberger Holzbau.

Bei der Sanierung des Altbestands sollten zudem die unterschiedlich angeordneten, kleinen Stallfenster erhalten bleiben, um den ursprünglichen Stallcharakter zu bewahren und gleichzeitig möglichst viel Tageslicht in den Innenraum zu bringen. Dadurch standen nur kleinteilige Wandflächen zur Aussteifung zur Verfügung – was eine enge Abstimmung zwischen Architektur, Statik und Ausführung notwendig machte. Konstruktiv sollte der im Bestand eingestellte Holzbau zudem der Philosophie der Architekten folgen, einen möglichst leimfreien Wand- und Deckenaufbau zu realisieren. Beides zusammen stellte für die Tragwerksplanung und die Fertigung enorme Herausforderungen dar. "An diesem Punkt hat uns die Firma Meiberger positiv überrascht: Statt unsere Vorstellungen infrage zu stellen, haben sie uns unterstützt. das war eine außergewöhnlich gute Erfahrung. Die Zusammenarbeit war von Anfang an von echtem Miteinander geprägt – etwas, das auf Baustellen nicht selbstverständlich ist", freuen sich die Architekten.

Lösungsansätze und Details

An der Dachuntersicht kam eine diagonal verlegte Holzschalung zum Einsatz, welche sowohl gestalterische als auch statische Funktionen übernehmen. Die massiven Fichtenbretter sind mit speziellen Klammern befestigt – gemäß einem vom Statiker vorgegebenen, präzisen Klammerbild. Jedes Brett erhielt drei Klammern in definiertem Winkel und Abstand, um die statisch erforderliche Aussteifung zu gewährleisten.

An einigen Kreuzungspunkten wurden zusätzliche Stahlverstärkungen eingebaut. Dies war sowohl im Erdgeschoss erforderlich als auch im Obergeschoss. Gleichzeitig sollte, ganz im Sinne des Denkmalschutzes, der jeweilige historische Raumeindruck auch nach der Sanierung noch spürbar sein. Im Erdgeschoß sorgen verschiedene Oberlicht-Verglasungen für Sichtbeziehungen zwischen den neu entstandenen Einzelräumen und geben den Blick auf einen an alter Stelle im ehemaligen Stall wieder eingebauten Längsträger frei, welcher auf den historischen Natursteinsäulen ruht - auch wenn diese heute keine tragende Funktion mehr übernehmen, sind sie sichtbares Zeugnis der früheren Nutzung.

Die Treppenstufen zeigen handwerkliche Holzbaukunst © Alpindis/Daniel Breuer

Im Obergeschoss ermöglichen große Glaselemente die Erinnerung an die ehem. Tenne und sorgen für Transparenz, erfordern aber gleichzeitig ein hohes Maß an Steifigkeit für die Holzkonstruktion. Um Bewegungen bei Wind zu minimieren, waren hier Stahlverbände erforderlich, die größtenteils sichtbar verbaut sind. Insgesamt wurden rund 24 Tonnen Stahl in über 420 Einzelteilen in das Bauvorhaben integriert, um die statischen Anforderungen von Alt- und Neubau zu erfüllen.

Bauablauf

Eine zentrale Voraussetzung während der Bauzeit war die Errichtung eines stabilisierenden Gerüsts – mit tonnenschwerem Ballast und im weiteren Verlauf mit Wetterdach – im Vorfeld der Arbeiten, um die alten Mauern vor dem Umstürzen zu schützen. Dessen Montage stellte daher den ersten Meilenstein der Sanierung und Umnutzung dar. Schritt zwei der Bauarbeiten markierte die Unterfangung der Bestandsmauern und die Gründung des Holzbaus in Form von 180 Bohrpfählen mit jeweils 9 bis 10 m Länge, die aufgrund des erst ab ca. 6 m Tiefe tragfähigen Untergrundes notwendig wurden.

Auf den Pfählen ruht eine 35 cm starke Stahlbetonbodenplatte mit umlaufender Aufkantung. Die Dämmung liegt oberhalb der Platte, wodurch ein ca. 40 cm hoher Fußbodenaufbau entstand. Dieser etwas höhere Aufbau erfüllt die besonderen Projektanforderungen und machte es möglich, darin auch einen Teil der Leitungen - vor allem die Verteilung der groß dimensionierten Lüftungsrohre - unterzubringen. Ergänzend dazu sind die Heizungs-, Lüftungs- und Elektroleitungen größtenteils sichtbar an Außenwänden und Deckenunterseiten sowie unsichtbar in den Innenwänden verlegt. Auf zusätzliche Verkleidungen wurde bewusst verzichtet, um Material und Arbeit zu sparen und einen charakteristischen Werkstatt-Look zu schaffen.

Für das Aufstellen der komplexen, vorgefertigten Holzkonstruktion im Bestand vergingen etwa sechs Wochen. Die Bauarbeiten erfolgten abschnittsweise in Modulen von je zwei Binderachsen: Erst die Binder, Außen- und Innenwandelemente des Erdgeschoßes, dann die Decke, anschließend die Wandelemente des Obergeschoßes und die Dachelemente. Danach die nächsten zwei Achsen. Jede Etappe dauerte etwa 6 Werktage. Diese modulare Vorgehensweise ermöglichte es, die fertigen Abschnitte sofort wetterfest abzudecken, was trotz häufiger Regenfälle einen effizienten und sicheren Baufortschritt ermöglichte.

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