Baugewerbe-EXKLUSIVINTERVIEW
BG BAU: Jeder Arbeitsunfall ist einer zu viel!
Frank Werner, stellvertretender Leiter Prävention der BG BAU, erklärt im Interview mit Baugewerbe-Chefredakteur Kai Ingmar Link worauf es im Arbeitsschutz ankommt.
Baugewerbe Magazin: Herr Werner, was sind die zentralen Ziele der BG BAU?
Frank Werner:
Die strategischen Ziele der BG BAU lassen sich unter drei Überschriften zusammenfassen, die gleicher-maßen nach außen und innen fokussieren.
Erstens geht es um die Prävention in der Baubranche. Das bedeutet, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Erkrankungen von vornherein zu verhindern und die Arbeitsplätze und Arbeitsver-fahren so zu gestalten, dass die Beschäftigten nach getaner Arbeit gesund nach Hause kommen. Das funktioniert nur, wenn alle am Bau Beteiligten eingebunden sind und wir den Arbeitsschutz nicht nur als Aufgabe der Unternehmen und Beschäftigten verstehen. Eine ganzheitliche Betrachtung beginnt schon beim Bauherrn und seinen Planern, in der Projektentwicklung, der Ausschreibung und Vergabe und mit einer frühzeitigen und ganzheitlichen Koordination ab Planungsbeginn. Die BG BAU unterstützt diesen Prozess mit Beratung und Überwachung, einem umfangreichen Bildungsangebot und nicht zuletzt mit kompetenter Unterstützung durch unseren überbetrieblichen arbeitsmedizinischen und sicherheitstech-nischen Dienst (ASD der BG BAU), der neben arbeitsmedizinischen Vorsorgen auch bei Erstellung und Anpassung der Gefährdungsbeurteilung oder der Vorbereitung von Unterweisungen hilft.
Das zweite Ziel fokussiert darauf, als BG BAU eine Dienstleisterin für Sicherheit und Gesundheit in der Baubranche zu sein. Wir alle wissen, dass wir heute längst nicht alle Arbeitsunfälle und Berufskrankhei-ten verhindern. Deshalb geht es hierbei vor allem darum, im Falle eines Arbeits- oder Wegeunfalls und bei Berufskrankheiten eine optimale Betreuung der Betroffenen und der Angehörigen sicherzustellen. Neben einer bestmöglichen Heilbehandlung, zum Beispiel in den berufsgenossenschaftlichen Unfallklini-ken, und durch Maßnahmen zur Individualprävention, setzen wir alles daran, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten oder wiederherzustellen. Ist dies nicht möglich, kümmern wir uns zum Beispiel um berufliche Alternativen und sichern den Lebensunterhalt mit Geldleistungen.
Beim dritten Ziel stehen die aktive Gestaltung und Unterstützung der digitalen Transformation und der demografischen Entwicklung im Prozess des Wandels in der Arbeitswelt im Fokus. Denn auch an der Bauwirtschaft geht die demografische Entwicklung nicht vorbei. Bereits heute sind der Fach- und Ar-beitskräftemangel deutlich erkennbar. Um die Bauwirtschaft, aber auch uns als Unfallversicherungsträ-ger, zukunftsfähig zu halten, kommt der digitalen Transformation eine besondere Bedeutung zu. Hierfür genügt es nicht, bestehende Prozesse zu digitalisieren. Digitale Prozesse müssen neu gedacht und intel-ligent so vernetzt werden, dass sie einfacher und aufeinander aufbauend eine Entlastung und Vereinfa-chung für die Branche bringen. Erste vielversprechende Lösungen unter Verwendung Künstlicher Intelli-genz (KI) haben wir bereits entwickelt und damit eine gute Basis, auf die wir gemeinsam mit unseren Sozialpartnern aufbauen können.
BGW: Wie genau setzt sich Ihr Kundenstamm zusammen?
Werner:
Die BG BAU ist die gesetzliche Unfallversicherung für die Bauwirtschaft und baunahe Dienstleistungen und betreut mehr als drei Millionen Versicherte, rund 584.000 gewerbsmäßige Unternehmen und ca. 60.000 private Bauvorhaben. Mitgliedsunternehmen sind die Betriebe der Bauwirtschaft und -industrie sowie die Unternehmen im Bereich der Gebäudedienstleistungen. Viele unserer Mitgliedsbetriebe sind Klein- und Kleinstunternehmen.
Die Beiträge zur gesetzlichen Unfallversicherung werden durch die Unternehmerinnen und Unternehmer aufgebracht. Der Versicherungsschutz besteht für die in den Unternehmen tätigen Beschäftigten.
BGW: Wie hat sich Ihr Kundenstamm in den vergangenen Jahren verändert?
Werner:
In den vergangenen Jahren tatsächlich kaum. Es gab tiefere Veränderungen zu Beginn der 2000er-Jahre, als die Baukonjunktur sehr am Boden lag. Damals haben sehr viele Unternehmen Personal abgebaut. Das Ergebnis war, dass viele frühere Beschäftigte in die Soloselbständigkeit gewechselt sind. Verände-rungen finden eher in der Form statt, dass sich Unternehmen immer stärker spezialisieren und technisie-ren. Sprich, moderne Technik erhält Einzug in die Firmen, aber nicht so stark, dass sich der Charakter der Unternehmen oder Beschäftigten ändert. Die Branche ist recht konstant.
Werner:
Alle Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung werden im gesetzlichen Rahmen des Siebten Buches Sozialgesetzbuch nach dem Grundsatz Prävention vor Rehabilitation vor Entschädigung erbracht. Im Rahmen dessen fokussieren die Wünsche unserer Mitgliedsunternehmen und unserer Versicherten in allen drei Bereichen auf ein hohes Maß an individuellen Lösungen. Es geht also nicht um eine Lösung für alle, sondern darum, die zunächst standardisierten Leistungen so anzupassen, dass sie dem Einzelfall bestmöglich gerecht werden.
In der Zeit der Pandemie haben wir einen Teil unseres Bildungsangebotes digitalisiert. Hier wächst die Nachfrage kontinuierlich.
BGW: Wie hat sich die Arbeitssicherheit in den vergangenen Jahren verändert?
Werner:
Das Unfallgeschehen der letzten Jahre ist kontinuierlich rückläufig. Im Jahr 2022 lag die Anzahl der mel-depflichtigen Arbeitsunfälle erstmals unter 100.000. Die Tausend-Personen-Quote (TPQ), also die An-zahl meldepflichtiger Arbeitsunfälle pro 1.000 Vollbeschäftigten, ist in den letzten Jahren stetig gesun-ken. Im Jahr 2022 lag sie bei 42,2 und war damit trotzdem noch mehr als doppelt so hoch wie in der gesamten gewerblichen Wirtschaft in Deutschland. Schaut man aber zurück auf das Jahr 2010, lag die TPQ in der Bauwirtschaft noch bei 66,5 und über die gesamte gewerbliche Wirtschaft bei 26,4. Damit ist der Rückgang des Unfallgeschehens in der Bauwirtschaft gegenüber der gesamten gewerblichen Wirtschaft überproportional hoch. Das muss allen Beteiligten Ansporn sein, den begonnenen Weg konse-quent weiterzugehen.
Die Bauwirtschaft ist geprägt von instationären und sich ständig verändernden Bedingungen an nahezu jedem Arbeitsplatz. Während beispielsweise Beschäftigte in festen Produktionsstätten und in Büros in der Regel darauf vertrauen können, dass alle Verkehrswege sicher begehbar und alle Absturzkanten gesichert sind, sind die Sicherung von hochgelegenen Arbeitsplätzen gegen Absturz, von Baugruben-wänden hinsichtlich ihrer Standsicherheit und von Verkehrswegen hinsichtlich der sicheren Begehbarkeit kontinuierlicher Bestandteil der täglichen Arbeit der Beschäftigten der Bauwirtschaft im gesamten Le-benszyklus des Bauwerks – beim Bauen, der Unterhaltung und beim Rückbau.
Dieses Interview erschien zuerst in Ausgabe 04_2024.













