Baugewerbe 360° - Exklusivinterview
Züblin: digitale Lösungen als Gamechanger
In einem zunehmend komplexen Umfeld wird der Materialfluss zu einem strategischen Hebel. Im Gespräch erklärt Serdar Ergün, Head of Development bei Züblin Baulogistik, Baugewerbe-Chefredakteur Kai Ingmar Link, worauf es jetzt ankommt:
Baugewerbe Magazin: Baustellenlogistik gilt heute als strategischer Erfolgsfaktor. Wie definieren Sie „gute Baulogistik“ in Ihrem Unternehmen, und worauf legen Sie besonders Wert?
Serdar Ergün: Gute Baulogistik ist für uns das stabile Rückgrat eines Projekts: Sie plant, koordiniert und steuert Material, Personen und Informationsflüsse ganzheitlich—strategisch, operativ und digital. Ziel ist ein sicherer, effizienter und planbarer Bauablauf, der Termine, Qualität und Kosten zuverlässig absichert. Kurz: Baulogistik wird zum Projektsicherer, nicht zum Begleitservice.
BGW: Inwiefern unterscheiden sich die Anforderungen an Baustellenlogistik je nach Projektart – von urbanen Großprojekten bis hin zu infrastrukturellen Projekten?
Ergün: Urban verdichtete Großprojekte verlangen stadtverträgliche Konzepte, fein getaktete Anlieferfenster, enges Flächen und Zufahrtsmanagement und hohe Transparenz für alle Beteiligten. Infrastruktur und Industrieprojekte hingegen skalieren in der Fläche, fordern resiliente Lieferketten, temporäre Hubs und robuste Entsorgungslogistik. Unsere drei Kompetenzsäulen—Baustelleneinrichtung, baulogistische Dienstleistungen und Baulogistik Planung —werden dabei je nach Projektkontext unterschiedlich gewichtet.
BGW: Welche aktuellen Hürden sehen Sie bei der Logistik auf Baustellen, insbesondere bei komplexen oder innerstädtischen Projekten?
Ergün: Flächenknappheit, Anwohner und Umweltauflagen sowie parallele Gewerke verdichten die Abläufe. Ohne verbindliche SlotPlanung, Zutritts und Flächenmanagement und ein klares Logistikhandbuch steigt das Kollisions und Störungsrisiko exponentiell. Frühzeitige, regelbasierte Logistikplanung ist deshalb Pflicht, nicht Kür.
BGW: Wie wirken sich Fachkräftemangel, steigende Materialkosten oder Lieferkettenengpässe konkret auf Ihre Baustellenlogistik aus?
Ergün: Wir verstehen die aktuellen Herausforderungen – vom Fachkräftemangel über steigende Materialkosten bis hin zu volatilen Lieferketten – als klaren Auftrag zur Transformation.
Durch konsequente Digitalisierung und intelligente Prozessgestaltung reduzieren wir manuelle und repetitive Tätigkeiten auf ein Minimum. So schaffen wir die Grundlage, dass sich unsere Fachkräfte auf hochqualifizierte, steuernde und wertschöpfende Aufgaben konzentrieren können.
Gleichzeitig ermöglichen uns digitale Lösungen eine deutlich höhere Transparenz und Flexibilität in der Steuerung von Materialflüssen. Das hilft uns, schneller auf Lieferengpässe zu reagieren, Ressourcen effizienter einzusetzen und Kosten besser zu kontrollieren. Baulogistik wird damit zunehmend zum aktiven Steuerungsinstrument – nicht nur zur Abwicklung, sondern zur Absicherung des gesamten Projekterfolgs.
BGW: Welche Rolle spielen Zeitdruck und enge Terminpläne bei der täglichen Logistikplanung?
Ergün: Zeitdruck ist auf Baustellen allgegenwärtig – und genau deshalb braucht es strukturierte, belastbare Logistikprozesse. Unsere Aufgabe ist es, diesen Druck zu kanalisieren. Durch vorausschauende Planung, klare Prozesse und digitale Unterstützung schaffen wir die notwendige Stabilität im System.
Gute Baulogistik sorgt dafür, dass Termine nicht zum Stressfaktor werden, sondern zuverlässig eingehalten werden können.
BGW: Welche digitalen Tools und Technologien setzen Sie aktuell ein, um Logistikprozesse zu optimieren – zum Beispiel Telematik, Baustellen-Apps oder BIM?
Ergün: Wir setzen konsequent auf Digitalisierung entlang der gesamten Prozesskette.
Dazu gehören eigene Softwarelösungen für Liefer- und Flächenmanagement, digitale Zutrittskontrollen sowie Echtzeit-Materialtracking, das volle Transparenz über alle Materialströme schafft. Ergänzend integrieren wir unsere Prozesse in BIM-basierte Planungen und nutzen Baustellen-Apps für eine direkte Kommunikation und Steuerung vor Ort.
Darüber hinaus treiben wir den Einsatz von Robotik, digitalen Einweisungskonzepten und KI-Anwendungen in verschiedenen Teilbereichen aktiv voran – immer mit dem Ziel, Prozesse effizienter, sicherer und weniger fehleranfällig zu gestalten.
Unser Anspruch ist eine vollständig transparente und vernetzte Baustelle, auf der alle relevanten Informationen jederzeit verfügbar und steuerbar sind.
BGW: Sehen Sie Potenzial in automatisierten Prozessen, etwa selbstfahrenden Maschinen, Drohnen oder IoT-basiertem Materialtracking?
Ergün: Definitiv – hier sehen wir enormes Potenzial. Automatisierung und Vernetzung werden die Baulogistik grundlegend verändern. IoT-basiertes Tracking ermöglicht eine lückenlose Nachverfolgung von Materialien, Drohnen unterstützen bei Überwachung und Dokumentation, und autonome Systeme werden perspektivisch Transporte übernehmen.
Entscheidend ist jedoch nicht die Technologie allein, sondern ihre intelligente Integration in bestehende Prozesse.
BGW: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Logistiklösungen? Welche Kennzahlen oder KPIs sind besonders relevant?
Ergün: Erfolg messen wir sehr konkret – anhand klar definierter KPIs.
Dazu zählen unter anderem Termintreue von Lieferungen, Auslastung von Flächen und Ressourcen, Reduktion von Wartezeiten, Anzahl der Schnittstellenkonflikte sowie Sicherheitskennzahlen. Zunehmend gewinnen auch Nachhaltigkeitsindikatoren wie CO₂-Emissionen oder Transporteffizienz an Bedeutung.
Am Ende zählt für uns: Läuft die Baustelle stabil, effizient und planbar.
BGW: Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle. Wie integrieren Sie ressourcenschonende Transport- und Lagerprozesse in die Baustellenlogistik?
Ergün: Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil unserer Logistikstrategie – und geht für uns deutlich über einzelne Maßnahmen hinaus.
Wir verstehen Baulogistik als integriertes System: Als zentraler Dienstleister bündeln wir Leistungen wie Entladung, Materialverbringung und Entsorgung und steuern diese ganzheitlich. Dadurch schaffen wir die Voraussetzung für effiziente, ressourcenschonende Abläufe entlang der gesamten Baustelle.
Entscheidend ist dabei die Transparenz über alle Material- und Transportströme. Nur so lassen sich Prozesse gezielt optimieren und ökologische sowie wirtschaftliche Ziele miteinander in Einklang bringen.
Unser Anspruch ist es, Nachhaltigkeit nicht isoliert zu betrachten, sondern fest in Planung, Steuerung und Umsetzung der Baulogistik zu verankern.
BGW: Welche Maßnahmen helfen, Leerfahrten zu vermeiden, Baustoffe effizient zu recyceln oder CO₂-Emissionen zu reduzieren?
Ergün: Konkrete Wirkung erzielen wir vor allem durch eine intelligente Steuerung der Prozesse.
Durch die Bündelung von Transporten und die zentrale Koordination von Entladung und Materialverbringung reduzieren wir Leerfahrten und verbessern die Auslastung von Fahrzeugen und Ressourcen deutlich.
Ein weiterer zentraler Hebel liegt in der strukturierten Organisation der Entsorgung. Durch klare Prozesse und konsequente Steuerung erreichen wir hohe Quoten bei der sortenreinen Trennung von Baustoffen – eine wesentliche Voraussetzung für effizientes Recycling.
In Summe führen diese Maßnahmen zu spürbar geringeren Transportaufkommen und damit auch zu einer messbaren Reduktion von CO₂-Emissionen auf der Baustelle.
BGW: Wie sorgen Sie für eine transparente Kommunikation zwischen Lieferanten, Subunternehmern, Bauleitung und eigenen Teams?
Ergün: Transparenz entsteht durch klare Strukturen und digitale Unterstützung.
Wir arbeiten mit zentralen Plattformen, auf denen alle Beteiligten Zugriff auf relevante Informationen haben – von Lieferzeiten bis zu Flächenbelegungen. Ergänzt wird das durch klare Kommunikationswege und definierte Verantwortlichkeiten.
So stellen wir sicher, dass alle am selben Informationsstand arbeiten.
BGW: Welche Best Practices haben Sie entwickelt, um Konflikte zwischen Gewerken oder Lieferverzögerungen zu minimieren?
Ergün: Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die frühzeitige Abstimmung.
Wir setzen auf detaillierte Baulogistikkonzepte, klare Regelwerke – etwa in Form von Logistikhandbüchern – und eine kontinuierliche Steuerung während der Bauphase.
Darüber hinaus hilft ein aktives Ordnungsmanagement, etwa nach dem 5S-Prinzip, um Struktur und Effizienz auf der Baustelle dauerhaft sicherzustellen.
BGW: Wie wird sich die Baulogistik in den nächsten fünf Jahren verändern – welche Trends oder Technologien sehen Sie als Gamechanger?
Ergün: Die Baulogistik wird deutlich digitaler, vernetzter und datengetriebener.
Themen wie KI, Baurobotik und automatisierte Prozesse werden an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit noch stärker in den Fokus rücken.
Wir sind überzeugt: Die Baustelle der Zukunft ist ein hochgradig vernetztes System, in dem Logistik eine zentrale Steuerungsfunktion übernimmt.
BGW: Welche Rolle werden digitale Plattformen, Vernetzung und Predictive Analytics in Ihrer Logistikstrategie zukünftig spielen?
Ergün: Eine sehr zentrale. Digitale Plattformen werden zur Grundlage der Zusammenarbeit, während Predictive Analytics hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen und Prozesse proaktiv zu steuern. Das Ziel ist eine Logistik, die nicht nur reagiert, sondern vorausdenkt.
BGW: Wenn Sie eine Sache in der Baulogistik sofort verbessern könnten – was wäre das und warum?
Ergün: Die durchgängige Digitalisierung und Standardisierung über alle Projektbeteiligten hinweg. Noch arbeiten viele Systeme nebeneinander statt miteinander. Eine einheitliche, vernetzte Datenbasis würde enorme Effizienzpotenziale heben, Schnittstellen reduzieren und die Zusammenarbeit deutlich vereinfachen. Das wäre ein echter Gamechanger für die gesamte Branche.
Vielen Dank für das Gespräch!












