Belichtung
Vierseithof mit Firstverglasung
Das Künstlerpaar Cordula Utermöhlen und Roland Dierenberger hat mit der Revitalisierung eines ehemaligen Vierseithofs in Roßfeld nicht nur ein einzigartiges Wohnhaus geschaffen, sondern zugleich eine Begegnungsstätte für Kultur-interessierte. Nachdem sich das Paar bereits fast 40 andere Objekte angeschaut hatte, war es bei diesem Gehöft "Liebe auf den ersten Blick". Rund um den großen Innenhof wurde den Gebäuden mit Respekt vor ihrer Historie behutsam neues Leben eingehaucht. Der Bayerische Rundfunk stellte das Sanierungs- und Modernisierungsprojekt am 28. Oktober 2024 im Rahmen seiner Serie "Traumhäuser" unter dem Titel "Ein Vierseithof wird Kreativquartier" vor.
Raus aufs Land
Landwirtschaft wird auf dem 1864 gegründeten Vierseithof im oberfränkischen Bad Rodach-Roßfeld bereits seit den 1950er-Jahren nicht mehr betrieben. Stattdessen wird dort nun der Austausch über Kunst und Literatur kultiviert: Cordula Utermöhlen und Roland Dierenberger beschlossen zu Beginn der Corona-Pandemie, München den Rücken zu kehren, um sich in einem neuen, größeren Domizil freier entfalten zu können. Nachdem die Malerin und der Schriftsteller sich Objekte in ganz Bayern angeschaut hatten, fiel die Entscheidung für den Vierseithof bereits beim ersten Betreten des Geländes. "Wir sind hier die Einfahrt hochgefahren und wussten gleich: Hier sind wir zu Hause", erinnert sich Roland Dierenberger. Viel Platz zur Selbstverwirklichung, das Landleben und die Möglichkeit, eine Begegnungsstätte für Kulturinteressierte verschiedenster Sparten zu schaffen – all dies fanden sie hier inmitten des kleinen Dorfes Roßfeld vor.
Vom Hof zum Kulturtreffpunkt
Das Ensemble in der Nähe zum ehemaligen Zonenrandgebiet an der Grenze Bayerns zu Thüringen war zum Kaufzeitpunkt stark renovierungsbedürftig und hatte vor seiner letzten Leerstandsphase als Jagdsitz gedient. Zwei Scheunen, ein Stall und ein mittlerweile als Ferienwohnung genutztes Wohnhaus bilden zusammen den Vierseithof, für den eine landwirtschaftliche Nutzung rund ums Dorf herum typisch ist.
Cordula Utermöhlen und Roland Dierenberger sahen darin weit mehr als nur ihren individuell gestalteten Alterswohnsitz und investierten neben dem Erlös aus dem Verkauf ihres Münchener Hauses auch viel Eigenleistung in die behutsame Revitalisierung des alten Hofs. 2023 waren die wesentlichen Sanierungs- und Renovierungsarbeiten so weit abgeschlossen, dass sie selbst einziehen und ihre ersten Kunstveranstaltungen organisieren konnten. Regelmäßig verwandelt sich neben den Ausstellungsräumen in einer ehemaligen Scheune auch der Innenhof in eine Galerie. Das "Fledermauskino" lockt in den Sommermonaten cineastisch Interessierte aus dem Dorf, der Region oder sogar über die Region hinaus unter die Arkade des in seiner Grundsubstanz originalen Vierseithofs. Die Besitzer nennen ihn inzwischen "Birnenhof" – nach den alten Obstbäumen, die die historischen Gebäude nach wie vor säumen.
"Außerdem haben wir in einem früheren, mit Schiefer bekleideten Wohnhaus, in dem wir übergangsweise selbst gewohnt haben, eine Ferienwohnung eingerichtet. Sie besteht aus drei Schlafzimmern, Küche und Bad, sodass hier bis zu sechs Personen zu den Veranstaltungen oder einfach als Feriengäste jederzeit übernachten können", sagt Cordula Utermöhlen. Ein weiteres Fachwerkhaus, angrenzend an das Wohnhaus mit der Ferienwohnung, wurde 1719 erstmals urkundlich erwähnt und dürfte damit deutlich älter sein als der Rest des Hofs.
» Wohnstall « mit Firstverglasung
Architektonisch noch spannender ist der ehemalige Kuhstall, der um 1900 erbaut und nunmehr zum "Wohnstall" umfunktio- niert wurde. Verglichen mit den anderen Bestandsgebäuden wurde hier stärker in die Bausubstanz eingegriffen – zugunsten der Wohnlichkeit wie auch der Energieeffizienz. Um hier eine besondere Atmosphäre zu schaffen, bedurfte es vorab größerer Umbauarbeiten, nicht zuletzt in Bezug auf den Tageslichteinfall. "Der erste Eindruck im Inneren des Stalls war von Dunkelheit geprägt. Aber unsere Architektin Andrea Engelbrecht sah das Potenzial und empfahl uns, die Decke, zu entfernen. Wir ließen lediglich den Dachstuhl und die Tragbalken des Obergeschosses stehen. Nach dem Sandstrahlen aller Balken hatten wir die Gewissheit, dass sie immer noch tragfähig waren, und so konnten alle originalen Balken erhalten bleiben." So entstand ein großer offener Raum mit Sicht vom Erdgeschoss durch die Balken der Decke des Obergeschosses bis in den Dachstuhl.
An den beiden Stirnseiten des Dachgeschosses blieben die darunter liegenden Gewölbedecken erhalten, um dort die Schlafzimmer unterzubringen – verbunden über einen Holzsteg mit absturzsicherem Geländer im Industriedesign. Schwindelfrei zu sein, ist hier von Vorteil, denn links und rechts des Steges schaut das Paar hinunter ins Wohnzimmer. Doch immerhin ist der Steg tagsüber allein schon wegen der genau darüber platzierten Dachverglasung gut beleuchtet.
Die großen Räume im Erdgeschoss waren jedoch nach dem Entfernen des Bodens immer noch recht dunkel, und der im Vorfeld berechnete Sonnenverlauf ließ auch noch kein Licht am Ende des Tunnels erkennen. "Die Lösung bestand in einer Firstverglasung in der Mitte des Wohnstalls", sagt Cordula Utermöhlen. Hierbei half die Erfahrung des Architekturbüros Engelbrecht aus Triftern. Andrea Engelbrecht kannte bereits aus anderen Projekten die Verglasungen des Bielefelder Unternehmens Glasolux und empfahl ein Überfirst-System mit einer Länge von gut fünf Metern. So gelangt heute viel Tageslicht aus der Mitte des Dachs durch die Dachbalken ins Wohnzimmer. Highlight des neuen Wohnzimmers ist ein stylisher Grundofen im Erdgeschoss, der mit dem Aufgang ins Dachgeschoss verschmilzt und dem Raum nicht nur viel Wärme im technischen Sinn, sondern auch Behaglichkeit verleiht.
Wohnqualität trifft Energieeffizienz
Die Firstverglasung nimmt die Dachneigung von 35 Grad auf und ist 1,8 m hoch. Zu beiden Seiten sind jeweils fünf dreifach verglaste Module integriert. Zwei Module lassen sich elektronisch gesteuert öffnen. Die Aluminiumprofile in der Farbe RAL 7016 harmonieren optisch mit dem Stahlgeländer des Stegs. Im Frühjahr 2023 wurde die Firstverglasung von Glasolux komplett vorgefertigt geliefert und vor Ort montiert.
Die Bayerische Architektenkammer zeichnete die Revitalisierung des Vierseithofs 2024 im Rahmen der Initiative "Klima KulturKompetenz" im Bereich Energieeffizienz und Baukultur aus. Darüber hinaus prämierte auch die Initiative Rodachtal die "vorbildliche Sanierung historischer Gebäude" im September 2024. Für das gesamte Revitalisierungsprojekt gilt: "Altes und Authentisches behutsam in das neue Nutzungskonzept integrieren. So haben wir das Fachwerk und die Schieferbekleidung eines Gebäudeteils erhalten, haben neue Fenster in Anlehnung an die vorhandenen alten Fenster eingebaut und an der Außenhaut der Gebäude ansonsten wenig verändert. Unsere Nachbarn sagen, dass sich äußerlich am Vierseithof nichts geändert hat, was sie sehr begrüßen. Und wenn sie uns besuchen, honorieren sie, dass der historische Hof vor dem Verfall gerettet wurde", freut sich Cordula Utermöhlen.











