zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Bauen im Bestand bei Denkmalschutz

Melanie Steinbeck,

Vom historischen Hof zu hochwertigen Wohnungen

Im kleinen Straußdorf bei Grafing, mit Blick auf den Kirchturm, erhebt sich der Huberhof – ein klassischer, denkmalgeschützter bayerischer Einfirsthof aus dem Jahr 1830. Die Dreiteilung in Kopfteil mit Wohnbereich, Stall und Tenne ist typisch für die Höfe dieser Zeit. Fast 200 Jahre Geschichte trägt der denkmalgeschützte Hof in seinen Mauern.

Bauherr Benno Stadler auf seiner Baustelle © Melanie Steinbeck

Hier, zwischen historischen Holzbalken und altem Sandstein, verbringt Bauherr Benno Stadler jede freie Minute auf seiner Baustelle. Viele Bauarbeiten macht der gelernte Schreiner selbst. „Schon aus Kostengründen. Das wäre sonst alles gar nicht machbar“, erklärt Benno Stadler. „Nachts erledige ich den Papierkram." Davon gibt es eine ganze Menge - nicht nur, weil es viele Auflagen bezüglich des Denkmalschutzes zu berücksichtigen gilt.

Alte Mauern, neue Ideen

Der Hof ist seit vielen Generationen im Familienbesitz und weit mehr als nur ein Bauprojekt für die Stadlers. Mit Stolz, aber auch mit leichter Ungeduld schaut der Bauherr auf die oft nur kleinen Fortschritte auf der Baustelle.

Innenansicht der Baustelle des denkmalgeschützten Gebäudes © Melanie Steinbeck

„Man darf halt nicht einfach losbauen, sobald man eine Idee hat. Alles muss vorab wegen des Denkmalschutzes abgestimmt werden“, erklärt Benno Stadler mit einem Lächeln im Gesicht. „Es soll ein Gebäude entstehen, das die Geschichte des Hofes bewahrt und gleichzeitig den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht wird." Das erwartet die Baubehörde und das möchte auch der Bauherr umsetzen.

Anzeige

Sanieren unter Denkmalschutz: Ein Geduldsspiel

Seit der ersten Idee, den Hof zu sanieren, sind mittlerweile über vier Jahre vergangen. Vier Jahre, in denen sich die Stadlers mit Denkmalschutzvorgaben und Plänen beschäftigen mussten – Jahre, in denen jede Idee diskutiert wurde und erst einmal nichts weiterging. „Es war ein langer Weg, bis wir überhaupt anfangen durften", erzählt Benno Stadler. „Es gab so viel zu beachten und vieles musste zunächst organisiert werden. Die Genehmigungsverfahren für die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes benötigen einfach Zeit und viel Geduld."

Baustelle des denkmalgeschützten Hofes: Die Fassade wird nach historischem Vorbild saniert. © Melanie Steinbeck

Der Bauherr ist verpflichtet, das historische Gesamtbild des Baudenkmals zu bewahren. Es genügt nicht, dass alles wie früher aussieht. Die verwendeten Materialien, Farben und Bautechniken müssen passen. Darüber hinaus haben die Denkmalbehörden die Möglichkeit, die Nutzung eines denkmalgeschützten Hauses vorzuschreiben.

Mit fachkundiger Unterstützung den Denkmalschutz meistern

Die Stadlers benötigten Unterstützung und beauftragten FINAL, ein Büro für Architektur und Stadtplanung. Die Architektinnen sind erfahren im Bereich Bauen im Bestand und verfügen über das nötige Wissen, um die Anforderungen des Denkmalschutzes mit den Wünschen der Bauherrschaft in Einklang zu bringen.

Architektin Kristiane Floros ist eine der Gründerinnen von FINAL, einem Büro für Architektur und Stadtplanung in München. Die Architektinnen haben sich auf das Bauen im Bestand spezialisiert. © Johannes Seyerlein

In Deutschland existieren keine einheitlichen Regelungen für den Denkmalschutz. Jedes Bundesland habe sein eigenes Denkmalschutzgesetz und unterschiedliche Vorschriften für bauliche Veränderungen. Zuständig seien die jeweiligen Landesämter für Denkmalpflege. Die "Denkmalschutz-Behörden" erteilen Auflagen für Baumaßnahmen, die Aus- und Umbauten, Renovierungen und Sanierungen umfassen. Die Architektinnen übernahmen die Genehmigungsplanung und stellten sicher, dass die Wünsche der Familie im Einklang mit den Anforderungen des Denkmalschutzes umgesetzt werden durften.

Schicht für Schicht: Restaurierung der historischen Fassade

Die Bauphase konnte beginnen: Die Stadlers legten nun Stück für Stück die Geschichte des denkmalgeschützten Hofes frei. Ein Expertenteam musste dafür intensiv zusammenarbeiten. Parallel zum Statiker untersuchte eine Restauratorin die Fassade. Mit Skalpell und Lupe nahm sie Schicht für Schicht ab, legte Putz, Malschichten und die zugemauerten Fenster frei. Ihre Arbeit diente vor allem der Befundsicherung. Das war wichtig für die Denkmalschutz-Behörde.

Denkmalschutz: Herausforderung und Chance

Ein großes Dreifach-Fenster aus den Siebzigerjahren des vorherigen Jahrhunderts wurde zurückgebaut, damit die Fensterfronten der Westansicht gleichmäßig auf die Mauerfläche verteilt sind – so wie es früher war. Die historische Fassade konnte auf diese Weise möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden. Auch das große Scheunentor, das im unteren Bereich zugemauert war, wurde wieder eröffnet. Es bringt viel Licht ins Innere und prägt die Gebäudeansicht der Westseite.

Das zugemauerte Scheunentor wurde wieder geöffnet und in den ursprünglichen Zustand zurückgebaut. © Melanie Steinbeck

„Es ist uns wichtig, dass der Charakter des Hofes erhalten bleibt", sagt Benno Stadler, während er durch die Räume führt, die gerade renoviert werden. „An manchen Stellen hätten wir aber gerne auch ein paar moderne Elemente im Innenbereich gehabt." Aber auch hier gilt: „Alles muss abgestimmt und genehmigt werden und nicht jede gute Idee ist später auch realisierbar." Benno Stadler geht durch die Räume, die gerade nach altem Vorbild renoviert werden. Sein prüfender Blick streift über das alte Gemäuer, seine Hand berührt den warmweißen Kalkputz, der den Wänden einen natürliche Note verleiht.

Wärme von oben: Deckenheizung im historischen Hof

Bereits der leere, noch unfertige Raum strahlt durch die natürlichen Materialien eine gewisse Gemütlichkeit aus. Für ein gutes Wohngefühl hatten die Stadlers eine weitere Idee: Eine Deckenheizung wird den zukünftigen Bewohnern angenehme Wärme schenken.

Im inneren der Baustelle werden die Räume mit natürlichen Materialien saniert. Der warmweiße Kalkputz ist sowohl unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit als auch für das Wohnklima sinnvoll. © Melanie Steinbeck

„Die Massivholz-Dielen würden bei einer Fußbodenheizung zu viel Wärme dämmen", erklärt der Bauherr. „Durch die Deckenheizung bekommen wir ein angenehmes Wohngefühl und die Lösung ist auch für niedrige Deckenhöhen geeignet, wie wir sie in diesem Bereich haben. “

Denkmalschutz: Bauen zwischen Tradition und Moderne

Die denkmalgeschützte Fassade wurde durch ein "Haus im Haus" erhalten. Dadurch entsteht ein Laubengang zwischen Alt- und Neubau. © Melanie Steinbeck

Eine besondere Herausforderung war es, das Bundwerk auf der West- und Ostseite zu erhalten. Das erfordert der Denkmalschutz. Das Architekturbüro plante den Bau auf eine besondere Art: „Wir haben ein Haus im Haus vorgeschlagen, das alle Anforderungen an einen modernen Neubau erfüllt", erklärt die Architektin und Stadtplanerin Kristiane Floros. Zurückgesetzt von der denkmalgeschützten Fassade wurde ein neues Gebäude im Gebäude errichtet. Durch diese besondere Art des Bauens ist ein kleiner Laubengang entstanden.

„Hier werden die zukünftigen Bewohner gemütlich und geschützt draußen sitzen können“, erklärt die Architektin. „Die denkmalgeschützte Fassade bleibt dadurch von außen erhalten." Das bringt allerdings eine weitere Herausforderung mit sich: Es soll genug Licht in den Wohnungen geben. Aber auch dafür gab es eine sinnvolle Lösung. Von der Bundwerkfassade werden einzelne Bretter herausgenommen. So kommt die traditionelle Fassade von außen gut zur Geltung. Trotzdem fällt genug Licht in die Wohnungen und der Wohnkomfort nimmt keinen Schaden.

Förderung und Finanzplanung: Denkmalschutz als Kostenfaktor

Der Denkmalschutz bringt nicht nur Auflagen mit sich. Für die Sanierung des denkmalgeschützten Hofes können die Stadlers mit einer Förderung rechnen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt Eigentümer von Denkmalimmobilien mit zinsgünstigen Darlehen und Zuschüssen, um Renovierungen wirtschaftlich tragbar zu machen. Das hilft, die teuren Anforderungen im Bereich des Denkmalschutzes umzusetzen. Ohne die Förderung wäre die Sanierung des denkmalgeschützten Hofes nur schwer stemmbar.

Die KfW fördert zurzeit unter anderem die Sanierung zum Effizienzhaus Denkmal. Voraussetzung für diese Förderung ist, dass die Immobilie bestimmte energetische Standards erfüllt, die auf die Bausubstanz angepasst sind. Bis zu 150.000 Euro zinsgünstiges Darlehen pro Wohneinheit sowie ein Tilgungszuschuss von fünf Prozent sind dabei möglich.

„Eigentümer:innen von denkmalgeschützten Immobilien können außerdem steuerliche Vergünstigungen in Anspruch nehmen, um den Erhalt und den Schutz der denkmalgeschützten Gebäude zu fördern", erklärt die Architektin und Stadtplanerin  Kristiane Floros. „Hier sind Förderungen für Bestandsanalysen und denkmalpflegerische Voruntersuchungen möglich. Bei erfolgreicher Sanierung kann der sogenannte denkmalpflegerische Mehraufwand als Abschreibung (AfA) geltend gemacht werden. Bei besonders erhaltenswerten Denkmälern ist sogar eine Förderung über die Stiftung Denkmalschutz möglich." Somit könne sich die Sanierung eines denkmalgeschützten Hauses sogar finanziell lohnen.

Vom historischen Hof zu hochwertigen Wohnungen

Die finanziellen Anreize machen es nicht nur möglich, denkmalgeschützte Immobilien zu erhalten, sondern eröffnen auch neue Perspektiven, um Wohnraum zu schaffen. „Im ländlichen Raum sind Wohnungen oft Mangelware. Ältere Leute wohnen entweder allein in zu großen Häusern oder müssen Ihre gewohnten Umgebung verlassen", so Floros. „Wir haben hier intelligente Grundrisse entworfen, die kleine praktische Einheiten, mit jeweils ein oder zwei Schlafzimmern, mit einem grosszügigen Wohn- und Essbereich kombinieren. Der Entwurf der Wohnungen kam von uns und wurde lange mit dem Denkmalamt diskutiert."

Die Frage: Wie viel Nutzfläche verträgt ein Denkmal? „In langen Gesprächen sind wir uns mit dem Amt einig geworden. Der Ausbau ist nun sehr umfangreich in der Fläche, aber wir erfüllen die Anforderungen des Denkmalschutzes. Die Denkmalschutz-Behörde hat unseren Entwürfen zugestimmt, weil auf diese Weise hochwertiges Wohnen mit Geschichte für viele Menschen möglich wird."

Die westliche Fassade des denkmalgeschützten Hofes mit Bundwerkfassade und wiedereröffnetem Scheunentor © Melanie Steinbeck

Fünf hochwertige Wohnungen werden in dem alten Hof entstehen. Der Bau wird voraussichtlich zum Ende des Jahres bezugsfertig sein. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun, aber der Fortschritt auf der Baustelle wird mit jedem Tag sichtbarer.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren