Prefa

Alexandra Bendel-Döll,

Schindeldach - Leben im Einklang mit der Natur

Das Einfamilienhaus "Toue Cabanée" in Le Cellier bei Nantes/Frankreich ist ein experimenteller Holzbau mit Weidenfassade und einer nussbraunen Schindeldeckung aus Aluminium.

Das Einfamilienhaus "Toue Cabanée" in Le Cellier bei Nantes/Frankreich © Prefa /Croce & WIR

Die Architekten François Massin Castan und Clémence Mansons arbeiten gemeinsam mit Vincent Laizet als L’Atelier du Ralliement an bis dato experimentellen Holzbauprojekten. In Le Cellier bauten Massin Castan und Clémence Mansons ihr eigenes Haus, als Rückzugsort etwas abseits der Großstadt Nantes. Aus eher ungünstig erscheinenden Rahmenbedingungen formten sie ein Gebäude, das wahrlich nicht vermuten lässt, dass es die Summe vieler Einschränkungen ist.

Trotz verzwickter Ausgangslage

Ein großes Dachfenster erstreckt sich mit seinen sechs Elementen über die gesamte Hausbreite und holt damit sehr viel Licht ins Dachgeschoss © Prefa /Croce & WIR

Die jungen Bauherren und Architekten hatten sich mit einem Grundstück anzufreunden, dessen wesentlicher Bestandteil eine steile und vermooste Felswand ist. Es liegt direkt an einem Park-and-Ride-Parkplatz der regionalen S-Bahnstrecke. Den Blicken der Pendler ist man damit täglich ausgesetzt. Zudem ist zwar die Loire in der Nähe, aber vom Grund aus leider nicht zu sehen. Weiterhin stand auf dem Grundstück ein kleines Haus, eine Art gemauerte Datscha mit verrostetem Gewächshaus. Ein vollständiger Abriss kam nicht infrage, da man damit das Baurecht verloren hätte. Die Bauherren mussten also revitalisieren und sich an die Grundfläche des Bestandsbaus halten.

Einfache Grundstruktur

Die Fassaden des Hauses sind mit Weidenmatten aus dem Baumarkt bekleidet, die den Flächen Tiefe geben und die Hauskanten weich erscheinen lassen © Prefa /Croce & WIR

Für das Erdgeschoss ließen die Architekten die Mauern des ehemaligen Gartenhauses stehen, dämmten sie außen und nutzten innen die vorhandenen Anschlüsse für die Wasserversorgung von Küche und Bad. Holzstützen, die innen vor die Mauern gestellt wurden, tragen die beiden oberen Geschosse, die jeweils um mehr als 25 cm kaskadenartig aus dem darunterliegenden Geschoss herausragen. In Holzständerbauweise ausgeführt, sind die oberen Außenwände mit Holzwolle ausgefacht und gedämmt. Auch der Dachstuhl ist in Holz ausgeführt. Die oberen zwei Geschosse sind Wohn- und Schlafraum – Räume, deren Atmosphäre von Zurückhaltung und von den Mustern der mit Seekieferplatten beplankten Innenwände geprägt ist. Ein offenes Treppenhaus, dessen diagonale und horizontale Holzträger statische Funktionen übernehmen, verbindet alle drei Ebenen zu einem durchgehenden Raumkontinuum. Nur die "Wasserstellen", ein Badezimmer und ein WC im Erdgeschoss, lassen sich per Vorhang abtrennen.

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Im Erdgeschoss blieben die Mauern des alten Gartenhauses stehen © Prefa /Croce & WIR

Präzise geplante Ausblicke

Die Fenster des Hauses wurden mit maximaler Präzision gesetzt. Sie machen deutlich, wie gut die Architekten die Umgebung verstanden und wie klar sie mit ihrem Entwurf darauf reagiert haben. Es sind die gezielten Blicke in die Natur, die deren Schönheiten festhalten und in den Alltag der Bewohner mischen. In der Küche im Erdgeschoss rahmt ein großes quadratisches Fenster den Blick auf die weniger als einen Meter entfernte, mit Flechten und Moosen bewachsene Felswand – wie ein sich subtil veränderndes Gemälde. Zum Park-and Ride-Parkplatz zeigt sich das Haus geschlossen, gibt wenig von seinem Innenleben preis, sodass man in den Innenräumen seine Existenz getrost vergessen kann. Schaut man von außen auf die Giebelseiten, scheint das mittlere Stockwerk aufgrund seiner großen, bodengleichen Glasscheiben kaum zu existieren. Hier gehen Innenraum und Außenraum ineinander über. Und letztlich ist da noch das Dachfenster, das über die gesamte Hausbreite viel Licht in die Innenräume holt, mit der Chance, doch noch die Laubkronen der Bäume, die die Loire säumen, zu sehen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit führen die Ausblicke Bewohner und Besucher durch das Haus: Da ist kein Fenster zu wenig und keines zu viel.

Umweltfreundliche Verpackung

Per Kran wurden die einzelnen Wandelemente zum Einbauort gehoben © Prefa /Croce & WIR

Einfache und regenerative Materialien – Naturbaustoffe – prägen die Architektur des Toue Cabanée. Seine Fassaden sind mit Weidenmatten bekleidet, die, über einer schwarze Dichtfolie montiert, den Flächen Tiefe geben und die Hauskanten weich erscheinen lassen. Es ist ein Material aus dem Baumarkt – so gewöhnlich wie spannend und experimentell, wenn anders als üblich verwendet. Seine Vorteile: kostengünstig, leicht ersetz- und reparierbar und ökologisch unbedenklich. Und es überzeugt auch in seiner natürlichen optischen Wirkung.

Nussbraune Alu-Schindeln

Die nussbraunen Dachschindeln aus Aluminium sind angenehm schlicht, robust und langlebig © Prefa /Croce & WIR

Mit den nussbraunen Dachschindeln von Prefa in der Oberfläche P.10, die sich wie die Weidenfassaden farblich mit der Umgebung "verbünden", sind die unterschiedlich geneigten Flächen des Satteldachs gedeckt. Zudem sind die Schindeln – ganz pragmatisch gesehen – robust und langlebig. Das Dach ist so normal, dass das schlanke Edelstahlrohr eines Kaminofens als elegantes Gestaltungselement auf der felszugewandten Rückseite des Hauses Furore macht.

Wildromantische Vorbilder

Die Toues Cabanées sind ursprünglich Plattbodenboote aus Holz, die einst von Flussfischern auf der Loire gefahren wurden. Der Name, den die Architekten ihrem Haus gaben, bedeutet also "Hausboot" oder auch etwas freier übersetzt "schwimmende Hütte", und lässt an Henry David Thoreaus Hütte in "Walden", Wittgensteins Blockhaus in Norwegen am Fjord oder auch an Le Corbusiers "Le Cabanon" in Roquebrune-Cap-Martin denken. Hinter allen Namen stecken Bauten, die ohne großen technischen Aufwand, mit einem geringen Budget und meist von ihren Nutzern selbst entworfen und auf einfache Art und Weise gebaut wurden. Aber das Toue Cabanée von L’Atelier du Ralliement ist wohnlicher und räumlich spannender als seine berühmten Vorbilder – vergleichbar eher mit Roland Rainers Sommerhaus oder mit japanischer Holzbauarchitektur. Es steht zu seinem schmucklosen, materialgeprägten Erscheinungsbild. Diese in sich ruhende Ausstrahlung verbindet das Haus mit der durch Bäume und Felsen geprägten Umgebung. Es könnte natürlich gewachsen oder schon immer dort gestanden sein, so selbstverständlich passt es in Farbe, Material und Form hierher.

Ein ganz persönliches Projekt

Experimentieren, reparieren, engagieren: drei Aspekte, die perfekt auf Philippe Iacono di Cacito zutreffen. Er schöpft aus für die Dachdeckerei eher ungewöhnlichen Lebenserfahrungen. Früher züchtete er Austern und Shrimps in Aquakulturen, bevor er um der Liebe willen aus Frankreichs Süden an die nordwestliche Küste zog. Begeistert für das Projekt in Le Cellier haben ihn die Architekten François Massin Castan und Clémence Mansons. "Vor fünf Jahren habe ich einfach zu François gesagt, dass ich alle seine Projekte für ihn mache, wenn er will." Bei Philippe Iacono di Cacito, mit seiner Firma ID Couverture Dachdecker des experimentellen Einfamilienhauses von L’Atelier du Ralliement, fallen nicht nur die Hosenträger direkt ins Auge. Seine Fachkompetenz hat er schon des Öfteren unter Beweis gestellt. Auch die Zusammenarbeit mit ihm scheint bereichernd zu sein.

Asymmetrische Dachflächen

Iacono di Cacito ist bisher eher einen untypischen Weg in seinem Handwerk gegangen. Er ist ein Tüftler, denkt dabei aber auch wirtschaftlich. Die Logistik seiner Firma hat er auf ein Minimum optimiert, obwohl er auftragsmäßig ausgelastet ist. Er kann auch direkt sagen, was noch in den regulären Arbeitsabläufen – Stichwort Materialverpackung – aus der Perspektive einer kleinen Firma zu verbessern wäre. Er brauche auch kein Werbebudget oder Ähnliches, erzählt er. Man empfiehlt ihn weiter und er hält Kontakt zu den Architekten, mit denen er schon erfolgreich zusammengearbeitet hat. "Als Selbstständiger wird man einfach anders wahrgenommen, denkt die Projekte gemeinsam mit den Auftraggebern durch. Mir ist der persönliche Bezug zu den Projekten wichtig", ergänzt er.

Für das nussbraune Dach in Le Cellier hat er sich von Anfang an begeistert. Immerhin ist das gesamte Haus ein Experiment, das mehr als andere Projekte auf das handwerkliche Verständnis seiner Erbauer setzt. Ungewöhnlich ist die Asymmetrie der beiden Dachflächen und eine Herausforderung lag in dem langgestreckten Fenster, das fast über die gesamte Dachbreite die Schindeloberfläche unterbricht. Rund 200 kg Schindeln liegen heute auf dem Dach.

Individuelle Details

Ein offenes Treppenhaus, dessen diagonale und horizontale Holzträger statische Funktionen übernehmen, verbindet alle drei Ebenen des Hauses © Prefa /Croce & WIR

Zudem kann man auf einen experimentellen Holzbau einfach kein Standarddach aufsetzen. Die Anschlüsse musste Iacono di Cacito also allesamt im Detail ausarbeiten. Das lief im engen Dialog mit François Massin Castan und Clémence Mansons. Die Architekten bestanden beispielsweise darauf, dass die Entwässerung aus optischen Gründen auf der Rückseite des Hauses über eine Regenrinne und auf der weithin sichtbaren Vorderseite ohne Rinne organisiert wird. Auch das mag zwar ein wenig ungewöhnlich sein, aber mit der zurückspringenden Fassade ist es letzten Endes unbedenklich; und es ist natürlich auch eine spannende Low-Budget-Lösung, die zudem auch noch einen ästhetischen Mehrwert für die Fassade bringt.

Elegant ist der schmale Dachüberstand auf den Giebelseiten ausgeführt. Er ist vor allem ein notwendiger Wetterschutz für die natürlichen Weidenfassaden, aber auch ein Hinweis darauf, dass man sich im handwerklichen Sinne hier nicht zu reduziert geben wollte.

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