Mehrgeschossiger Holzbau
Bürogebäude: Grand Central Wien
Die Endstation Bahnhof Wien Floridsdorf ist stark frequentiert, bedeutend und zugleich eine schall- und schwingungstechnische Herausforderung für das Grand Central Wien. Aufgrund der innerstädtischen Lage musste der Neubau so zügig wie möglich realisiert werden. Im Vordergrund stand daher eine Bauweise mit maximalem Vorfertigungsgrad: Fertigteilstützen aus Stahlbeton, eine Fassade aus vorgefertigten Brettsperrholzwänden und eine Holz-Beton-Verbunddecke (HBV). Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt über je zwei Stahlbetonkerne je Bauteil.
HBV-Decke
Zur Auswahl der optimalen Deckenkonstruktion wurden im Vorfeld verschiedene Varianten untersucht. Als beste Lösung erwies sich eine Holz-Beton-Verbunddecke (HBV-Decke) mit reduzierter Betonschicht, wobei der Querschnitt der Decke und daraus resultierend auch das Gewicht minimiert wurde. Das gewählte System sichert ebene Deckenuntersichten, mehr Raumhöhe und eine einfache Installation der technischen Gebäudeausrüstung. Als deckengleiche Unterzüge dienen dabei patentierte Pfeifer-Hybridbeam-Träger. Diese vorgefertigten Stahlbetonverbundträger wurden vor Ort mit den Stützen verschraubt und die Brettsperrholzplatten eingelegt, bevor betoniert wurde. Da die Bewehrung der Stützen an jeweils vier vorgegebenen Punkten durch die Träger geführt wird, mussten diese mit maximaler Präzision produziert und montiert werden.
Die HBV-Decken bilden schubsteife Scheiben in horizontaler Richtung und übertragen die Einwirkungen aus Wind, Schiefstellung und Erdbeben auf die vertikalen Wände. Zusätzlich tragen die als Rahmen ausgebildeten Stützen und Deckenträger zur horizontalen Aussteifung bei. „Die Baufirmen waren anfänglich skeptisch, ob diese Lösung funktioniert. Aber es hat geklappt und mithilfe der Träger konnten die Materialien Holz, Stahl und Beton sauber miteinander verbunden werden“, erklärt der verantwortliche Projektleiter seitens ATP, Architekt Siniša Macedonić: „Pro Decke haben wir dadurch eine Zeitersparnis von zwei bis drei Wochen gehabt.“
Punktuelle Lastabtragung per Rost
Auf Geländeebene bestand die Herausforderung des Bauwerks darin, die U-Bahndecke vom Holz-Hybridbau zu entkoppeln und die Lastabtragung gezielt auf einige wenige Stützen und Wände der U-Bahn-Station zu lenken. Die genauen Positionen wurden im Vorfeld durch digitales Aufmaß der U-Bahn-Tunnel ermittelt. Die Vermessung erfolgte ausschließlich nachts in den Ruhezeiten der U-Bahn zwischen 1 und 4 Uhr morgens. „Für eine gezielte Lastabtragung haben wir 15 m lange Roste konstruiert, die die Lasten aufnehmen und an den entsprechenden Punkten auf die Stützen und Seitenwände ableiten. Auf dem Rost stehen die Stützen“, informiert der verantwortliche ATP-Tragwerksplaner Wojciech Tomczak. Beim Kopfbau beträgt das Achsraster in der Regel 5,80 m, beim hinteren Bauteil 5,40 m. In der Querrichtung ist das Raster unregelmäßig: Die Spannweiten betragen hier zwischen 5,40 und 7,50 m.
Die weitere Ableitung der Horizontallasten erfolgt über die Reibung zwischen dem Beton des Rostes und dem darunter liegenden Elastomerlager, das zusätzlich den Erschütterungsschutz an den Lasteinleitungspunkt sicherstellt. Eine Folie zwischen Rost und U-Bahn-Decke trennt den unterirdischen Baukörper auch elektrisch vom oberirdischen Gebäude. Dies war notwendig, da die U-Bahn mit Gleichstrom betrieben wird, während die reguläre Stromversorgung über Wechselstrom erfolgt. Treffen beide Stromarten aufeinander, droht die Gefahr, dass Stahlbauteile wie die Bewehrung infolge von Kriechströmen korrodieren. Über die Lasteinleitungspunkte werden die horizontalen Kräfte in die Bestandsdecke eingeführt und weiter über die Außenschlitzwände in den Baugrund. Der passive Erddruck bildet eine Lastreserve. Nach Fertigstellung der Roste konnte mit dem Bau der Bodenplatte und der oberirdischen Geschosse fortgefahren werden.
Auszug aus mikado 10.2024









