125 Jahre Kalksandstein:
Mit vereinter Kraft in eine nachhaltige Zukunft
Die deutsche Kalksandsteinindustrie blickt auf 125 Jahre Verbandsgeschichte zurück – ein Jubiläum, das nicht nur ein bedeutendes historisches Ereignis markiert, sondern auch den Beginn einer neuen Wegstrecke inmitten herausfordernder Zeiten.
Während die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Baustoffe- und Bauwirtschaft nach wie vor angespannt bleiben, zeigt sich die Branche kämpferisch und entschlossen, gemeinsam die Weichen für eine zukunftsfähige Entwicklung zu stellen.
Der Wohnungsbau, jahrelang Motor der Branche, durchläuft derzeit eine beispiellose Krise. Sinkende Fertigstellungszahlen, steigende Zinsen und eine stockende Kreditvergabe haben die gesamte Wertschöpfungskette ins Wanken gebracht. Dennoch regt sich erste Hoffnung: Die Genehmigungszahlen im Wohnungsbau steigen wieder – langsam, aber kontinuierlich. Auch das Finanzierungsvolumen zeigt eine leichte Erholung. Es sind vorsichtige Signale, dass der Tiefpunkt möglicherweise durchschritten ist.
Stimmen aus der Branche
Jan Dietrich Radmacher, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Kalksandsteinindustrie e. V., formulierte auf der Mitgliederversammlung in Braunschweig eine differenzierte Analyse der Lage: „Auch wenn wir in Sachen Inflation, Zinsniveau und Kreditnachfrage erste vorsichtige Anzeichen für die dringend nötige Marktbelebung sehen, politisch bleibt riesiger Handlungsbedarf, um Wohnungsuchende, Bauwirtschaft und Baustoffindustrie vor dem Kollaps zu bewahren. Wir brauchen Entbürokratisierung, Steuererleichterungen und vor allem neues Vertrauen in die dringend notwendige und überarbeitete Förderpolitik.“
Der Optimismus, den Radmacher trotz der schwierigen Rahmenbedingungen vermittelt, speist sich aus der Hoffnung auf die Wirkung geplanter politischer Maßnahmen. Der Bau-Turbo, die EH55-Förderung zur Aktivierung des Bauüberhangs und die Förderung des sozialen Wohnungsbaus seien erste Schritte in die richtige Richtung – doch nun komme es auf die Geschwindigkeit der Umsetzung an. Es ist die Zeit, mutige Entscheidungen zu treffen, die die Bauwirtschaft langfristig stabilisieren und zugleich den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit und Effizienz einläuten.
Kontinuität im Wandel
Einen personellen Neuzugang meldet der Bundesverband ebenfalls: Karsten Mechau, Geschäftsführer der Rodgauer Baustoffwerke und der Unika Kalksandsteinwerke Südbayern, wurde in den Vorstand gewählt. Als erfahrener Bauingenieur und Branchenkenner bringt er neue Impulse in eine Organisation, die auf fundiertes Know-how und enge Zusammenarbeit setzt. Sein Vorgänger, Christian Bertmaring, hatte das Amt aus beruflichen Gründen niedergelegt und wurde für sein langjähriges Engagement gewürdigt.
Nachhaltigkeit als zentrales Ziel
Ein Meilenstein für die Kalksandsteinindustrie ist die Einführung des Nachhaltigkeitsgütesiegels, das die umweltgerechte Produktion zertifiziert. Es dokumentiert unter anderem die Einhaltung strenger Werte in Bezug auf Treibhausgasemissionen und den nicht-erneuerbaren Primärenergiebedarf. Mit bereits 20 zertifizierten Werken und zahlreichen weiteren Anträgen in Prüfung zeigt die Branche ein klares Commitment zur Transformation. Geschäftsführer Roland Meißner betont die Relevanz des Siegels:
„Aktuell haben bereits 20 Werke durch eine Ökobilanz nachgewiesen, dass sie die strengen Anforderungen des Gütesiegels erfüllen. Zahlreiche weitere Anträge sind in Prüfung. Das zeigt, wie wichtig Nachhaltigkeit für unsere Mitglieder ist. Architekten, Planer und Verarbeiter können sich darauf verlassen, dass die Anforderungen des Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG) und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) berücksichtigt werden. Bauherren und Projektentwickler können aufgrund der nachgewiesenen Nachhaltigkeitsqualitäten von staatlichen Fördermitteln profitieren.“
Mit dem Gütesiegel positioniert sich Kalksandstein als verlässlicher Baustoff für eine klimabewusste Bauweise – sowohl für private wie auch öffentliche Auftraggeber, die verstärkt auf zertifizierte Nachhaltigkeit setzen.
Forschung für eine klimaneutrale Zukunft
Zukunftssicherung bedeutet für die Branche vor allem eines: Forschung. Bereits seit Jahrzehnten betreibt die Kalksandsteinindustrie gemeinschaftliche, vorwettbewerbliche Forschung – ein Modell, das sich bewährt hat. Im Zentrum stehen aktuell Projekte zur Reduktion der Kalkdosis, zu verbesserten Rezepturen und zur Digitalisierung der Herstellungsprozesse. Besonders die Integration Künstlicher Intelligenz in der Produktion zeigt, wie technologieoffen und zukunftsgewandt die Industrie agiert. Von der intelligenten Autoklavierung bis hin zur vorausschauenden Wartung – die Transformation in Richtung Klimaneutralität ist ein zentraler Baustein der strategischen Agenda.
Die „Roadmap für eine treibhausgasneutrale Kalksandsteinindustrie in Deutschland“ aus dem Jahr 2021 dient dabei als Orientierung. Eine aktualisierte Version soll in den kommenden Monaten erscheinen und den Fahrplan für die kommenden Jahre festschreiben.
125 Jahre und kein bisschen müde
Seit der Gründung im Jahr 1900 hat die Kalksandsteinindustrie viele Höhen und Tiefen durchlebt – und ist dabei stets geschlossen durch Krisen gegangen. Für Jan Dietrich Radmacher steht fest: „Unter dem Motto ‚Gemeinsam ist besser als allein‘ ist unsere Industrie seit 1900 durch jede Baukrise gekommen. Und das schaffen wir auch dieses Mal, weil unsere Produkte für nachhaltiges und bezahlbares Wohnen unverzichtbar sind!“
In einer Zeit, in der Bauen neu gedacht werden muss – wirtschaftlich, ökologisch und sozial – steht Kalksandstein für Beständigkeit, Innovationskraft und gemeinschaftliches Handeln. Der Schulterschluss der Branche, ihre Offenheit für Technologie und ihre klare Haltung zur Nachhaltigkeit machen sie zu einem relevanten Akteur im Wandel der Bauwirtschaft.















