Baugewerbe INTERNATIONAL
Arabisch-asiatischer Raum: Chancen und Motivation der deutschen Bau- und Bauzulieferindustrie
Angesichts trüber Aussichten für den deutschen Markt mit stark gestiegenen Materialpreisen und nach wie vor hohen Bauzinsen, muss die Bauindustrie nach anderen Absatzmärkten Ausschau halten. Die deutsche Baubranche und ihre Zuliefererindustrie stehen daher vor der Herausforderung, sich internationaler auszurichten – insbesondere in den aufstrebenden Märkten des Nahen Ostens.Jessica Breuer, Direktorin und Mitglied der Solution Group Maschinen- und Anlagenbau bei der Managementberatung Atreus in München, weiß wie dies gelingt:
Die Größe des Baumarkts in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wird im Jahr 2024 auf 40,88 Mrd. US-Dollar geschätzt und soll bis 2029 rund 52 Mrd. US-Dollar erreichen, was einem jährlichen Wachstum von ca. 4,9 % im Prognosezeitraum (2024–2029) entspricht. (Vgl. Mordor Intelligence). Tatsächlich ist der Bausektor der Kern der Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und erwartet in den kommenden Jahren ein schnelles Wachstum. Die Aussichten sehen vielversprechend aus, da die Regierung ihre Infrastrukturpläne durch verschiedene Regierungsinitiativen wie die Energiestrategie 2050 fortsetzen möchte. Infrastrukturprojekte sind ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Expansion des Landes, da das Emirat und die GCC-Region (Gulf Cooperation Council) einen enormen Bedarf an Ausbauten haben. Ziel ist der Aufbau effizienter Transport- und Logistiknetzwerke sowie eine zuverlässige Versorgung mit sauberer Energie.
Die Expansion in arabisch-asiatische Regionen bietet damit den deutschen Unternehmen eine vielversprechende Möglichkeit, ihr Wachstumspotenzial zu erschließen und ihre Positionierung auch in dieser Region zu stärken. Trotz der offensichtlichen Chancen und des enormen Potenzials sehen sich deutsche Unternehmen doch mit unterschiedlichen Hindernissen konfrontiert. Kulturelle Unterschiede, lokale Vorschriften und komplexe rechtliche Rahmenbedingungen stellen oft Barrieren dar. Um erfolgreich zu expandieren, müssen deutsche Unternehmen ihre internationalen Geschäftsaktivitäten strategisch ausbauen und lokalisieren, inklusive Service und Vertrieb. Durch verstärkte Investitionen in Marktanalyse, interkulturelle Schulungen und den Aufbau lokaler Partnerschaften können diese Hindernisse überwunden werden.
Agenda der GCC-Regionen
Die strategischen Agenden der GCC-Regionen sehen unter anderem die Projekte „Vision 2030 KSA“ und „Agenda D33“ vor und haben das übergeordnete Ziel, die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu verringern und die Wirtschaft diversifizierter aufzustellen. Insbesondere werden daher derzeit folgende Wirtschaftssektoren vorranging gefördert: Technologie, E-Commerce, Künstliche Intelligenz, Immobilien und Bausektor, Gebäudeausstattung, Handel und Logistik, Luft- und Raumfahrt, Tourismus und Gastgewerbe sowie der Ausbau der Infrastruktur. Eine zentrale Rolle nimmt dabei der Bausektor ein.
Der aktuelle Bedarf und Rahmenbedingungen im Bausektor
Die Bau- und Immobilienprojekte beispielsweise in Saudi-Arabien (KSA) und den Vereinigten Arabischen Emiraten sind beeindruckend und umfangreich. In Saudi-Arabien sind die Smart Cities wie „Neom“ und „Oxagon“, sowie Projekte wie New Murabba mit seinen 9.000 Hotelzimmern und 980.000 Quadratmetern Retailfläche, Mukaab mit seinem gigantischen Gebäudewürfel und Quiddiya Entertainment City besonders herausragend. Laut Mordor Intelligence beläuft sich der Wert der Bau-Pipeline in Saudi-Arabien auf etwa 1 Billion US-Dollar. In den VAE sind Projekte wie die Jebel Ali Palme, der Dubai Creek Tower, der Hyperloop zwischen Abu Dhabi und Dubai sowie das Sheikh Zayed Double Deck Road Scheme markant und zeigen das immense Bauvorhaben in der Region.
Chancen und Herausforderungen für deutsche Bauunternehmen
Angesichts dessen, dass der GCC-Markt für viele Unternehmen noch relativ neu ist, gibt es andererseits bereits heute eine beträchtliche Anzahl deutscher Unternehmen, die langfristige Strategien zur Erschließung dieses Marktes verfolgen. Beispielsweise in den VAE gibt es derzeit bereits gut 1.200 deutsche Firmen, im KSA sind es circa 800 Unternehmen. Gründe hierfür sind beispielsweise die Erreichbarkeit von ca. 400 Mio. Konsumenten in der MENA-Region (Middle East and North Africa) und ca. 3 Mrd. Konsumenten innerhalb von 5 Flugstunden (Hub durch schnellere Erreichbarkeit nach Fernost).
Die Willkommenskultur als Treiber für ausländische Unternehmer und Fachkräfte
Die Förderung ausländischer Unternehmer und Fachkräfte spielt eine entscheidende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Durch günstige wirtschaftliche und finanzielle Rahmenbedingungen werden Ansiedlungen aktiv unterstützt, was sich in der Vielzahl ausländischer Unternehmen und dem hohen Migrationsanteil in der Bevölkerungszusammensetzung widerspiegelt. Die VAE bieten dabei besonders angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen, mit unbürokratischen Gründungsmodalitäten, Steuererleichterungen und einer hohen Lebensqualität. Obwohl das KSA noch aufholt, werden durch die Vision KSA 2030 umfassende Reformen angestoßen, die auf eine zunehmend offene und tolerante Gesellschaft abzielen.
Kooperationen mit Subunternehmern und gezielte Nutzung vorhandener Expertise
Kooperationen mit Subunternehmern können deutschen Bauunternehmen den Markteintritt erleichtern, indem sie auf lokales Know-how und Netzwerke zurückgreifen. Zudem können Freihandelsabkommen den Handel erleichtern und den Marktzugang verbessern, was deutschen Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet. Erfahrene Interim Manager, die im Baugeschäft vor Ort tätig sind, können deutschen Unternehmen dabei helfen, mit den Herausforderungen des internationalen Marktes umzugehen und effektive Strategien zur Expansion zu entwickeln. Hierbei kann Unterstützung bei der operativen Gründung einer Niederlassung, dem Marktaufbau, interimistischen Geschäftsführertätigkeiten, Lizenzierung sowie der Überbrückung von Vakanzen hinzugezogen werden.
Motivationsgründe und Beachtenswertes für eine Firmengründung in der GCC-Region
Um die Ansiedlung ausländischer Investoren zu fördern, hat die Regierung zahlreiche Freihandelszonen geschaffen, die neben der Gründungsunterstützung eine Vielzahl weiterer Anreize bieten wie:
- Schnelle Firmengründung mit eigenen Rechtsformen
- 100% Eigentümerschaft/kein Sponsor erforderlich.
- 100% Steuerbefreiung von Einkommensteuer und Körperschaftsteuer (9%)
- 100% Zollfreiheit
Des Weiteren stellen sie ein ganzes Ökosystem zusätzlicher Dienstleistungen bereit. Diese reichen von der Bereitstellung von Büroflächen über Buchhaltung und Lohnabrechnung bis hin zum Flottenservice. Die Gründung eines Unternehmens ist ein deutlich weniger komplexes Unterfangen, als man vermutet. Dennoch ist der Mehrwert einer einschlägigen Erfahrung natürlich ein erheblicher Vorteil. Firmen, die bereits Geschäftsbeziehungen durch Handelsvertreter oder Händler unterhalten, entscheiden sich oft dazu, Tochtergesellschaften oder Vertriebsniederlassungen in der Region zu gründen. Dadurch können sie näher an ihre Kunden heranrücken und die Marktpotenziale in Form von Direktinvestitionen schneller nutzen.
Andere Unternehmen nutzen die strategische Lage der GCC-Länder, insbesondere die Nähe zum Nahen Osten (MENA) und Fernost, um Logistikzentren aufzubauen. Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland beeinflussen ebenfalls die Entscheidung für eine Firmengründung im Ausland. Glücklicherweise gibt es Unterstützung für Unternehmen, die in den GCC-Markt eintreten möchten. Die Außenhandelskammern wie „GESALO“, das „German Saudi Liaison Office“ und das „German Emerati Joint Council for Industry & Commerce AHK“ bieten Beratung und Netzwerkmöglichkeiten.
Zusätzlich unterstützen zahlreiche deutsche Rechtsanwaltskanzleien bei der juristischen Firmengründung und steuerlichen Ausgestaltung, um den Markteintritt so reibungslos wie möglich zu gestalten.
Fazit
Deutsche Unternehmen erkennen zunehmend die Chancen, die sich in den aufstrebenden Märkten des Nahen Ostens und Asiens bieten. Trotz der vielfältigen Herausforderungen wie kulturelle Unterschiede und rechtliche Hürden ist die Motivation zur internationalen Expansion groß. Durch gezielte strategische Maßnahmen wie die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und die Nutzung von Experten vor Ort können deutsche Unternehmen erfolgreich in diesen Märkten Fuß fassen und ihr Wachstumspotenzial erschließen. Diese nachhaltige Absicherung des Geschäftserfolgs und Erweiterung vielversprechender Absatzmöglichkeiten sollte auf der strategischen Agenda deutscher Unternehmen stehen.












