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Baugewerbe EXKLUSIV

Damir Mioc,

Mike Haley von Autodesk: "Die Baubranche wird stark von KI profitieren"

Das Thema künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Auch in der Baubranche gibt es viele Potenziale für den Einsatz von KI – vielen Skeptikern zum Trotz.

Mike Haley, Senior Vice President Research bei Autodesk. © Autodesk

Darüber sprach Baugewerbe-Redakteur Damir Mioc mit Mike Haley, Senior Vice President Research bei Autodesk, einem globalen Unternehmen, das Software für die Menschen entwickelt, die die Welt entwerfen und gestalten – darunter in den Bereichen Architektur, Bauwesen und Ingenieurwesen.

Baugewerbe: Herr Haley: Sie und Ihr Team blicken fünf bis zehn Jahre in die Zukunft und sagen Branchentrends und Fortschritte voraus. Wird bis dahin der Umgang mit KI Ihrer Meinung nach branchenübergreifend eine Selbstverständlichkeit sein?

Mike Haley: Ich denke, KI wird in Zukunft grundsätzlich fester Bestandteil in unserem Alltag sein. Ich glaube nicht, dass es eine Branche auf der Welt geben wird, die nicht von KI beeinflusst wird. Besonders interessant finde ich den Einsatz der Technologie in Branchen, die daran arbeiten, die physische Welt um uns herum zu gestalten. Oft sind das gerade die Branchen, die sich der Digitalisierung bisher entzogen haben oder schwer zu digitalisieren sind. Gerade hier unterstützt KI: Die Technologie ist sehr gut darin, die Umwelt zu erfassen, große Mengen an Rohdaten über die Welt zu sammeln und diese Informationen in Erkenntnisse umzuwandeln. Deshalb glaube ich, dass KI für alle Branchen, in denen wir tätig sind, von entscheidender Bedeutung sein wird.

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BGW: Was kann künstliche Intelligenz – Stand Mitte 2025 – im Allgemeinen für die Baubranche leisten?

Haley: Der naheliegendste Startpunkt hierfür liegt sicherlich auf der Ebene der Bauunterlagen. Große Sprachmodelle und große Bildverarbeitungsmodelle können erkennen, was in Textdokumenten und Bildern enthalten ist. Damit kann diese leistungs- starke Technologie dabei helfen, all die (bereits angefallenen) Daten zu verarbeiten und für Bauprojekte nutzbar zu machen. Das Schöne an KI-Modellen ist, dass sie mehr sind als eine bloße Suchmaschine. Sie sind tatsächlich in der Lage, Erkenntnisse aus diesen Daten physisch zu extrahieren, Zusammenfassungen zu liefern oder dabei zu unterstützen, Zusammenhänge aufzudecken. Für jede Führungskraft in einem Bauunternehmen sind diese großen Sprach- und Bildverarbeitungsmodelle meiner Meinung nach bereits heute vielversprechend, um alle vorhandenen Daten zu verstehen und zu verarbeiten.

BGW: Wie kann mit KI zum Beispiel die Planung und das Projektmanagement optimiert werden?

Haley: KI kann den Übergang vom Entwurf zur Konstruktion erheblich verbessern, indem sie Bauzeichnungen und -modelle interpretiert. In dieser Vorplanungsphase kann KI Aufgaben wie Mengenermittlung und Terminplanung auf der Grundlage von Konstruktionsdaten unterstützen. Beispielsweise könnte sie direkt aus den Plänen eine Materialliste erstellen und die Lieferkette analysieren. Dies hilft, redundante Dateneingaben zu vermeiden und den Planungsprozess zu beschleunigen. Durch das Verständnis des Entwurfs schließt KI die Lücke zwischen Entwurf und Bau effizienter. Und genau dazu möchte Autodesk KI einsetzen: um diesen Übergang reibungsloser und intelligenter zu gestalten. Insgesamt hat KI das Potenzial, das Projektmanagement und die Planung so zu optimieren, dass Zeit gespart und Komplexität reduziert wird.

BGW: KI wird bereits von einigen Bauunternehmen eingesetzt, um frühzeitig potenzielle Bauvorhaben zu erkennen. Gibt es KI-gestützte Lösungen, die uns dabei helfen, zu planen, wo wir beispielsweise Fabrikstandorte errichten?

Haley: Die Funktionen, über die wir heute verfügen, finden sich zum Beispiel in Autodesk Forma: Mit ihnen können Standortpositionen simuliert und verschiedene Analysen durchgeführt werden, beispielsweise Tageslichtstudien und Lärmstudien. Sie ermöglichen es, die Umgebungsbedingungen des Standorts zu berücksichtigen und verschiedene Szenarien zu modellieren, um ein Gebäude zu strukturieren. Forma verwendet sogenannte Surrogatmodelle. Das sind einfache, aber hochspezialisierte KI-Modelle, die schnelle Näherungssimulationen ermöglichen. Mit anderen Worten: Forma eignet sich sehr gut, um schnell mehrere Szenarien zu untersuchen, zum Beispiel bei der Entscheidung über den Standort einer Fabrik. Das Programm führt schnelle Simulationen durch und liefert so rasch Antworten. Noch ein anderes Beispiel dazu: Kürzlich haben wir in unserem Autodesk-Research-Team die Einbeziehung von Faktoren wie dem CO2-Ausstoß und dem CO2-Lebenszyklus von Gebäuden untersucht. So können wir diese Faktoren bereits früh im Design-to-Make-Lebenszyklus bewerten, anstatt sie erst später herauszufinden. Mit Forma können Sie die Kompromisse zwischen verschiedenen Entscheidungen früh im Prozess verstehen.

BGW: Welche Möglichkeiten gibt es, um mit dieser Technologie die Arbeitssicherheit auf Baustellen verbessern?

Haley: Die Sicherheit auf Baustellen hat höchste Priorität, KI bietet hier innovative Unterstützung: Mithilfe von KI-gestützter Computer Vision lassen sich Sturz- und Stolperunfälle analysieren, um gezielte Sicherheitsmaßnahmen zu entwickeln. Gleichzeitig kann diese Technologie Videoaufnahmen auswerten und auf Sicherheitsrisiken oder Regelverstöße hinweisen, etwa wenn Schutzkleidung nicht korrekt getragen wird. In solchen Fällen kann das System Verantwortliche automatisch informieren und Schulungen anregen. Auch die Unfallmeldung wird durch KI effizienter: Sensoren, Kameras und IoT-Geräte erfassen Vorfälle in Echtzeit und dokumentieren sie direkt. Darüber hinaus unterstützt KI mit Hilfe von natürlicher Sprachverarbeitung die Auswertung von Berichten, erkennt Muster und gibt Empfehlungen für geeignete Maßnahmen.

BGW: Wie kann KI beim "klimafreundlichen Bauen", also bei der Reduktion von CO2-Emissionen, konkret helfen?

Haley: Es ist großartig, dass wir dank KI bereits in frühen Phasen Lösungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen haben. Beispielsweise bei der Wahl der Materialien. Ein anderer Ansatz, den wir intensiv erforscht haben, ist die Wiederverwendung von Materialien. Wie viele unserer Kunden wissen, ist es besonders bei Renovierungsprojekten sehr schwierig, die in bestehenden Gebäuden verwendeten Materialien zu identifizieren. Idealerweise wünschen sich unsere Kunden eine Form von "Materialpässen", die Informationen über die vor Ort vorhandenen Materialien und deren Wiederverwendungsmöglichkeiten enthalten. Bei Autodesk Research arbeiten wir an KI-Lösungen, die bestehende Gebäude schnell analysieren und frühzeitig Erkenntnisse über Wiederverwendungsmöglichkeiten liefern können.

BGW: Welche Auswirkungen wird die künstliche Intelligenz auf Bauberufe wie zum Beispiel Ingenieure oder Architekten haben? Werden diese obsolet?

Haley: Nein, überhaupt nicht. Ich liebe das Zitat: "Sie werden nicht durch KI ersetzt werden, aber Sie werden sehr wahrscheinlich durch einen Menschen ersetzt werden, der KI nutzt." Viele Menschen gehen davon aus, dass wir, sobald KI in alle Bereiche integriert ist, immer noch dieselben Dinge bauen werden wie heute. Ich bin anderer Meinung. Ich glaube, dass wir in Zukunft viel fortschrittlichere Gebäude bauen werden. Wie viele Gebäude mit Platin-Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen gibt es beispielsweise heute? Sehr wenige, weil sie sehr teuer sind. Aber was wäre, wenn KI alle Probleme lösen, die richtigen Materialien und Bauverfahren finden und DGNB-Platin-Gebäude zur Norm machen könnte? Ein interessanter Gedanke.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview erschien zuerst in der Juni-Ausgabe des Baugewerbe Magazins.

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