Wohnhaus

Christine Ryll,

Vom Holzstamm zum Stammhaus

Mitten im Herzen von Bad Wörishofen setzt das sogenannte Stammhaus neue Maßstäbe für innerstädtisches Wohnen und Arbeiten: Der in die Gebäudeklasse 4 fallende Neubau wurde in Holzrahmen- und Holzmassivbauweise mit einem Erdgeschoss und Treppenhäusern in Stahlbeton realisiert.

Die verschiedenen Fassaden des Mehrgeschossers wurden unterschiedlich gestaltet © Champions & Friends GmbH

Mitten in der Fußgängerzone von Bad Wörishofen hat die BiNova Bad Wörishofen GmbH & Co. KG, ein Tochterunternehmen der Geiger Gruppe, dem Holzbau ein Denkmal gesetzt: In unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Sebastianeum, direkt gegenüber dem Kurhaus und nur wenige Schritte vom Kurpark entfernt, ließ der Projektentwickler ein Wohn- und Geschäftsgebäude in Massivholz- und Holzrahmenbauweise (Erdgeschoss und Treppenhäuser in Stahlbeton) errichten. Die auf den Namen Stammhaus getaufte U-förmige Anlage öffnet sich zu einem ruhigen, begrünten Innenhof. Ringsherum pulsiert die Stadt.

Zur belebten Kneippstraße und damit zur Fußgängerzone hin sind die oberen Geschosse mit strukturierten Faserzementplatten bekleidet, während die vorgehängte Holzfassade der Innenhofbereiche und entlang der angrenzenden Gasse auf die Holzkonstruktion der oberen Stockwerke verweist © Champions & Friends GmbH

Das innerstädtische Grundstück, direkt an der Fußgängerzone und umgeben von mehreren denkmalgeschützten Bauten, hatte zuvor das Hotel Kreuzer sowie den ehemaligen Hotelgarten beherbergt. Angesichts der sensiblen städtebaulichen Lage und dem Wunsch nach einer Aufwertung des Standorts, durchlief das Projekt zunächst einen geladenen Wettbewerb mit drei öffentlichen Auslegungen. Diese drei Auslegungen erfolgten im Rahmen des vorhabenbezogenen Bebauungsplanes, der nach dem Wettbewerb aufgestellt wurde. Den Zuschlag erhielt das Architekturbüro Beer Bembé Dellinger aus Greifenberg am Ammersee, dessen Entwurf nun eine neue Verbindung zwischen der Fußgängerzone und einer kleineren Nebenstraße schafft.

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Grundrisskonzept und Fassadengestaltung

Da es im gesamten Gebäude so gut wie keine rechten Winkel gab, spielte die präzise Vorfertigung der Bauteile für die gewünschte Qualität eine große Rolle © Champions & Friends GmbH

Zwei unterirdische Ebenen nehmen die Fahrzeuge, Technik und Lager auf, das Erdgeschoss neun flexible Gewerbeeinheiten zwischen 45 und 350 m2. Dazu kommen vier Co-Working-Spaces entlang der Fußgängerzone. Vier Obergeschosse bieten Platz für 69 Ein- bis Fünf-Zimmerwohnungen zwischen 40 und 185 m2, alle mit Balkonen oder Loggien ausgestattet und stufenfrei realisiert. Ihre Grundrissgestaltung orientiert sich nicht nur an den Himmelsrichtungen, sondern auch an der Umgebung.

Die Fassaden des Neubaus reagieren ebenso wie das Grundrisskonzept auf die unterschiedlichen städtischen Kontexte und folgen dabei einem Konstruktionsraster von 4 bis 4,5 m. Umlaufende Gesimsbänder aus Faserzementplatten gliedern das Gebäude horizontal und nehmen damit gleichzeitig Bezug auf die Architektursprache der benachbarten Baudenkmäler. Die Basis des Stammhauses markiert ein umlaufender massiver Sockel aus vorgehängten Travertin-Platten. Zur belebten Kneippstraße und damit zur Fußgängerzone hin sind die oberen Geschosse mit strukturierten Faserzementplatten bekleidet, während die vorgehängte Holzfassade der Innenhofbereiche und entlang der angrenzenden Gasse auf die Holzkonstruktion der oberen Stockwerke verweist. Dem entspricht auch die Materialsprache der Freiflächen: Die Loggien an den Straßenseiten wurden mit Platten aus Betonfertigteilen mit integrierter Entwässerung ausgeführt. Die freistehenden Balkone im Innenhof kombinieren dabei KLH-Brettsperrholzplatten mit Stahlrahmen.

Technische Herausforderungen und Energiekonzept

Der in die Gebäudeklasse 4 fallende Neubau wurde in Holzrahmen- und Holzmassivbauweise mit einem Erdgeschoss und Treppenhäusern in Stahlbeton realisiert © Champions & Friends GmbH

Aufgrund seiner Gebäudehöhe fällt das Stammhaus in die Gebäudeklasse 4 und unterliegt damit den Brandschutzanforderungen der Feuerwiderstandsklasse R60. Dennoch waren in den Wohnungen Sichtholzdecken und -wände gewünscht, die den Räumen Atmosphäre verleihen und gleichzeitig erhöhte Schallschutzanforderungen erfüllen sollten. Beides erforderte eine enge Abstimmung zwischen Tragwerksplanung, Brandschutz, Bauphysik und Holzbauunternehmen, sowie eine präzise Koordination aller am Bau Beteiligten – etwa im Hinblick auf die Installationsdurchbrüche für Steckdosen und Leitungsführungen in den Sichtholzwänden, die in der Vorfertigung berücksichtigt werden mussten. Die auf dem Dach untergebrachte Lüftungstechnik für die Erdgeschosszonen wurde über große Schächte mit den entsprechenden Räumen verbunden. Die verbleibenden Dachflächen wurden mit Photovoltaikmodulen belegt, die den Strom für die Gebäudeversorgung liefern. Die Energieversorgung erfolgt über eine Luft-Wasser-Wärmepumpe mit Wärmerückgewinnung.

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