Baugewerbe EXKLUSIVINTERVIEW
Schwenk Beton, Glass und Fachverbände werben für mehr Akzeptanz
Baugewerbe Magazin: Recycling-Beton schont natürliche Ressourcen und wird bereits in Bauprojekten eingesetzt. Ist der Baustoff der künftige Heilsbringer?
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Alles, was an verfügbarem Recyclingmaterial für Beton da ist, sollte auch vorrangig genutzt werden. Im Moment können jedoch lediglich rund 11 Prozent des Gesamtbedarfs an mineralischen Rohstoffen, unter anderem für die Herstellung von Beton, durch aufbereiteten recycelten Bauschutt ersetzt werden. Recycling-Beton ist daher per se nicht klimafreundlicher als herkömmlicher Beton, spart aber vor allem natürliche Ressourcen. Deshalb gilt die Devise: Realistisch bleiben, nicht verklären. Gleichzeitig muss die Akzeptanz dieses Baustoffes gerade bei den öffentlichen Auftraggebern erhöht werden. Nur so kann der Einsatz gesteigert werden.
BGW: Was ist unter Recycling-Beton genau zu verstehen und wie können Primärressourcen eingespart werden?
Dr. Bernhard Kling: Beton besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten: Dazu gehören Gesteinskörnungen wie Sand und Kies, Zement als Bindemittel und Wasser. Unter Recycling-Beton wird ein Baustoff verstanden, bei dem ein Teil der Gesteinskörnung, also der natürlich vorkommenden Kiese, durch aufbereiteten Bauschutt ersetzt wird. Der maximal zulässige Anteil ist jedoch durch die technischen Anforderungen an das Material begrenzt und beträgt je nach Anwendungsbereich maximal 25 bis 45 Prozent.
BGW: Die Baubranche soll CO2-neutral werden: Wie kann das gelingen und welche Rolle spielt dabei der Beton?
Dr. Bernhard Kling: Die Herstellung des für Beton benötigten Zements ist mit hohen CO2-Emissionen verbunden. Zum einen, weil für das Brennen des Ausgangsgesteins fossile Brennstoffe benötigt werden und zum anderen, weil beim Brennprozess für den ebenfalls gebrauchten Kalkstein CO2 entsteht.
Die Zementindustrie hat bereits 2020 eine Strategie erarbeitet, um bis 2045 klimaneutralen Beton auf den Weg zu bringen. Das gelingt durch den Einsatz von sogenanntem klinkerarmem Zement, der bei der Herstellung weniger Brennstoffe benötigt. Vor allem aber durch das Abscheiden von unvermeidbarem CO2 bei der Produktion und die langfristige Speicherung oder anderweitige Nutzung, durch sogenanntes Carbon Capture and Storage beziehungsweise Carbon Capture and Utilization.
BW: Welchen Herausforderungen stehen Baustoffhersteller bei der Entwicklung von Recycling-Beton gegenüber?
Dr. Bernhard Kling: Wichtig ist eine verbrauchsnahe Verfügbarkeit von geeignetem Material. Das bedeutet, es braucht einen hohen Anteil an Betonbruch im Bauschutt, der allerdings auch in anderen Baubereichen Verwendung findet.
BGW: Für Baustoffe gelten Regularien und Richtlinien: Wie ist das bei Recycling-Beton? Werden Sie in ihrer Arbeit seitens der Behörden gut unterstützt? An welchen Stellen muss nachgebessert werden?
Dr. Bernhard Kling: Die neue Betonnorm DIN 1045-2 erweitert die Einsatzmöglichkeiten von Recycling-Beton. Sie unterstützt die Baustoffproduzenten bei der Herstellung von normgerechtem Beton. Allerdings ist die Herstellung von Ausgangsstoffen aus Bauschutt nach wie vor mit vielen Auflagen verbunden. Es werden umfangreiche Untersuchungen und Nachweise gefordert. Oft lohnt sich der Aufwand nicht, weil das Material dadurch unwirtschaftlich wird und sich der Einsatz im Beton nicht rechnet.
Gegenüber dem Einsatz von Recyclingbeton bestehen nach wie vor Vorbehalte, da dieser im Vergleich zu Beton aus natürlichen Gesteinskörnungen häufig als technisch minderwertig angesehen wird. Dies gilt auch für öffentliche Auftraggeber.
BGW: Betreuen Sie aktuell ein Projekt, bei dem Recycling-Beton zum Einsatz kommt und was gilt es zu beachten, damit das Projekt gelingt?
Karl Hofmeister: Derzeit arbeiten wir an einem Neubauprojekt für ein Gymnasium im Süden Münchens. Das Zusammenwirken, die Abstimmung und die Entscheidungen im Vorfeld der Baumaßnahme zwischen der ausschreibenden Stelle, dem ausführenden Bauunternehmen und dem Transportbetonlieferanten sind von größter Bedeutung.
Dabei können wir die Erfahrungen aus früheren Projekten nutzen. Für dieses Vorhaben werden rund 40 Prozent des benötigten Betons als Recycling-Beton ausgeführt. Darüber hinaus setzen wir dort, wo es technologisch und anwendungsorientiert sinnvoll ist, klinkerarme Zemente ein. Grundsätzlich fordert der Bauherr entsprechende Nachhaltigkeitsnachweise nach dem sogenannten Concrete Sustainability Council.
Ralf Rattay: Zurzeit betreue ich ein kleines Bauvorhaben in Grünwald. Die Bauherrin legt großen Wert auf eine nachhaltige Bauausführung. Ein Büro für Bauökologie überwacht die Nachhaltigkeitsvorgaben. Es soll zum Beispiel, wenn technisch umsetzbar, RC-Beton eingesetzt sowie auf eine staub-, lärm- und abfallarme Bauausführung geachtet werden.
BGW: Aktuell steht die Baubranche einer harten Krise gegenüber. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Entwicklungen auf Ihre Arbeit?
Ralf Rattay: Vor allem im Großraum München ist die Auftragslage spürbar angespannt, Ausschreibungen sind hart umkämpft. Der Einbruch im Bausektor, hauptsächlich im Wohnungsbau, hat auch Auswirkungen auf den Gewerbe- und Industriebau. Es ist derzeit einfach schwieriger, Projekte zu akquirieren.
Karl Hofmeister: Durch die Weiterentwicklung von Produkten in Richtung Nachhaltigkeit werden schnellere, vermeintlich einfachere Bauverfahren nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, unsere Bemühungen in diesem Bereich stehen unter einem guten Stern für die Zukunft. Denn immer dann, wenn Krisen zu Ende gehen, geht die Wirtschaft deutlich gestärkt in eine nächste Phase – das kann und wird in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wieder so sein.
BGW: Was sind vor diesem Hintergrund Ihre Wünsche und Forderungen an Politik und Gesellschaft?
Dr. Bernhard Kling: Bürokratieabbau, auch wenn diese Forderung mittlerweile abgedroschen klingt. Aber der hohe Aufwand an Nachweisen, mitzuliefernden Dokumenten und Einzelgenehmigungen bei innovativen Ansätzen in der Baustoffherstellung hält viele Unternehmen davon ab, neue und vielleicht nachhaltigere Wege zu gehen. Von der Gesellschaft wünschen wir uns einen konstruktiven Blick auf die Realität. Wir werden auch in Zukunft Rohstoffabbau brauchen, natürlich im Mix mit Recyclingmaterial. Einen hundertprozentigen Ersatz wird es aber nicht geben können. Jeder sollte sich in seinem Alltag Gedanken machen, was er tatsächlich braucht und verbraucht. Ohne Infrastruktur kein Fortschritt in der Mobilität, das Wohnen würde uns vor unerreichbare Herausforderungen stellen und unser modernes Leben würde nicht mehr funktionieren. Deshalb erwarten wir uns bei aller Kritik mehr Akzeptanz, damit wir die Chance haben, die Weichen in eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Zukunft zu stellen, in der Innovationen für klimaneutrale, mineralische Baustoffe nicht im Keim erstickt werden.
Ralf Rattay: Ich wünsche mir mehr Anreize für nachhaltiges Bauen, zum Beispiel durch eine baustoffneutrale staatliche Förderung.
BGW: Trotz Krise bleibt die Zeit natürlich nicht stehen. Auf welche Innovationen und Projekte von Ihnen dürfen wir uns freuen?
Karl Hofmeister: Von den aktuellen Leuchtturmprojekten wollen wir zu einem zukünftig normalen und einheitlichen Einsatz von Baustoffen aus dem Wirtschaftskreislauf für noch mehr Bauvorhaben kommen. Das können wir zeigen, indem die Betonoberflächen geöffnet wird und Farbe ins Spiel kommt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Einen Auszug dieses Exklusivinterviews lasen Sie bereits in Ausgabe 11_2024.
















