Konjunkturausblick 2026
Liebherr erwartet Seitwärtsbewegung
Die Bauwirtschaft steht an einem Wendepunkt. Nach Jahren geprägt von Kostensteigerungen, Auftragsrückgängen und politischer Unsicherheit richtet sich der Blick nun auf 2026. Zwischen anhaltender Krise und vorsichtiger Zuversicht stellt sich für viele Unternehmen dieselbe Frage: Bleibt der Druck hoch – oder beginnt eine Phase der Stabilisierung?
Im Interview sprechen wir darüber, wie die Branche das Jahr 2026 einschätzt, welche wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen entscheidend werden und wo trotz aller Herausforderungen neue Perspektiven entstehen. Es geht um Zahlen und Trends – aber auch um Stimmungen, Erwartungen und konkrete Handlungsoptionen für die Praxis.
Baugewerbe: Wie blicken Sie auf das kommende Geschäftsjahr: Welche Entwicklungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen und für die Baubranche insgesamt?
Steffen Günther: Wie schon im Jahr 2025 rechnet die Firmengruppe Liebherr auch für 2026 nicht mit einem wesentlichen Wachstumsschub, sondern geht von einer Seitwärtsbewegung bei der Umsatzentwicklung aus. Obwohl die Bauma 2025 viele positive Impulse gesetzt hat, befindet sich die Baumaschinenbranche in einer Umbruchphase, die geprägt ist durch wirtschaftliche Unsicherheiten. 2026 bewegt sich die Branche weiterhin in einem anspruchsvollen Marktumfeld. Sie steht vor Herausforderungen, aber auch vor Chancen, die durch politische Initiativen und technologische Fortschritte geprägt sein werden.
Im kommenden Geschäftsjahr steht bei Liebherr unter anderem die „Baustelle der Zukunft“ als wichtiges Thema im Mittelpunkt. Sie ist CO2-neutral, digital, automatisiert, vernetzt und wann immer sinnvoll autonom. Diese Entwicklung treibt die Firmengruppe mit alternativen Antrieben, intelligenter Software, KI-gestützten Assistenz- und Autonomiefunktionen sowie innovativen Fernsteuerungstechnologien konsequent voran. Für Liebherr ist der technologische Fortschritt eine klare Chance, um sich als Pionier und Technologieführer einzubringen und die Branche aktiv mitzugestalten. Ziel ist es, die Arbeit auf Baustellen und in Minen sicherer, effizienter und wirtschaftlicher zu gestalten. Ein konkretes Beispiel dafür ist der autonome Radlader, den wir letztes Jahr auf der Bauma vorgestellt haben. Seine Aufgaben führt die Maschine mithilfe des Systems Liebherr Autonomous Operation sowie der Webapplikation „Autonomous Job Planner“ mit höchster Präzision aus. Die Testfahrten, bei denen wir auf unterschiedliche Kundenanforderungen eingehen, führen zu sehr guten Ergebnissen bei gleichzeitig geringerem Energieverbrauch und Verschleiß.
BGW: Welche größten Herausforderungen erwarten Sie im kommenden Jahr für Ihr Unternehmen?
Günther: Die Firmengruppe ist mit einem erfreulichen Auftragsbestand in das neue Jahr gestartet. Eine ausgeprägte Wachstumsphase ist aber erst ab 2027 abzusehen. Bis dahin nutzen wir die Zeit und investieren beispielsweise gezielt in unsere Standorte. Im französischen Nambsheim errichten wir eine Produktionsstätte, in der zunächst Kabinen für Erdbewegungsmaschinen gefertigt werden sollen. An unseren Standorten in Bulgarien erhöhen wir die Produktionskapazitäten für Luftfahrt-, Verkehrstechnik- und Betontechnologie. In Deutschland erweitern wir in Ehingen das Werk für Mobil- und Raupenkrane auf einem Gelände von rund 500.000 Quadratmetern und planen, bis 2034 einen dreistelligen Millionenbetrag für die Modernisierung des Standorts für Turmdreh- und Mobilbaukrane in Biberach einzusetzen. Die Firmengruppe investiert zudem in ein neues Logistikzentrum in Tupelo, Mississippi (USA), das im laufenden Jahr in Betrieb genommen werden soll. Auch stärken wir weiterhin unser globales Servicenetzwerk und haben beispielsweise ein Grundstück in Houston, Texas, erworben, auf dem ein neues Servicecenter für Baumaschinen entstehen wird.
In diesen bewegten Zeiten ist es derzeit noch schwierig abzuschätzen, wie das Jahr 2026 verlaufen wird. Die aktuellen Entwicklungen wie die Einfuhrzölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte in die USA stellen Liebherr vor große Herausforderungen.
Die Entwicklung der verschiedenen Märkte zeigt einerseits eine zunehmende Stabilisierung, andererseits jedoch auch ein höheres Maß an Unsicherheit, insbesondere in Nordamerika. Wir beobachten, dass sich das Wachstum im Jahr 2025 im Vergleich zu den Vorjahren verlangsamt hat.
Im Bereich der Bau- und Bergbaumaschinen mussten wir im Jahr 2025 einen Umsatzrückgang hinnehmen. Dem gegenüber stehen allerdings andere Produktbereiche wie die Luftfahrt oder die Maritimen Krane, in denen wir unsere Umsätze steigern konnten. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Diversifikation, Internationalität und eine dezentrale Struktur dazu beitragen, konjunkturelle Schwankungen temporär abzufedern und Chancen sowohl in einzelnen Märkten als auch in Produktbereichen zu nutzen.
BGW: Welche Erwartungen haben Sie an Politik, Auftraggeber und die Branche insgesamt für das kommende Jahr?
Günther: Liebherr ist zuversichtlich, dass die angekündigten Initiativen der deutschen Bundesregierung – wie der „Bau-Turbo“ zur Beschleunigung des Wohnungsbaus sowie das 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket – bei konsequenter Umsetzung zu einer Erholung der Baubranche beitragen können. Die tatsächlichen positiven Effekte, die wir uns vor allem aus der konsequenten Umsetzung politischer Maßnahmen erhoffen, werden voraussichtlich erst mittelfristig Wirkung zeigen.
Viele Bauunternehmen sind infolge der Entwicklungen der letzten Jahre verunsichert, was sich in einem zurückhaltenden Investitionsverhalten widerspiegelt. Die gesamte Branche erhofft sich von der Politik schlanke und effiziente Prozesse – die das Investitionsklima fördern – in Verbindung mit der entschlossenen Umsetzung anvisierter politischer Programme. Im Infrastruktur-, Tief-, Gleis- und Abbruchgeschäft sind beispielsweise bereits positive Signale erkennbar.










