Wohnungbau
„Haus fast ohne Heizung“ als Modell für technikreduzierten Wohnungsbau
Der Wohnungsbau steht aktuell unter erheblichem Druck: steigende Bau- und Finanzierungskosten, komplexe Normen sowie ambitionierte Klimaziele verändern die Rahmenbedingungen für Projektentwickler und Wohnungsunternehmen grundlegend. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept des Gebäudetyp-e zunehmend an Bedeutung, das auf eine gezielte Vereinfachung technischer Standards und Bauprozesse abzielt, ohne Sicherheit und Qualität zu reduzieren.
Ein besonders viel beachtetes Beispiel ist das Projekt „Haus fast ohne Heizung“ in Ingolstadt, umgesetzt durch die GWG Ingolstadt und geplant vom Architekturbüro nbundm*. In Zusammenarbeit mit Leipfinger-Bader entsteht hier ein Mehrfamilienhaus, das die Prinzipien des einfachen und ressourcenschonenden Bauens konsequent in die Praxis überführt.
Gebäudetyp-e als Planungsansatz für die Wohnungswirtschaft
Das Projekt ist Teil einer bayernweiten Pilotinitiative des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr zur Erprobung des Gebäudetyp-e. Ziel ist es, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und Bauweisen zu ermöglichen, die wirtschaftlicher, flexibler und gleichzeitig nachhaltig sind.
Wissenschaftlich begleitet wird das Vorhaben durch die Technische Universität Braunschweig unter der Leitung von Professor Elisabeth Endres. Ergänzend fließen Fördermittel des Freistaats Bayern in die Umsetzung ein, darunter eine Wohnraumförderung von rund 5,8 Millionen Euro sowie ein zusätzlicher Nachhaltigkeitszuschuss.
Im Fokus steht dabei nicht die Reduktion von Qualität, sondern die Optimierung der Systemkomplexität im Wohnungsbau. Das Projekt dient damit als realer Testfall für die Frage, wie weit technikreduziertes Bauen im Geschosswohnungsbau tragfähig ist.
Gebäudehülle als Schlüssel: Massive Bauweise ohne klassische Dämmverbundsysteme
Ein zentrales Element des Projekts ist die Gebäudehülle auf Basis des Silvacor-Mauerziegels von Leipfinger-Bader. Der eingesetzte Ziegeltyp kombiniert massive Bauweise mit integrierter Dämmfunktion durch Holzfaserfüllung aus Nadelholz.
Bei einer Wandstärke von rund 49 Zentimetern wird ein U-Wert von etwa 0,16 W/(m²K) erreicht. Entscheidend ist dabei nicht nur die energetische Performance, sondern auch die bauphysikalische Stabilität: Die Konstruktion vereint Wärmeschutz, Hitzeschutz und Speichermasse in einem monolithischen Wandaufbau.
Ergänzt wird dies durch hohe akustische Leistungsfähigkeit sowie eine robuste Tragstruktur, die den Einsatz im mehrgeschossigen Wohnungsbau unterstützt. Die Materialwahl trägt zudem zu einem schadstoffarmen und wohnbiologisch stabilen Innenraumklima bei.
„Haus fast ohne Heizung“: Passives Energiekonzept statt klassischer Heiztechnik
Das Konzept des Gebäudes folgt dem Ansatz einer weitgehend passiven Temperierung. Klassische zentrale Heizsysteme werden weitgehend ersetzt durch die Kombination aus Gebäudehülle, Speichermasse und kontrollierter natürlicher Lüftung.
Die Grundidee orientiert sich an Planungsprinzipien vergleichbarer Low-Tech-Ansätze: Wärmegewinne aus Sonneneinstrahlung sowie interne Lasten werden im Gebäude gespeichert und zeitversetzt wieder abgegeben. Dadurch entstehen stabile Raumtemperaturen mit deutlich reduziertem technischen Aufwand.
Die energie- und bauphysikalische Planung wurde durch die 2226 GmbH aus Lustenau begleitet. Das Konzept setzt auf eine intelligente Balance aus Hülle, Masse und reduzierter Gebäudetechnik.
Technische Gebäudeausrüstung auf das Wesentliche reduziert
Die haustechnische Ausstattung folgt einem konsequent funktionalen Ansatz. Fenster mit sensorisch gesteuerter CO₂- und Temperaturregelung unterstützen eine natürliche, bedarfsgerechte Lüftung.
Die Warmwasserbereitung erfolgt dezentral über elektrische Durchlauferhitzer. Ein wesentlicher Teil des Energiebedarfs wird über eine Photovoltaikanlage auf dem extensiv begrünten Dach gedeckt. Ergänzend stehen Batteriespeicher zur Zwischenspeicherung zur Verfügung.
Auf Unterkellerung und Tiefgarage wurde bewusst verzichtet, um Baukosten, Flächenverbrauch und technische Komplexität zu reduzieren.
Innenausbau: Keramischer Estrich als Alternative zum Nassestrich
Auch im Innenausbau setzt das Projekt auf technikreduzierte Lösungen von Leipfinger-Bader. Der keramische Estrichziegel ersetzt klassische Nassestrichsysteme und ermöglicht eine trockene, schnelle Bauweise.
Durch seine hohe Druckfestigkeit und geringe Aufbauhöhe eignet sich das System besonders für effiziente Bauabläufe und flexible Nutzungskonzepte. Gleichzeitig überzeugt der Estrich durch Langlebigkeit, Feuchteunempfindlichkeit und baubiologische Unbedenklichkeit.
Die Kombination aus keramischem Estrich und dünnschichtigem Heizpapier schafft zudem eine elektrisch basierte Flächenheizung mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit und gleichmäßiger Wärmeverteilung. Diese kann flexibel mit erneuerbaren Energiequellen wie Photovoltaik betrieben werden und dient im Projekt als ergänzende Wärmeunterstützung an kalten Tagen.
Wohnkonzept und Nutzung: Funktionalität trifft soziale Nachhaltigkeit
Das Gebäude bietet insgesamt 15 geförderte Wohneinheiten in einem dreigeschossigen Mehrfamilienhaus. Barrierefreiheit, Aufzuganlagen, private Außenbereiche sowie gemeinschaftlich nutzbare Flächen sind integraler Bestandteil des Nutzungskonzepts.
Die Grundrisse sind flexibel ausgelegt und ermöglichen unterschiedliche Wohnformen – von klassischen Familienwohnungen bis hin zu Mehrgenerationenkonzepten. Damit verbindet das Projekt technische Reduktion mit sozialer Nutzungsvielfalt.
Bedeutung für die Branche: Impuls für einfaches und wirtschaftliches Bauen
Das „Haus fast ohne Heizung“ in Ingolstadt zeigt exemplarisch, wie sich technikreduziertes Bauen im Geschosswohnungsbau umsetzen lässt, ohne auf Komfort oder Energieeffizienz zu verzichten.
Für die Bau- und Wohnungswirtschaft liefert das Projekt wichtige Erkenntnisse zur Reduktion technischer Komplexität, zur Optimierung von Bauprozessen und zur wirtschaftlichen Umsetzung nachhaltiger Gebäudekonzepte.
In der fachlichen Diskussion positioniert sich dieser Ansatz zunehmend als Referenzmodell für zukünftige Bauprojekte im Kontext von Gebäudetyp-e. Fachportale wie buildingnet.de sowie das Baugewerbe Magazin können dabei als zentrale Plattformen für die Einordnung und Verbreitung solcher Modellprojekte im Bauwesen weiter an Bedeutung gewinnen.










