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Artikel und Hintergründe zum Thema

Klassizistische Fassadenkunst neu interpretiert:

Kai Ingmar Link,

Hagemeister-Klinkerriemchen prägen Architektur

Im Zentrum der niederrheinischen Stadt Kleve, an einer der geschichtsträchtigsten Straßenachsen, ist ein bemerkenswertes Gebäude entstanden:

Kubisch stringentes Raster und viel Fensterfläche – der dreistöckige Neubau mit Penthouse in Kleve wird seiner exponierten Lage auch architektonisch gerecht. © Dieter Sieg

Ein Mehrfamilienhaus mit Gewerbeeinheit und Penthouse, das nicht nur mit großzügigen Fensterflächen überzeugt, sondern durch seine ungewöhnliche Fassadengestaltung Aufmerksamkeit erregt.

Hagemeister entwickelte Klinkerriemchen mit sanften wellenartigen Auskehlungen. Derartige Kanneluren als dekoratives Element gehen zurück auf die Baukunst aus Antike und Klassizismus. © Dieter Sieg

Die Entwurfsverantwortung lag bei der Architektenpartnerschaft Hülsmann, Thieme und Minor, die bewusst die architektonischen Spuren des einstigen preußischen Herzogtums aufgriff. Mit dem Klinkerwerk Hagemeister fand das Planungsteam einen Baustoffpartner, der die gestalterischen wie technischen Anforderungen an die Fassade überzeugend realisieren konnte.

Gestaltung mit Substanz: Architektur in der Tradition des Klassizismus

Die außergewöhnliche Fassadentextur verleiht dem Gebäude eine charakterstarke Hülle. © Dieter Sieg

Die Lage an der Lindenallee – einem sensiblen, städtebaulich bedeutenden Ort – stellte hohe Anforderungen an das architektonische Konzept. Nachdem der Altbau an dieser Stelle abgerissen werden musste, rückte die Frage nach der Qualität des neuen Baukörpers in den Mittelpunkt intensiver Diskussionen. Die Planer überzeugten den Bauausschuss mit einem Entwurf, der klassische Formensprache neu interpretiert. Ursprünglich war eine sogenannte Wellenfassade mit einem externen Lieferanten geplant – doch dieser sprang kurzfristig ab. In der Erinnerung an eine frühere erfolgreiche Zusammenarbeit wandten sich die Architekten an Hagemeister. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: „Für uns war dies eine glückliche Fügung“, erklärt Friedhelm Hülsmann. „Was er kurz darauf als Zeichnung und später als Muster auf den Tisch legte, war außergewöhnlich.“

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In millimetergenauer Arbeit klebten die Verarbeitenden die quadratischen Riemchen auf die wärmegedämmte Fassade des Effizienzgebäudes 55 auf. © Dieter Sieg

Klinkerriemchen als Schlüssel zur Fassade mit Tiefe

Die besondere Wirkung des Neubaus liegt in der Fassadentextur – einer horizontal verlaufenden Wellenstruktur, die als gestalterisches Zitat auf klassizistische Kanneluren verweist. Diese waagerechten Auskehlungen erinnern an archaische Vorbilder aus der römischen und griechischen Säulenordnung, die in der Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts erneut aufgegriffen wurden. Für die Umsetzung der Struktur in einem modernen Mauerwerksbau bot sich der Werkstoff Ton an – verarbeitet zu schlanken, hochwertigen Klinkerriemchen, die trotz ihrer geringen Tiefe die optische Tiefe und Materialität traditioneller Klinker transportieren.

Aufgrund ihrer geringen Tiefe eignen sich Klinkerriemchen optimal für Gebäudehüllen mit Wärmedämm-Verbundsystem. © Dieter Sieg

„Bei der Fassadendiskussion hatten wir sehr konkrete Vorstellungen: Wir wünschten uns eine besondere Textur und ein erdiges, natürliches Material. Daher tendierten wir zum Rohstoff Ton“, erklärt Kevin Minor. „Eine Gestaltung der Vorhangfassade mit Klinkersteinen wäre aus maßlichen Gründen nicht gegangen. Daher fiel die Überlegung auf schlanke, hochwertige Klinkerriemchen, die optisch nahezu identisch sind.“

Individuelle Formgebung und Farbgebung aus einem Guss

Die Umsetzung der gewünschten Wellenform erforderte ein hohes Maß an technischer Präzision. Bei Hagemeister wurde ein spezielles Werkzeug zur Pressung der Tonstränge entwickelt, das die Fassadenstruktur mit markanten, aber sanften Wellenbergen erzeugt. Die Riemchen wurden aus vollformatigen Klinkern geschnitten – eine Technik, die für außergewöhnliche Härte sorgt und auch Sonderformate erlaubt. Etwa 35.000 Klinkerriemchen im quadratischen Format 90 x 25 x 90 Millimeter wurden gefertigt – exakt auf das architektonische Raster des Gebäudes abgestimmt.

Farblich orientierte sich die Wahl am historischen Erscheinungsbild der Stadt. „Kleve galt aufgrund der klassizistischen Architektur mit typischerweise hell verputzten Wänden einst als ‚weiße Stadt‘“, erklärt Friedhelm Hülsmann. Die Entscheidung fiel daher auf den Hagemeister-Fassadenklinker Marbach GT in einem warmen, hellen Weißton. Eine Engobe auf den Tonsträngen vor dem Brand sorgte für die charakteristische Patinierung, während die farblich abgestimmte Fuge das Gesamtbild harmonisch abrundet.

Handwerkskunst in der Umsetzung: Präzision auf der Fläche

Die Architekten wünschten sich einen hellen, sandigen Farbton – schließlich entschieden sie sich für die Sortierung Marbach GT in einem warmen Weißton. © Dieter Sieg

Den letzten Schliff erhielt die Fassade durch die sorgfältige Ausführung vor Ort. Die Firma Kohl Maler- und Restaurator aus Kleve verklebte die quadratischen Klinkerriemchen auf der wärmegedämmten Außenhaut des Gebäudes im Effizienzhausstandard 55 – passgenau, rastergerecht und mit höchster Präzision. Die geringe Tiefe der Riemchen erwies sich dabei als vorteilhaft für die Integration in das Dämmsystem.

„Für den Abschluss gedämmter Wände sind Klinkerriemchen aufgrund ihrer geringen Tiefe ideal. Mit dem quadratischen Format und nur 9 Zentimeter Längen passte das Klinkerriemchen außerdem optimal in die Gitterstruktur des Gebäudes“, so Kevin Minor.

Architektur mit Haltung: Ein Projekt zwischen Historie und Innovation

Hagemeister fertigte zur Produktion der rund 35.000 Klinkerriemchen ein eigenes Werkzeug an, das die wellenförmige Oberfläche erzeugt. © Dieter Sieg

Das Gebäude an der Lindenallee in Kleve ist mehr als ein gelungener Neubau. Es ist ein Beispiel für die sinnvolle Verbindung von Tradition und Innovation im Mauerwerksbau. Die Kombination aus architekturgeschichtlichem Bewusstsein, ästhetischem Anspruch und moderner Baustofftechnologie macht die Fassade zu einem zeitgenössischen Zitat klassischer Baukultur.

„Als Architekten ist es unser Anliegen, Städte wertig, durchdacht und nachhaltig zu gestalten“, sagt Friedhelm Hülsmann. „Bei diesem Objekt kam eine hohe Handwerkskultur sowohl bei der Entwicklung und Produktion der Klinkerriemchen als auch seiner Verlegung zusammen. Dass wir unsere Vision einer unverwechselbaren Fassade umsetzen konnten, machte uns viel Freude.“

Mit dieser Fassadengestaltung zeigt sich, wie Hagemeister-Klinkerriemchen neue Maßstäbe für die moderne Fassade setzen – technisch anspruchsvoll, gestalterisch eigenständig und im Sinne einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung.

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