Marktsituation
Was tun bei schlechter Zahlungsmoral?
Nach der langen Talfahrt kommen aus der deutschen Bauwirtschaft wieder zuversichtlichere Töne. So wuchs der Umsatz im vergangenen Jahr real um 2,4 Prozent. Allerdings ist der Aufschwung ungleich verteilt. Im Hochbau sank der Umsatz weiter, wenn auch nur leicht, um 0,8 Prozent. Der Tiefbau dagegen konnte seinen Umsatz um 5,8 Prozent steigern. In diesem Jahr rechnet die Branche mit einem realen Plus von 2,5 Prozent. Verantwortlich für die Trendwende sind vor allem Großaufträge infolge der staatlichen Investitionen in den Straßenbau, bei der Bahnstreckensanierung und der digitalen Infrastruktur. Aber auch beim Hochbau sind die Auftragseingänge inzwischen positiv.
Eskalation in Nahost verteuert Produktion
Doch mit der Eskalation im Nahen Osten durch den Irankrieg droht der Branche neue Unsicherheit. Die Zahl der Insolvenzen im deutschen Baugewerbe, die im vergangenen Jahr auf ein Rekordniveau gestiegen war, dürfte deshalb auch 2026 hoch bleiben. Jede fünfte Insolvenz in Deutschland entfällt derzeit auf den Bau. Großinsolvenzen wie etwa der Signa-Gruppe ziehen oft viele Subunternehmer und Zulieferer mit in die Tiefe. Und durch die sprunghaft gestiegenen Energiekosten bei Öl und Gas droht zusätzliche Belastung. Wovon auch die Zulieferer der Branche erfasst werden, so dass die Baubranche nicht nur mit höheren Energiekosten, sondern auch mit höheren Preisen für Vormaterialien und Betriebsstoffe rechnen muss.
Zahlungsmoral verschlechtert sich – weltweit und in Deutschland
Die geopolitischen Krisen schlagen sich auf die Zahlungsmoral durch. Sie hat sich weltweit so stark verschlechtert wie seit der großen Finanzkrise 2008 nicht mehr, analysiert der weltweit führende Kreditversicherer Allianz Trade in einer Studie. Der Zeitraum zwischen Rechnungslegung und
Bezahlung hat sich im Schnitt um drei auf 59 Tage erhöht. In Deutschland sieht es mit einem Anstieg um 0,8 auf 54 Tage kaum besser aus. Lieferanten und Kreditgeber sehen sich von ihren Auftraggebern gezwungen, ihre Zahlungsziele tendenziell ausweiten. Insbesondere im Metall- und Elektrogewerbe, der Logistik- und Transportbranche sowie dem Baugewerbe und Einzelhandel kommt es häufig zu Verzögerungen.
Nach einer aktuellen Umfrage von Coface, einem Anbieter von Kreditversicherungen, gaben 78 Prozent der Unternehmen an, von Zahlungsverzug betroffen zu sein. Sprunghaft sei insbesondere der Anteil der Rechnungen gestiegen, die länger als sechs Monate fällig bleiben. Davon sind 16 Prozent aller Unternehmen betroffen, ergab die Umfrage. Besonders alarmierend: Nach den Erfahrungen von Coface werden 80 Prozent der Rechnungen, die länger als 180 Tage säumig sind, nie bezahlt. „Je länger Unternehmen auf ihr Geld warten müssen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Rechnung gar nicht bezahlt wird“, sagt Milo Bogaerts von Allianz Trade. Unternehmen sollten deshalb offene Forderungen eng überwachen und fällige Rechnungen schnell und professionell eintreiben. Der größte Fehler ist es, sich in Geduld zu üben und passiv auf den Zahlungseingang zu warten. Es gilt, bereits vor Eintritt der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners aktiv zu werden
Was tun bei offenen Forderungen?
Unternehmen sollten also frühzeitig den Kontakt mit dem säumigen Schuldner suchen.
1. Unmittelbar reagieren. Dass man nicht sofort einschreitet, liegt häufig daran, dass der Geschäftspartner in der Vergangenheit stets zuverlässig war und man nicht die gute Geschäftsbeziehung beeinträchtigen will. Aus Sicht eines Verhandlungsexperten aber ist es falsch abzuwarten, statt die eigenen Interessen proaktiv zu vertreten und von Tag eins an ausbleibende Zahlungen anzusprechen. Zögerliches Verhalten kann als Zeichen von Nachgiebigkeit und mangelnder Professionalität interpretiert werden. Bei einer langjährigen Geschäftsbeziehung besteht zudem die Gefahr, dass Kunden nachlässiges Verhalten gegenüber Zahlungszielen für normal bei einer guten Partnerschaft halten und daraus das Recht auf weitere Übertretungen ableiten. Gerade deshalb ist es wichtig, auf korrekter Bezahlung innerhalb der Fälligkeit zu bestehen. Dies ist Ausdruck unternehmerischer Professionalität.
2. Strikter Fahrplan. Ist eine Forderung im Verzug, sollten Unternehmen gleich am ersten Tag eine freundliche, schriftliche Erinnerung schicken. Zeigt das bis zum dritten Werktag keinen Erfolg, sollte man persönlich telefonischen Kontakt zum Schuldner suchen. Und explizit darauf hinweisen, dass man bei ausbleibender Zahlung eine Woche später den Prozess eskalieren wird, indem man den oder die Vorgesetzen des Schuldners einbezieht. Dadurch macht man dem Schuldner klar, dass es ernst wird. Damit dies nicht als persönlicher Zwist aufgefasst wird, kann man auf interne Richtlinien verweisen,
die dieses Vorgehen erzwingen. Bleiben die Zahlungen weiterhin aus, sollten Gläubiger dann alle zwei Tage in den Hierarchiestufen nach oben gehen bis direkt zur Geschäftsführung beziehungsweise dem Vorstandsvorsitzenden.
3. Mahnprozess starten, Belieferung einstellen. Parallel sollte man den offiziellen Mahnprozess starten. Auf zwei Mahnschreiben folgt die Androhung eines Mahnverfahrens inklusive Mahngebühren und Verzugszinsen. Dabei sollte man sich nicht von den Ausreden des Schuldners hinhalten lassen, etwa angeblichen Fehlern der Buchhaltung, zu wenig Personal oder Wechsel des Buchhaltungsanbieters. Vielmehr sollte der Gläubiger als nächste Stufe der Eskalation ankündigen, dass er ab sofort die weitere Belieferung einstellt. Schon das Wort „Lieferstopp“, verbunden mit einer Zeitangabe, kann wahre Wunder bewirken.
4. Anwalt einschalten, Position ausloten. Parallel empfiehlt es sich, einen Anwalt hinzuzuziehen und einschätzen zu lassen, wie stark die eigene Position ist und ob sich die Forderung juristisch und materiell durchsetzen lässt. Fällt die Prüfung positiv aus und ist die Forderung weiter im Verzug, sollte man diesen Weg gehen, eventuell unter Einschaltung eines Inkasso-Büros. Denn, wie erwähnt: Je länger die Forderung nicht beglichen wird, umso wahrscheinlicher ist ihr Totalausfall.
Zur Autorin
Katharina Weber ist Gründungsmitglied und CEO der Negotiation Advisory Group (NAG), Sie hat Volkswirtschaft mit Schwerpunkt auf Wettbewerbsökonomie und Spieltheorie studiert und verfügt über langjährige Beratungserfahrung in großvolumigen und hochkomplexen Verhandlungen.











