Interview

Melanie Steinbeck,

„Der Schaum steht für ein grundsätzliches Problem im Bausektor“

PU-Schaum gehört seit Jahrzehnten zu den etablierten Produkten auf Baustellen. Er dichtet, verbindet und beschleunigt Arbeitsabläufe. Doch die Debatte um diesen unscheinbaren Baustoff reicht längst über technische Fragen hinaus. Angesichts neuer Anforderungen an Kreislaufwirtschaft, Materialgesundheit und Ressourceneffizienz geraten auch alltägliche Materialien zunehmend auf den Prüfstand. Für die Münchner Architektin und Stadtplanerin Kristiane Floros steht PU-Schaum exemplarisch für eine Branche, die noch immer stark auf kurzfristige Effizienz setzt, während Reparierbarkeit, Rückbaubarkeit und Ressourcenschonung an Bedeutung gewinnen. Ein Gespräch über einen unscheinbaren Baustoff und die Denkweise, die hinter unseren Entscheidungen beim Bauen steht.

Kristiane Floros ist Stadtplanerin, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule München. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Bestandsentwicklung, ressourcenschonendem Bauen und langlebigen Architektonischen Konzepten. Sie forscht zu ökologischem und klimagerechtem Bauen. © Lisa Martin / Renate Forster

Frau Floros, Sie sagen: „Der Schaum steht für ein grundsätzliches Problem im Bausektor.“ Was meinen Sie damit?

Kristiane Floros: PU-Schaum ist für mich weniger ein Baustoff als ein Symbol. Er steht für eine Denkweise, die im Bauwesen weit verbreitet ist: Hauptsache schnell, einfach und sofort wirksam. Das Problem ist nicht die einzelne Dose Schaum. Das Problem ist, dass wir viele Entscheidungen immer noch danach treffen, was heute am bequemsten ist, und zu selten danach fragen, welche Folgen diese Entscheidung in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren hat. Kurz gesagt: Wir bewerten kurzfristige Effizienz oft höher als langfristige Reparierbarkeit, Rückbaubarkeit und Ressourcenschonung. Der Schaum macht diese Haltung sichtbar.

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PU-Schaum gilt als universeller Problemlöser auf der Baustelle. Warum ist er so erfolgreich?

Er verspricht eine einfache und schnelle Lösung. Dose auf, einsprühen, fertig.

Welche Probleme sehen Sie dann beim Einsatz?

Neben den bekannten Fragen zu Inhaltsstoffen und Ressourcenverbrauch ist vor allem die mangelnde Rückbaubarkeit problematisch. PU-Schaum verbindet unterschiedliche Materialien dauerhaft miteinander. Was heute als praktische Lösung erscheint, erschwert morgen Reparatur, Trennung und Wiederverwendung erheblich.

Warum gewinnt dieser Aspekt aktuell an Bedeutung?

Weil sich die Anforderungen an Gebäude verändern. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie wir bauen, sondern auch, wie wir Bauteile erhalten, austauschen oder später wieder in Stoffkreisläufe zurückführen können. Materialien und Verbindungen müssen deshalb zunehmend vom Ende ihrer Nutzung her gedacht werden.

Bedeutet das, dass die Branche grundsätzlich umdenken muss?

Auf jeden Fall. Jahrzehntelang haben wir Gebäude vor allem als Endprodukte betrachtet. Heute müssen wir sie als Materiallager verstehen. Jeder Baustoff, jede Verbindung beeinflusst, ob ein Gebäude später repariert, umgebaut oder zurückgebaut werden kann. Der Schaum macht symbolisch sichtbar, wie groß die Lücke zwischen linearem Bauen und echter Kreislaufwirtschaft noch ist.

Welche Alternativen stehen zur Verfügung?

Viele Lösungen sind seit Langem bekannt. Fugen können beispielsweise mit Hanf, Werg, Schafwolle oder Holzwolle ausgeführt werden. Hinzu kommen moderne Rundprofile oder Spritzkorksysteme. Bei Fenstern und Türen sollte zudem immer geprüft werden, ob mechanische Verbindungen gegenüber Verklebungen Vorteile bieten.

Warum werden solche Alternativen bislang vergleichsweise selten eingesetzt?

Weil etablierte Routinen im Bauwesen sehr wirksam sind. Das Killerargument auf der Baustelle ist: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Hier eine Veränderung zu bewirken, kostet Zeit und Geduld, nicht unbedingt Geld.

Gibt es aus Ihrer Sicht Fortschritte bei Schaumprodukten selbst?

Ja, beispielsweise durch isocyanatfreie Varianten. Das ist eine positive Entwicklung. Allerdings bleibt auch hier die Tatsache, dass wir Materialien dauerhaft verbinden und einen Rückbau im Sinne von echter Kreislaufwirtschaft unnötig erschweren. Außerdem bleibt die grundsätzliche Frage: Ist der Einsatz des Materials tatsächlich notwendig oder gibt es eine einfachere Lösung?

Was bedeutet das für Planende?

Bereits in frühen Planungsphasen sollte geprüft werden, welche Materialien eingesetzt werden und wie sich Verbindungen später wieder lösen lassen. Kreislaufwirtschaft entsteht nicht erst beim Rückbau. Sie beginnt schon bei der Planung. Und mit der Bereitschaft, scheinbar selbstverständliche Lösungen zu hinterfragen.

Was bedeutet die Debatte um PU-Schaum letztlich für die Zukunft des Bauens?

Sie zeigt, dass die Transformation des Bauwesens nicht nur bei großen Technologien oder spektakulären Innovationen beginnt. Sie beginnt bei ganz einfachen und alltäglichen Entscheidungen. Der Umgang mit PU-Schaum macht sichtbar, wie wir über Materialien, Ressourcen und Verantwortung denken und ob wir Kreislaufwirtschaft tatsächlich ernst nehmen. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb nicht nur: Was funktioniert heute? Sondern auch: Was lässt sich morgen reparieren, umbauen oder wiederverwenden?

Wenn Sie die Diskussion auf wenige Sätze verdichten müssten: Wofür steht der Schaum?

Für die Entscheidung zwischen kurzfristiger Bequemlichkeit und langfristiger Verantwortung. Genau diese Entscheidung stellt sich im Bauwesen heute an vielen Stellen: bei Materialien, Konstruktionen und der Frage, wie wir mit Ressourcen umgehen. Deshalb geht es in dieser Debatte nicht allein um einen einzelnen Baustoff. Der Schaum steht vielmehr für eine grundsätzliche Frage: Wollen wir weiterhin vor allem für den Moment bauen – schnell, einfach und bequem? Oder gelingt es uns, Gebäude so zu denken, dass sie auch langfristig anpassungsfähig, reparierbar und verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen?

Kurzvita:
Kristiane Floros ist Stadtplanerin, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule München. Gemeinsam mit Dr. Sara Lindner gründete sie 2021 die FINAL Floros & Lindner Part mbB, ein Büro für Architektur und Stadtplanung in München. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Bestandsentwicklung, ressourcenschonendem Bauen und langlebigen Architektonischen Konzepten. Sie forscht zu ökologischem und klimagerechtem Bauen.

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