Nutzfahrzeuge
Ein Duo unter Strom
Zwei Transporterhersteller zeigen, wie Elektromobilität funktionieren kann: Der Routinier Renault und Newcomer Kia. Aber: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es längst nicht dasselbe.
Es wird kein Weg daran vorbeiführen: Künftig fahren Transporter elektrisch. Der Pfad dorthin aber ist holprig. Naheliegend und gerne von Herstellern genutzt: In eine vorhandene Karosserie einen E-Antrieb pflanzen, D und E parallel fertigen, bis das die EU sie scheidet. Jedoch: Die Vorzüge des platzsparenden E-Antriebs kommen dabei nicht zum Tragen. Dafür muss eine spezielle E-Plattform her. Das hat zunächst VW beim Blickfang ID.Buzz Cargo gezeigt. Der aber stößt als Transporter an Grenzen. Wie es klappen kann zeigen jetzt Renault und Kia. Verblüffend ähnlich, aber beileibe nicht identisch.
Renault: Routinier, neu erfunden
Das Allerheiligste von Renault liegt rund eine Autostunde entfernt von Paris. Hier duckt sich das Entwicklungszentrum namens Technocentre Guyancourt gleich einem gelandeten Ufo in die Landschaft. Der passende Rahmen für das neue Transporter-Trio Renault Trafic, Goelette und Estafette E-Tech. Eine Modellfamilie, konsequent auf Elektromobilität ausgelegt.
Siehe Trafic E-Tech, ein auffallend drahtig gebauter Kastenwagen. Windschutzscheibe und Fronthaube haben den gleichen Winkel, es gibt seitlich anschließend an die A-Säule ein großes Van-Fenster. Die Karosserie ist hinten seitlich eingezogen, das Dach zum Heck abgeschrägt mit Abrisskante. Alles sieht durchtrainiert aus, nach Feinschliff im Windkanal. Geringer Luftwiderstand heißt weniger Energieverbrauch, heißt größere Reichweite. Das Auge bleibt an Details hängen, etwa den hochgesetzten Tagfahrleuchten, verbunden mit einer illuminierten Spange und dem Renault-Rhombus.
Drinnen überzeugt die fahrerbetonte Grundstruktur des Cockpits mit seinem üppigen, mittig angeordneten quadratischen Touchscreen im Format zwölf Zoll. Die digitalen Armaturen sind zwar bunt, aber auf den ersten Blick trotzdem recht übersichtlich. Drumherum reihen sich Ablagen auf, beginnend mit einer Wanne hinter der Armaturenabdeckung.
Zu den Überraschungen zählen die Abmessungen des Trafic E-Tech: Neue Autos können tatsächlich auch schrumpfen. Die Variante mit kurzem Radstand begnügt sich mit 4,87 m Länge, 21 cm weniger als das aktuelle Modell – Vorteil E-Antrieb mit minimalem Überhang vorn. Dank 1,92 m Karosseriebreite ist der Transporter sympathisch schlank, mit 1,90 m Höhe flach. Die Ausführung mit langem Radstand – 3,55 statt 3,15 m – streckt sich auf 5,27 m. Renault beziffert das Ladevolumen auf 5,1 und 5,8 m³. Ein Hochdach ist – im Unterschied zum aktuellen Modell – nicht vorgesehen.
Unter der Karosserie steckt die neue E-Plattform des Renault-Beteiligungsunternehmens Flexis. Das Transporter-Fundament strotzt vor Besonderheiten. Da wäre eine vergleichsweise günstige und haltbare Lithium-Eisenphosphat-Batterie mit einer Kapazität von 60 oder 81 kWh, eine aufwendige 800-Volt-Architektur und maximal 160 kW Ladeleistung. Den E-Motor siedelt Flexis im Bereich der Hinterachse an. Er leistet 150 kW (204 PS), bringt es auf 345 Nm Drehmoment. Der Stromverbrauch soll sich auf nur 17 kWh/100 km belaufen, das ergibt Reichweiten von rund 350 und 450 km. Trotz lupenreinem Heckantrieb beschränkt sich die Ladekante auf praktische 500 mm Höhe. Heckantrieb bedeutet beladen Traktion sowie eine praxisgerechte Anhängelast, von zwei Tonnen ist die Rede. Und er ermöglicht einen großen Einschlagwinkel der Vorderräder, das ergibt einen 10,3-m-Wendekreis. Die zulässige Gesamtmasse reicht bis 3,5 Tonnen.
Trafic E-Tech und Konsorten sind Software Defined Vehicles (SDV). Das bedeutet zwei Hochleistungs-Zentralrechner statt einer Vielzahl von Steuergeräten und ein eigenes Betriebssystem. Die digitalen Blutkörperchen schießen fünfzigmal so schnell durch die Stromadern wie bisher. Es wird individuelle Angebote für Fahrzeugfunktionen geben, Apps für die Steuerung von Ein- und Aufbauten. Auch Telematiksysteme der Nutzer lassen sich integrieren, Fuhrparkbetreiber können also aus der Ferne Eingriffe vornehmen. Und dann wären da auch eine noch präzisere vorausschauende Wartung in Echtzeit mit Ferndiagnosen und Updates Over The Air (OTA) zur fortlaufenden Aktualisierung der Software.
Die neue Elektro-Plattform ist für alle drei Sub-Baureihen identisch. Also auch für den Goelette E-Tech, die Fahrgestellvariante des Trafic. Renault präsentiert ihn mit einem Kofferaufbau in zwei Varianten ab Werk: Da wäre ein Hochlader mit Ladekante von rund 800 mm, ohne störende Radkästen im Frachtabteil. Alternativ ein Tieflader mit 550 mm niedriger Ladekante. Radstände, Längen sowie Breite des Goelette entsprechen dem Trafic. Für individuelle Lösungen wird Renault ein Fahrgestell anbieten, auch als Doppelkabine. Und ab Werk folgt sogar ein Kipper.
Der Estafette E-Tech komplettiert das Trio. Er – und das wagt ab Werk derzeit kein anderer klassischer Transporterhersteller – ist konsequent als Zustellfahrzeug ausgelegt, aber auch als Servicemobil denkbar. Auch hier tauchen die identischen Grunddaten in Länge und Breite auf, jedoch mit langem Radstand. Der Transporter ist hoch aufgeschossen, er trägt daher eine veränderte Front.
Unauffällig geführte Schiebetüren führen ins Cockpit. Auf der Bordsteinseite ergänzt eine besonders breite Trittstufe den Eingang, das bedeutet mehr Sicherheit beim häufigen Rein und Raus. Beladen wird per Rolltor im Heck. Der Fahrerplatz im Estafette ist auf einem Podest angesiedelt, rech-terhand ergänzt durch einen Klappsitz.
Von der ersten Präsentation im Allerheiligsten von Renault bis zum Start wird noch ein Jahr vergehen. Und der aktuelle Trafic? Renault wird die Verbrenner-Fahrzeuge weiterlaufen lassen. Nur der heutige Trafic E-Tech wechselt in den Ruhestand, denn seine Nachfolger Renault Trafic, Goelette und Estafette E-Tech überholen ihn dank konsequenter E-Auslegung mühelos.
Kia: ganz neu am Start
Ein wenig früher dran als Renault ist der neue Wettbewerber Kia. Vorteil: Die Marke muss mit neuen E-Transportern auf kein Vorgängermodell Rücksicht nehmen. PV5 Cargo heißt nüchtern der Vorläufer einer kompletten Riege. Darunter steckt eine Plattform mit der komplexen Bezeichnung E-GMP.S und günstiger 400-Volt-Architektur. Da wäre ein vorn angeordneter Elektromotor mit einer Leistung von 120 kW (163 PS) und einem Drehmoment von 250 Nm. Dann ein Batteriepaket in kompakter Cell-to-Pack-Technik, das bedeutet Verzicht auf herkömmliche Batteriemodule. Zur Wahl stehen 51,5 kWh oder 71,2 kWh Kapazität eines NMC-Akkus (Nickel-Mangan-Kobalt). Dazu stößt künftig eine Einstiegsvariante mit LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) und 43,3 kWh. Im Bestfall soll der PV5 damit eine Reichweite von rund 400 km schaffen.
Die Verpackung des Kia ist markentypisch: Ins Auge fallen stabförmige Tagfahrleuchten und ein Mix aus Kanten und Rundungen. Hinzu kommen Details für den rustikalen gewerblichen Einsatz: ein reparaturfreundlicher dreiteiliger Stoßfänger, kräftige Türgriffe sowie gut geschützte Radläufe und Schwellerleisten. Der PV5 wird mit einem Radstand von exakt 2995 mm in zwei Längen von 4,5 und 4,7 m vorfahren, die gestreckte Ausführung auch mit Hochdach. Dann wächst der Transporter außen von 1,9 auf 2,2 m Höhe, innen auf 1,8 m und das Volumen des Laderaums von 4,4 auf 5,1 m³. Mit 1,9 m Breite ist der Transporter ebenfalls drahtig.
Trotz der Batterie im Kellergeschoss überrascht der Kia PV5 mit einem ex-trem niedrigen Ladeboden von nur rund 420 mm Höhe. Nachteil: Hinten passt eine Europalette angesichts von lediglich rund 900 mm Abstand zwischen den Radkästen und Fahrwerkskomponenten nur längs hindurch. Ist Querbeladung gewünscht, wird Kia daher einen Zwischenboden 600 mm über Fahrbahnhöhe anbieten, das kostet Volumen. Der PV5 Cargo schultert bis zu 770 kg Nutzlast und erreicht eine zulässige Gesamtmasse von etwa 2,7 Tonnen. Die zulässige Anhängelast beziffert Kia zurzeit mit lediglich 750 kg.
Weiter vorn bietet das Cockpit des PV5 reichlich Platz. Der Fahrer blickt auf eine sehr kompakte Instrumentierung, in der Mitte macht sich ein Touchscreen im Format 12,9 Zoll breit. Die Einrichtung wirkt aufgeräumt, die Materialqualität angemessen. Die niedrige Sitzposition erinnert eher an einen Van denn an einen Transporter.
Zum Programm gehören neben dem Kastenwagen der PV5 Crew mit zweiter faltbarer Sitzbank und ein Fahrgestell mit Fahrerhaus. Im Zulauf sind in den kommenden Jahren größere Ausführungen bis weit hinein in das Segment der 3,5-Tonner. Kia richtet ein eigenes Conversion Center für Aufbauten ein. Bereits zum Start soll es Kipper, Koffer und Kühler geben.
Der Clou des PV5: Kia geht mit einem Nettopreis von 32 933 Euro für die Langvariante mit flachem Dach und mittlerem Akku ins Rennen. Damit unterbietet der Kia alle aktuellen Wettbewerber deutlich. Spannend wird’s, wenn bald die Leasingangebote auf dem Tisch liegen, denn darin gehen die kalkulierten Restwerte ein.
Doch nicht so holprig?
Eines wird angesichts von Renault und Kia deutlich: Vielleicht ist der Pfad zur E-Mobilität gar nicht so holprig, wenn Transporterhersteller ihn beherzt bahnen? Das spricht sich herum: Mercedes entwickelt seine nächsten Transporter ebenfalls auf einer eigenen neuen E-Plattform.












